06.07.2009

Für ein friedliches und tolerantes Zusammenleben in Lichterfelde-Süd

Mentoring-Programm bei Bus-Stop e.V.

Foto: Bus-Stop e.V.
Foto: Bus-Stop e.V.
Foto: Bus-Stop e.V.
Von Volker Langner (Bus-Stop e.V.)

Mentoren-Teamsitzung, Donnerstagnachmittag: Die Leiterin des Schulhortes sitzt in einer Runde von ca. 10 jungen Erwachsenen und berichtet über den Zweitklässler M, 6 ½ Jahre alt. M. fällt in den letzten Wochen in der Schule durch Unruhe und aggressives Verhalten auf. Die Hortleiterin fragt die Anwesenden nach ihrer Einschätzung. Mehrere Jugendliche kennen M., dessen Geschwister, die Familie. Auch im Kiez ist M. bereits durch sein gewaltbereites Verhalten aufgefallen, gegen die älteren Brüder laufen Ermittlungsverfahren, die Familie gilt als schwer zugänglich. Die Mentoren machen Vorschläge, wie man auf M. und dessen Familie zugehen könnte. Gemeinsam mit der Hortleiterin sowie den beiden Leitern des Mentoring-Programms wird eine Strategie entwickelt und das weitere Vorgehen abgesprochen.
14 Tage später, Mentoren-Teamsitzung, es wird über die durchgeführten Aktivitäten berichtet. Zwei Mentoren mit demselben kulturellen Hintergrund und Bekannte von M. hatten ihn eingeladen, sie beim Zeitungsaustragen zu begleiten. M. fühlte sich von den „Großen“ ernst genommen, hat langsam Vertrauen gefasst und über die Probleme mit seinen großen Brüdern berichtet, die ihn unter Androhung von Gewalt zu Diebstählen gezwungen hatten. Eine weitere Mentorin ist über eine Tante von M. an die Familie herangetreten. So konnten die Eltern animiert werden, in ein erstes Gespräch mit LehrerInnen und ErzieherInnen einzuwilligen. M. nimmt nun Angebote der Schulstation wahr und kommt nachmittags regelmäßig zu „Bus-Stop e.V.“, wo er auch „seine“ Mentoren trifft.

Diese Geschichte spielte sich in der Thermometersiedlung, Ortsteil Lichterfelde-Süd, im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf ab. Die Bewohnersituation der im Hochhausstil errichteten Siedlung ist seit Jahren durch eine selektive Entmischung geprägt, mehr als 2/3 der Einwohner sind nichtdeutscher Herkunft. Es leben hier viele Kinder und Jugendliche, die nicht mehr schul- oder ausbildungsfähig sind und ihre Freizeit auf der Straße verbringen. Ihre Perspektivlosigkeit entlädt sich oft genug in Vandalismus und anderen Straftaten. Der „Interkulturelle Kinder-, Jugend- und Familienstützpunkt Bus-Stop e.V.“ nimmt sich der Problematik im Kiez an und stellt niedrigschwellige Angebote bereit. Bus-Stop integriert die verschiedensten Aktivitäten der Bewohner aus der Thermometersiedlung: Morgens sind hier vorwiegend Senioren aktiv, am Nachmittag nehmen Grundschulkinder die unterschiedlichen Angebote wahr, abends beherrschen die Jugendlichen das Bild.

Neben dem (über Spenden finanziertem) kostenlosen Mittagessen können die „Kids von der Straße“ unter Betreuung ihre Hausaufgaben erledigen und an Angeboten zur Freizeitgestaltung teilnehmen. Betreuer sind allerdings nicht nur erwachsene Pädagogen sondern auch ältere Jugendliche, die die Kinder kennen und die für sie Respekt- und Vorbildpersonen sind. Die Jugendlichen, selbst in der Einrichtung groß geworden, nehmen bei Bus-Stop an verschiedenen Maßnahmen des JobCenters teil und sind bereit, sich für die jüngeren Kinder engagieren.

Zielsetzung des Mentoring-Programms ist die Heranbildung eines qualifizierten Mentoren-Teams, das durch seine Tätigkeit zur Gewaltprävention und Konfliktlösung in Lichterfelde-Süd beiträgt. Über eine zertifizierte Qualifizierung und den begleiteten Einsatz als Mentor erwerben die jungen Erwachsenen zusätzliche Kompetenzen für ihre Zukunftsgestaltung und erhöhen ihre Chancen für einen Eintritt in den Arbeitsmarkt. Die Jugendlichen zwischen 17 und 27 Jahren müssen sich nach einer eventuellen „Karriere als Straftäter“ gewandelt haben und bereit sein, ihr Verhalten auch weiterhin zu reflektieren und zu verändern. Pro Jahr nehmen etwa 10-15 Jugendliche am Integrativen Sozialen Kompetenz-Training teil. Alle Mentoren durchlaufen dieses speziell entwickelte Curriculum, das sie für ihren Einsatz im Sozialraum ausbildet und vorbereitet.

Die konzeptionelle Programmgestaltung des Mentoring-Programms lehnt sich an das internationale Patenschaftsprojekt „Big Brothers/Big Sisters of America“(BBBSA) an. Die Mentoren übernehmen als „Große Brüder/Große Schwestern“ eine kurzfristige Patenschaft, vermitteln zwischen engagierten Erwachsenen und den Kids auf der Straße, arbeiten mit betroffenen Kindern in den Familien, werden von Bildungseinrichtungen engagiert oder begleiten z.B. die Präventionsbeauftragten der Polizei bei ihrer Arbeit in den Schulen. Das BetreuerInnen-Team bei Bus-Stop koordiniert dabei alle Entwicklungen.

Zahlreiche Mentoren wurden dazu motiviert, einen Schulabschluss nachzuholen, anderen gelang es, auf dem ersten Arbeitsmarkt anzukommen. Die praktische Arbeit der Mentoren in verschiedenen Einrichtungen der Region wird weiterhin fortgeführt. Dadurch haben sich das Klima und die Kommunikation innerhalb der Siedlung wie auch mit der Polizei verbessert und die Vorfälle von Jugendgewalt sind zurückgegangen.
Zuletzt ist es Bus-Stop gelungen, türkische und arabische Eltern der Jugendlichen mit in die Arbeit einzubeziehen. Ein Kulturverein hat sich gegründet, der sein Hauptaugenmerk auf die Förderung der Kinder und Jugendlichen legt.

Die Ausbildung und die Aktivitäten der Mentoren werden zurzeit vorwiegend über Maßnahmen durch das JobCenter finanziert. In der aktuellen Staffel nehmen neben jungen Erwachsenen auch zahlreiche Mütter nichtdeutscher Herkunft teil, die sich für eine Tätigkeit als Stadtteilmütter vorbereiten und Bus-Stop die Möglichkeit geben, den Zugang zu den verschiedenen kulturellen Gruppen im Stadtteil zu vertiefen.

Mehr Informationen unter Interner Linkwww.bus-stop.de!



 

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