Stadtteilmütter auf den Spuren der Geschichte

Foto: Besuch der Stadtteilmütter in Ravensbrück (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)Foto: Besuch der Stadtteilmütter in Ravensbrück (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)
Von Jutta Weduwen (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)

Spricht man von Migrantinnen aus Neukölln, assoziieren viele Menschen zunächst kopftuchtragende, bildungsferne Musliminnen, die an einer Integration in die deutsche Gesellschaft wenig Interesse haben. Vielen kommt noch die Rütlischule in den Sinn, eine Neuköllner Hauptschule, die überwiegend von Jugendlichen mit Migrationshintergrund besucht wird und vor drei Jahren durch die Medien ging. LehrerInnen hatten in einem Brandbrief auf die Gewalt an der Schule hingewiesen. Man stilisierte Bilder von arbeitslosen Vätern, überforderten Müttern, kriminellen Söhnen und Töchtern, die zwangsverheiratet werden.

Wir haben in unseren Bildungsprogrammen andere Neuköllner Migrantinnen kennen gelernt. Im vergangenen Jahr führte Aktion Sühnezeichen Friedensdienste zum dritten Mal Seminarreihen mit Stadtteilmüttern durch. Die Stadtteilmütter sind Frauen mit Migrationshintergrund, die in einem sozialen Brennpunkt Neuköllns leben und von der Diakonie Neukölln-Oberspree zu Familienberaterinnen ausgebildet werden. Sie traten mit dem Wunsch an uns heran, gemeinsame Seminare zum Thema Nationalsozialismus zu entwickeln. Daraus entstand das Kooperationsprojekt „Stadtteilmütter auf den Spuren der Geschichte“. Im Projektbereich Interkulturalität widmet sich Aktion Sühnezeichen Friedensdienste der Bedeutung von Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft.
Die Programme erstreckten sich jeweils über einen Zeitraum von einigen Monaten und umfassten zehn Termine und eine Wochenendfahrt. Wir besuchten gemeinsam Gedenkstätten, trafen ZeitzeugInnen, die als Verfolgte den Holocaust überlebt haben, setzten uns mit der Täterseite in Filmen und Dokumenten auseinander und versuchten auch die Motivation der Mitläufer nachzuvollziehen. Einen wichtigen Stellenwert nahm die Auseinandersetzung mit den Biografien der Stadtteilmütter selbst ein: Geschichten der Migration, der Flucht, der Bürgerkriege in den Herkunftsländern und des Lebens in der deutschen Einwanderungsgesellschaft.

Die teilnehmenden Stadtteilmütter kommen in der ersten, zweiten oder dritten Generation aus der Türkei, Sri Lanka, Nordirak, Polen, Eritrea, Algerien, dem Libanon und Kosovo. Einige haben in ihren Herkunftsländern Bürgerkriegserfahrungen gemacht, die zur Flucht nach Deutschland führten. Die Stadtteilmütter wollten an einem wichtigen historischen Diskurs teilhaben, der in dem Land eine Rolle spielt, dessen Bürgerinnen sie sind. Sie wollten verstehen, wie der Nationalsozialismus funktionieren konnte, ob und wo es Kontinuitäten gibt und wo die Geschichte noch heute sichtbar und spürbar ist. Es gab ein großes Interesse daran, sich generell mit den Mechanismen von Ausgrenzung, Verfolgung und Völkermord zu beschäftigen. Die meisten Frauen wussten sehr wenig über den Holocaust, da sie das Thema weder in der Schule behandelt hatten, noch Zugang zu Dokumenten hatten, die ihnen Auskunft über die Zeit des Nationalsozialismus geben konnte. Einige Teilnehmerinnen interessierten sich auch dafür, wie die Geschichte die Beziehungen ihrer Herkunftsländer zu Deutschland beeinflusst, besonders deutlich wurde dies am deutsch-polnischen Verhältnis. Der Überfall Nazideutschlands auf Polen liegt inzwischen siebzig Jahre zurück, die Auswirkungen sind dennoch an vielen Stellen noch spürbar und waren auch im Seminar präsent. Eine Teilnehmerin polnischer Herkunft war besonders im Haus der Wannseekonferenz sehr ergriffen, als dort verdeutlicht wurde, wie die Vernichtung der europäischen Juden von den Nazis überwiegend ins besetzte Polen verlagert wurde.

Wir waren immer wieder berührt von der ernsthaften und mitfühlenden Auseinandersetzung, mit der die Frauen die schwierigen Themen der Seminare verfolgten. Wir haben in ähnlichen Seminaren selten Teilnehmerinnen erlebt, die mit solch einer Begeisterung, Neugierde und Empathie gelernt haben, was sich vor allem in Gesprächen mit Holocaustüberlebenden zeigte. Die Frauen brachten einen großen Bildungshunger mit, der sich nicht nur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ausdrückte, sondern sich auf allgemeine menschliche, historische, religiöse, gesellschaftliche und politische Fragen bezog.

Eine Stadtteilmutter fasste ihre Erfahrungen des Seminars so zusammen: „Es war das traurigste Seminar, das ich in meinem Leben besucht habe. Und gleichzeitig hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Durch das Seminar ist mein Interesse an Politik und Geschichte gewachsen. Ich bin wach geworden, möchte mehr wissen, mehr lesen, mehr erfahren und mehr verstehen.“

Weitere Infos unter Interner Linkwww.asf-ev.de!




 

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