Interview mit "Halle gegen Rechts. Bündnis für Zivilcourage"

Botschafter für Demokratie und Toleranz 2017 im Gespräch

Christof Starke (Mitte) (Foto: Halle gegen Rechts)Christof Starke (Mitte) (Foto: Halle gegen Rechts)
Valentin Hacken und Christof Starke sind Mitglieder im Sprecher/-innenkreis von „Halle gegen Rechts – Bündnis für Zivilcourage“. Das 2010 gegründete Bürgerbündnis setzt sich gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Rassismus in Halle ein. Die darin tätigen Einzelpersonen und Organisationen beobachten und decken rechtsextreme Strukturen auf, organisieren öffentlichen Protest oder präventive Veranstaltungen und haben es sich zum Ziel gemacht, verbindliche Strukturen zu schaffen, die Zivilgesellschaft zu sensibilisieren und zu mehr Engagement zu aktivieren. Im Interview erzählen sie von ihren Projekten und Aufgaben.

Aus welchem Anlass wurde das Bündnis „Halle gegen Rechts. Bündnis für Zivilcourage“ gegründet?

Das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechts ist bereits seit den 90er Jahren in Halle intensiv und vielfältig. Über zehn Jahre wurde es von dem Vorläuferbündnis „Initiative Zivilcourage“ lokal vernetzt, welches 1998 nach dem Einzug der rechtsextremen Partei DVU (Deutsche Volksunion) in den Landtag von Sachsen-Anhalt entstand. Den Impuls zur Neugründung eines lokalen Bündnisses gegen Rechts gaben zwei Zukunftswerkstätten im Rahmen eines lokalen „Aktionsplans Halle“ zur Auswertung von Gegenaktionen zu den Naziaufmärschen am 17. Juni und 7. November 2009 und als Antwort auf die neuen lokalen Herausforderungen. Es sollten verbindliche Strukturen für langfristiges Engagement geschaffen werden, welche sich über konkrete Anlässe hinaus der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Einstellungspotentialen und der lokalen Strategieentwicklung widmeten. Das neue Bündnis sollte neben den ca. 30 Gründungsorganisationen insbesondere auch ein intensiveres Engagement von Einzelpersonen ermöglichen.

Sachsen-Anhalt wird oft als Hochburg der Rechtsradikalen bezeichnet. Tatsächlich ist die Zahl rechtsextremer Straftaten im Vergleich zur Einwohnerzahl hier deutschlandweit am höchsten. Wie würden Sie die Situation in Halle beschreiben?

In Halle begegnet uns nahezu die gesamte Bandbreite rechter Gruppierungen. Neonazistische Hooligans, rechte Parteien wie NPD, Die Rechte und AfD, verschwörungsideologische Querfront-Demonstrationen und neu-rechte Gruppen wie jene der Identitären Bewegung. Derzeit erleben wir, dass die großen Demonstrationen, wie es sie noch im letzten Sommer jeden Monat gab, abnehmen. Dagegen ist das rechtsextreme Netzwerk zwischen Identitärer Bewegung, AfD und dem sogenannten Institut für Staatspolitik immer aktiver und wir sehen, dass es auch hier inzwischen zu rechter Gewalt kommt. Die letzten zwei Jahre, von den verschwörungsideologischen Montagsmahnwachen über die Reichsbürgerbewegung bis hin zu Pegida und den Erfolgen der AfD, lassen gleichzeitig den Rückhalt für rechte Positionen in Teilen der Bevölkerung wirkmächtig zu Tage treten. Auch wenn sich das aktuell nicht mehr so stark auf der Straße zeigt, werden uns diese Entwicklungen vermutlich noch lange beschäftigen.

Mit welchen Akteuren und Akteurinnen aus Politik, Zivilgesellschaft und Religion kooperieren Sie?

