03.05.2008

„Treffpunkt Samowar“ der Evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Waldau

Preisträger im Wettbewerb "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2007"

Musikgruppe des "Treffpunkts Samowar" 2003Foto: Treffpunkt Samowar
von Pfarrer Gerhard Hochhuth (Evangelische Kirchengemeinde Kassel-Waldau)

Die evangelische Kirchengemeinde Kassel-Waldau hat 3200 Mitglieder, 40 % davon sind russlanddeutsche Spätaussiedler.
Warum gerade in diesem Stadtteil so viele Aussiedler wohnen, ist leicht zu erklären. Zur Linderung der großen Wohnungsnot im kriegszerstörten Kassel wurde Ende der 60er Jahre innerhalb kürzester Zeit die Wohnstadt Waldau mit 2000 Wohnungen - überwiegend in Fertigbauweise - auf die Felder des alten Dorfes gesetzt. Schnell zeigte sich nicht nur der Segen, sondern auch die Problematik einer solchen Großsiedlung: Anonymität, Fluktuation, Überlastung vorhandener Institutionen, fehlende soziale Infrastruktur. Viele jüngere Familien, insbesondere auch sozial engagierte Menschen, suchten ihr Eigenheim in „besseren" Stadtteilen oder im Umland.

So standen in Waldau zahlreiche Wohnungen leer, als nach der Wende die Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Viele haben speziell in der Siedlung eine neue Heimat gefunden. Heute leben dort
60 % der Gemeindemitglieder, 80 % der Aussiedler; aber Kirche und Gemeinde-haus, auch das kommunale Bürgerhaus liegen im Bereich des alten Dorfes.
Insofern ist es nachvollziehbar, dass der neue Pfarrer 2001 in einer der Wohnungen in der Siedlung mit dem Treffpunkt Samowar begann.

Was genau im Treffpunkt Samowar angeboten wird, kann unter Interner Linkwww.treffpunktsamowar.de eingesehen werden.

Zwei Gedanken, warum sich der Treffpunkt Samowar beim Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz" beworben hat:

1. In der Vergangenheit gab es bei uns schon aussiedlerfeindliche Schmähschriften und Leserbriefe; und als im letzten Gemeindebrief Informationen zu Taufe und Konfirmation auf deutsch und auf russisch abgedruckt wurden, gingen die Wogen an den Stammtischen hoch, und es gab Beschwerden beim Dekan und beim Bischof.
Trotzdem hatten und haben Extremismus und Gewalt in Waldau keine Chance.
Denn hier gibt es ein gut funktionierendes Netzwerk, in das alle sozialen, kulturellen und politischen Institutionen eingebunden sind - natürlich auch die Kirchengemeinde und der Treffpunkt Samowar. Aber: dieses Netzwerk kann überspannt werden, kann zerreißen.
Einmal dadurch, dass zu viel aufgefangen werden muss: an sozialer Problematik in den Familien; an Defiziten in Sprache und Bildung; an Verschlechterung der Wohnqualität durch den Verkauf von öffentlichem Wohnraum; an Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Armut; und vielem mehr.
Aber auch dadurch, dass die wichtigsten Träger eines solchen Netzwerkes immer „dünner" werden: durch Kürzungen im personellen und finanziellen Bereich; durch immer größere Organisationseinheiten, die Synergien freisetzen sollen, oft jedoch nur Energien binden und Initiative lähmen.
Selbst wenn das Netz nicht reißt, die Maschen zum Durchfallen werden größer.
Deshalb ist dieser Preis nicht nur Anerkennung für geleistete Arbeit, sondern auch ein Appell an die Kirchengemeinde, den Stadtkirchenkreis, das Diakonische Werk, die Wohnungsbaugesellschaften und die Stadt Kassel, das Projekt Samowar auch in Zukunft - wenn nötig, stärker als bisher - zu unterstützen.

Und 2. Vor allem haben wir uns um diesen Preis beworben, weil es Geld gibt, und weil wir dieses Geld brauchen, damit die Arbeit fortgesetzt werden kann - erstmal für dieses Jahr.
Eigentlich ist das ja nicht der Sinn eines Wettbewerbs, dass die Projekte davon leben. Sondern: Ein Wettbewerb lebt von Projekten, die sich - gut ausgestattet - um der Sache willen bewerben.
Deshalb höre ich nicht auf, einen Traum zu träumen: dass alle Ressourcen, die gebraucht werden, um immer neue Anträge für immer neue soziale Projekte zu stellen, und die vorhandenen Mittel in solche Projekte hinein verteilt werden - dass diese Ressourcen nicht in Projekte, sondern in eine soziale Arbeit einfließen, die in einer demokratischen Bürgergesellschaft nach ausgewiesenen Notwendigkeiten konzipiert und ausgeführt und natürlich auch evaluiert wird.
Ich bin sicher, dann könnte mit den gleichen finanziellen Mitteln sehr viel mehr erreicht werden. Und wir würden uns um einen solchen Preis auch dann bewerben, wenn er nicht mit Geld verbunden wäre.



Interner LinkProjekt-Datenbank: Treffpunkt Samowar
Interner LinkPreisverleihung in Kassel