01.12.2008

7 Flammen gegen das Vergessen - Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in Regensburg

Preisträger im Wettbewerb "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2007"

Foto: Evangelische Jugend RegensburgFoto: 7 Flammen gegen das Vergessen
von Susanne Götte (Evangelische Jugend Regensburg)

Scherbenklirren und Maschinengewehrsalven hallten am 9.November 2007 an der Mauer der ehemaligen Regensburger Synagoge durch die Nacht. Die Geräusche kamen vom Band, bewegten die rund 100 Anwesenden deshalb aber nicht weniger stark. Am Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 wollten evangelische und katholische Jugendliche an die Opfer der Naziherrschaft erinnern und ein Zeichen setzen gegen Rechtsextremismus in der Gegenwart. An drei verschiedenen Stationen gedachten sie der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die unter der grausamen Verfolgung der Nationalsozialisten litten. Im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung stand die Menorah, der siebenarmige Leuchter, eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums.

Rechtsextremistische Aktivitäten in und um Regensburg weckten vor rund 5 Jahren bei einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Evangelischen Jugend im Dekanatsbezirk Regensburg die Motivation, nicht einfach tatenlos zu zuschauen. Der damalige Dekanatsjugendreferent Klaus Neubert brachte das Thema schließlich auf den Tisch und das Leitungsgremium beschloss eine Konzeption für eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht. Darin hieß es unter anderem: „Angesichts des unübersehbaren Drucks von Rechtsextremisten in unserer Gesellschaft und der zunehmenden Gewaltbereitschaft von jungen Menschen will die Evangelische Jugend Regensburg mit dieser Veranstaltung Stellung beziehen, Zeichen setzen, Parallelen zur Gegenwart aufzeigen und Möglichkeiten des Gesprächs schaffen."

Die geschichtsträchtige Regensburger Altstadt bietet viele Möglichkeiten, um auf das Schicksal der jüdischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner - nicht nur in der Zeit des Nationalsozialismus - aufmerksam zu machen. Erfreulicherweise fanden sich in der Katholischen Jugendstelle Kooperationspartner zur Planung und Durchführung der Gedenkveranstaltung. Zahlreiche Ehrenamtliche brachten ihre Ideen und ihre Kreativität ein. Das Ergebnis war eine Veranstaltung, die nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Menschen ansprechen sollte - durch Bilder, Geräusche, Musik, warmen Kerzenschein und bewegende Worte. Während laute Geräusche wie das Klirren von Glas, Schüsse oder das Trampeln von Stiefeln im Gleichschritt die Erinnerung an die Verfolgung der Juden wach riefen, verloschen nacheinander die Lichter am siebenarmigen Leuchter vor der Regensburger Synagoge.
Klagepsalmen erklangen anschließend beim Caravan-Denkmal auf dem Neupfarrplatz. Hier befand sich im Mittelalter das jüdische Viertel Regensburgs. Psalm 79 gewann angesichts des historischen Ortes eine ganz konkrete Bedeutung: "Gott, es sind Heiden in dein Erbe eingefallen; die haben deinen heiligen Tempel entweiht und aus Jerusalem einen Steinhaufen gemacht." Einige junge Tänzerinnen setzten den Psalm gleichzeitig auf beeindruckende Weise in Szene.

Beim gemeinsamen Abschluss in der Neupfarrkirche kamen jedoch auch die Stimmen der Hoffnung zur Sprache und die erloschenen Lichter an der Menorah wurden wieder entzündet. Bekannte Menschen wie Max Schmeling und unbekannte wie die niederbayerische Bäuerin Anna Gnadl aus Ergoldsbach standen dabei im Mittelpunkt. Diese "stillen Helden" haben in der Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben riskiert, um verfolgte Juden vor dem Tod zu bewahren. So gewährte der bekannte Boxer den Kindern seines jüdischen Freundes David Lewin einige Tage Unterschlupf, ohne dies später öffentlich zu machen. Auch Anna Gnadl handelte aus reiner Mitmenschlichkeit und rettete gemeinsam mit dem Polizisten Max Maurer 13 geflohenen KZ-Häftlingen kurz vor Kriegsende das Leben.

Die große Resonanz auf „7 Flammen gegen das Vergessen" hat die evangelischen und die katholischen Jugendlichen veranlasst, die Gedenkveranstaltung auch im Jahr 2008 durchzuführen. Diesmal waren auch die jüdische Gemeinde und ein Arbeitskreis der Universität Regensburg an der Gestaltung beteiligt. Das Gedenken geht weiter - auch 2009. Denn: "Vergessen führt in die Gefangenschaft. Erinnern ist das Geheimnis der Erlösung (Befreiung)." (Baal Schem Tov)



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