Im Alltag arbeiten wir viel mit unseren mehr als 30 Organisationsmitgliedern. Darüber hinaus beispielsweise mit Parteien und deren Jugendorganisationen, lokalen Vereinen, Initiativen Gewerkschaften oder den Studierendenräten. Wir sind gleichzeitig in einem kontinuierlichen Austausch mit Politiker/-innen auf Stadt- und Landesebene, der auch immer wieder bedeutet, über den konsequenten Widerstand gegen rechts zu streiten. Zudem sind wir mit anderen Gruppen in Halle und Umgebung vernetzt, die zur rechten Szene recherchieren und Proteste organisieren. Oft ergeben sich die Kooperationen aus konkreten Anlässen. Wichtig ist uns dabei, unserem Selbstverständnis treu zu sein und couragiert und gewaltfrei klare Position gegen rechts und für eine plurale, offene Gesellschaft zu beziehen.
Gegendemonstration zum 1. Mai (Foto: Felix Knothe)Gegendemonstration zum 1. Mai (Foto: Felix Knothe)

Erzählen Sie kurz etwas über Ihre vielfältige Arbeit, Ihre Projekte und Aktionen wie beispielsweise die Bildungswoche gegen Rassismus.

Unsere Arbeit gliedert sich in verschiedene AGs, kontinuierlich betreiben wir ein Monitoring der rechten Szene in Halle und Umgebung. Daraus ergeben sich Materialien und Proteste gegen rechte Aufmärsche und Aktionen, aber auch Beratung und Aufklärung. Oft müssen wir dabei schnell reagieren, etwa wenn ein Unternehmer ankündigt einen prominenten Autoren zu einer Lesung in ein Hotel einzuladen. Am Ende kündigte das Hotel den Vertrag, die rechte Lesung fiel in Halle aus. Dieser Teil unserer Arbeit hat viel damit zu tun, Öffentlichkeit herzustellen, mit Gesprächen, Pressemitteilungen, Vorträgen oder social media. Immer wieder suchen wir auch direkten Kontakt. Zum Beispiel zu Stadtteilvereinen, wenn es dort zu rassistischen Vorfällen kommt. Gleichzeitig versuchen wir eigene Themen zu setzen, zeigen Filme über Rechtsextremismus in der DDR, organisieren Vortragsreihen wie „Fokus: Neue Rechte“ oder Konferenzen wie „Strategien gegen die AfD“. Wir unterstützen Projekte Geflüchteter und organisieren mit den jährlichen Bildungswochen Veranstaltungen vom niedrigschwelligen Fußballturnier über Konzerte und Theaterstücke bis hin zu analytischen Diskussionsrunden.

Am 17. Juni haben Sie bereits Ihren siebten Geburtstag gefeiert! Herzlichen Glückwunsch. Welche konkreten Pläne haben Sie für die Zukunft? Welche Aktionen stehen als nächstes an?

Danke! Wir wollen noch stärker Plattform für Menschen und Initiativen sein, die nicht dauerhaft in unserem Bündnis mitarbeiten können, aber gute Ideen und Projekte haben. Eine der größten Herausforderungen bleibt, wie mit der Normalisierung rechtsextremer Positionen nach zwei Jahren ungebrochener Eskalation von rechts umzugehen ist, auch mit Blick auf den beginnenden Bundestagswahlkampf und die finanzstarken Netzwerke der neu-rechten Szene, die in Halle ein Schulungszentrum planen. Die nächste Aktion wird die Unterstützung von Protesten gegen einen Auftritt von Xavier Naidoo sein, der zuletzt wieder mit seinem Titel „Marionetten“ Inhalte verbreitet, wie wir sie auch aus dem Rechtsextremismus kennen und Reichsbürger/-innen Rückhalt gibt, indem er ihre Behauptung einer angeblich besetzten und von außen beherrschten Bundesrepublik vertritt. Trotzdem jubeln Menschen zu seinen Texten, während Reichsbürger/-innen inzwischen Menschen angreifen und in Bayern vor einigen Monaten einen Polizeibeamten getötet haben.


Für das herausragende Engagement hat das Bündnis für Demokratie und Toleranz (BfDT) "Halle gegen Rechts. Bündnis für Zivilcourage" als Botschafter für Demokratie und Toleranz 2017 ausgezeichnet.

Ein Videoporträt über das Bündnis finden Sie Interner Linkhier.


 

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