Interview mit Gabriele Rohmann

Bitte stellen Sie sich unseren Leserinnen und Lesern kurz vor
Ich bin Sozialwissenschaftlerin und habe Soziologie, Germanistik und Wirtschafts- und Sozialpsychologie studiert. Seit meinem Studium bin ich sowohl journalistisch als auch in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und beschäftige mich seit 17 Jahren auch mit dem Thema Jugendkulturen. Im Jahr 1997 gründete ich mit sechs weiteren Kollegen, darunter Klaus Farin, Dr. Angar Klein und Eberhard Seidel, das Archiv der Jugendkulturen als gemeinnützigen Verein. Die Gründungsmitglieder kamen hauptsächlich aus den Bereichen der Jugendszenen, Medien und Wissenschaft. Wir wollten eine Einrichtung schaffen, die differenziert über Jugendkulturen informiert, den Stand der Jugendkulturen dokumentiert, Veränderungen und Entwicklungen beobachtet und auf die Formen der politischen Handlungen der Szenen aufmerksam macht. Parallel zum Aufbau des Vereins und dem Einzug in die Räumlichkeiten arbeitete ich weiterhin im journalistischen Bereich und legte in meinen Tätigkeiten zur politischen Bildung einen Schwerpunkt auf Diskriminierungen, insbesondere Rechtsextremismus in Deutschland.

Welche Aspekte sind wichtig, wenn man sich gemeinsam mit Jugendlichen mit Themen zur politischen Bildung, zivilgesellschaftlichem Engagement oder Antisemitismus auseinandersetzt?
Im Archiv der Jugendkulturen haben wir zahlreiche Projekte zu den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und anderen Diskriminierungen umgesetzt. Wir legen dabei sehr viel Wert darauf, uns mit den Jugendlichen gemeinsam mit Themen der politischen Bildung, des zivilgesellschaftlichen Engagements und natürlich mit Rechtsextremismus oder Antisemitismus auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, die Jugendlichen stark in Projekte einzubeziehen, herauszufinden, wo sich Politik in ihrer Lebenswelt widerspiegelt und so ihr Interesse zu wecken. Ein Zugang zur Lebenswelt der Jugendlichen sind die Jugendkulturen. Über Musik, Mode oder Stil einer Szene kann man die jeweiligen Jugendlichen leichter erreichen. Dahinter steckt oft mehr politische Bildung oder ein Interesse an bestimmten politischen Themen als von Außenstehenden angenommen.

Welche Beispiele können Sie hier nennen?
Viele. Keine Jugendkultur entsteht im luftleeren Raum. In den jeweiligen Jugendkulturen werden gesellschaftliche Themen und konkrete Situationen in Liedtexten oder im Style verarbeitet. Die Hip-Hop-Bewegung beispielsweise entstand vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund von Rassismus in den USA, und die Entstehungsgeschichte von House-Music hängt stark mit dem schwulen, schwarzen Club-Milieu zusammen.

Wie kann man sich die Arbeit des Archiv der Jugendkulturen vorstellen?
Wir arbeiten mit Jugendlichen und Erwachsenen, denn auch Erwachsene haben einen sehr großen Wissensbedarf in Bezug auf das Thema Jugendkulturen. Ein wichtiger Ansatz ist die Zusammenarbeit mit authentischen Szenevertretern/-innen, die sich in den jeweiligen Szenen sehr gut auskennen und somit unsere Expertinnen und Experten sind. Sie reflektieren die Entwicklung der Szenen und kennen den aktuellen Stand. Wir können so herausfinden, wie die Entwicklung hin zu den heutigen Jugendkulturen ablief und was genau so viele Jugendliche daran fasziniert. Gemeinsam mit Jugendlichen erarbeiten wir die Ursprünge und das Spektrum einer Jugendkultur. So lernen sie, dass Hip Hop nicht nur Bushido und Gangster-Rap ist, sondern dass es sich dabei in den 70er Jahren ursprünglich um eine emanzipatorische Grundbewegung handelte. Dieser Aspekt spielt auch im heutigen Hip Hop eine große Rolle.
Ein großer Arbeitsbereich des Archivs ist die politische Bildung, d. h. das Angebot von Workshops, Projekttagen und -wochen mit Jugendlichen und Erwachsenen. Die Projektarbeit findet zum einen unter dem Aspekt der Geschichte und Entwicklung von Jugendkulturen statt, zum anderen bieten wir Teilnehmenden die Möglichkeit sich praktisch auszuprobieren, kreative Potenziale zu testen und zu entwickeln, außerdem beraten und begleiten wir Jugendliche in die Jugendkulturen. Das Konzept basiert auf einem emanzipatorischen Hintergrund und regt zur Beteiligung, Kreativität, Auseinandersetzung mit und Reflexion über Jugendkulturen an.
Der zweite Arbeitsbereich ist das Archiv als Forschungs- und Bildungsstätte. In unserer Fachbibliothek bieten wir jugendkulturelle Literatur, tausende DVDs, CDs und Zeitschriften sowie gesammelte Fachliteratur an. In unserem angeschlossenen Verlag haben wir in den letzten 10 Jahren über 70 Bücher publiziert, unter anderem Belletristik, Autobiographien, Bildbände und Doktorarbeiten.
Ein weiterer Arbeitsbereich umfasst Ausstellungen und existiert bereits seit mehr als sieben Jahren. Unsere erste große Ausstellung bestand aus der Reflexion über 50 Jahre Bravo, 50 Jahre Jugendkulturen in Deutschland. Es folgten Wanderausstellungen zu den Themen Antisemitismus, Migration, Rassismus und aktuell zu Diskriminierungen in Jugendkulturen. Der Hauptsitz und die Bibliothek des Archivs sind zwar in Berlin, unsere Bildungsarbeit, bisher an mehreren hundert Einrichtungen mit vielen tausend Jugendlichen und Erwachsenen, findet aber im gesamten deutschsprachigen Raum statt.

Welchen Stellenwert hat zivilgesellschaftliches Engagement in ihrer Arbeit?

Das zivilgesellschaftliche Engagement steht bei uns im Zentrum. Wir diskutieren und bearbeiten mit Jugendlichen und Erwachsenen gesellschaftliche und politische Bildungsthemen. Wir regen dabei zum kritischen Hinterfragen und zur eigenen Beteiligung an und überlegen, wie man ein friedliches Miteinander gestalten kann.

Aktuelles zum Jugendarchiv:
Zur Zeit laufen bei uns drei größere Projekte und Ausstellungen: Das Projekt Eigenregie bringt junge und ältere Menschen zusammen. Jugendliche befragen Ältere zu gesellschaftspolitischen Themen und erarbeiten daraus multimediale Clips. Das Projekt "Der z/weite Blick" präsentiert eine Wanderausstellung zum Thema Diskriminierungen in Jugendkulturen. Außerdem kann man unsere Ausstellung "Träum schön weiter" ausleihen, die einen authentischen und höchst differenzierten Blick in die Lebenswelten von Jugendlichen in Berlin-Neukölln erlaubt. Unser aktuelles Projekt zum Thema Antisemitismus ist New Faces. Es verfolgt einen innovativen Ansatz und ist jugendkulturell, medienpädagogisch, intergenerationell und interkulturell angelegt. Im Rahmen von New Faces begeben sich junge Israelis, die in Berlin leben, auf Spurensuche und treten in Austausch mit deutschen Jugendlichen, die so aus erster Hand Einblicke in das Leben und den Alltag im Nahen Osten erfahren. Aus den gemeinsam erarbeiteten Ergebnissen entstehen multimediale Wanderausstellungen. Die Berliner Ausstellung ist bis zum 5. Mai am Max-Planck-Gymnasium zu sehen. Am 7. Mai findet zum Thema 80 Jahre Bücherverbrennung im Brecht-Haus im Literaturforum die Veranstaltung LESUNGEN UND RAP mit Lesungen und der Vorführung von Videoclips statt.
Außerdem setzen wir gerade für mehrere Kommunen in Baden-Württemberg Jugendfreizeitpräferenz-studien um, inklusive Kreativwettbewerben und mit hohen Anteilen an jugendlicher Partizipation. Gerade für Kleinstädte und ländliche Regionen wird es offenbar immer wichtiger angesichts schwindender Jugend, diese zu motivieren, nicht abzuwandern. Unsere Arbeit signalisiert Jugendlichen: Ihr seid erwünscht und Ihr könnt Eure Gemeinde mitgestalten. Auch das ist letztlich ein Beitrag zur Rechtsextremismusprävention.

Welche Erfahrungen können Sie in den Beirat des BfDT einbringen?
Ich möchte mein eigenes langjähriges Engagement für ein demokratisches und friedliches Miteinander in die Arbeit des Beirates einbringen und mit Kultur gegen menschenverachtende Haltungen einstehen. Ich bin schon sehr lange in der Bildungsarbeit tätig und gebe meine Erfahrung aus der Praxis, vor allem die Arbeit mit jugendkulturellen und medienpädagogischen Ansätzen, gern weiter.

Welche Erwartungen haben Sie an die Tätigkeiten im Beirat des BfDT?
Ich freue mich schon auf die Arbeit im Beirat und darauf, die Expertise des Archivs hier einbringen zu können. Besonders gespannt bin ich auf die Diskussionen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und wie mit ihnen im BfDT umgegangen wird. Gerade die Zusammensetzung des Beirats aus unterschiedlichsten Bereichen ermöglicht einen Erfahrungsaustausch und Diskussionen, die bestimmt sehr interessant werden.


 

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