20.09.2018

Interview mit der BfDT-Botschafterin und dem BfDT-Botschafter 2018 Susanna und Markus Nierth

Im Gespräch erzählen Susanna und Markus Nierth, warum ihr Engagement sie selbst reicher macht.

Das Ehepaar Susanna und Markus Nierth wohnt seit 2007 mit seinen Kindern in Tröglitz im Burgenlandkreis und setzt sich für Toleranz und Integrationsförderung durch außergewöhnliche Zivilcourage vor Ort ein – trotz massiver (Mord-) Drohungen, Beleidigungen und Isolation in ihrem Wohnort von Rechtsradikalen und deren Sympathisanten.
Insbesondere Herr Nierth, hauptberuflich Trauerredner, engagierte sich 2015 für eine Flüchtlingsunterkunft als ehrenamtlicher Bürgermeister in Tröglitz. Er legte im März 2015 sein Amt nieder, als Bürger/-innen des Ortes und rechtsextreme Demonstranten nach neun vorherigen Demonstrationen eine Kundgebung vor seinem Wohnort gegen sein Engagement für die Flüchtlingsunterkunft geplant haben und er die Sicherheit seiner Familie nicht mehr gewährleistet sah, da die Versammlungsbehörde ihm weder Schutz gewährte, noch die Kundgebung verbot. Dennoch setzen er und seine Frau sich auch nach der Niederlegung seines Amts für die Unterbringung von Geflüchteten in Tröglitz ein und betreuen gemeinsam mehrere afghanische Familien als Paten. Nach der Brandzerstörung der geplanten Asylunterkunft in Tröglitz half das Ehepaar, dass die Geflüchteten anderweitig untergebracht werden konnten.


Susanna und Markus NierthSusanna und Markus Nierth

Seit der für 2015 geplanten Geflüchtetenunterkunft in Tröglitz engagieren Sie sich gegen Rechtsextremismus und unterstützen Geflüchtete in Ihrem Alltag in Deutschland. Warum ist Ihnen Engagement so wichtig?

Wir sind davon überzeugt, dass Helfen uns selbst reich macht. So leben wir schon immer und wir schauen dabei nicht darauf, woher jemand stammt, sondern eher, wohin er will und was seine Motivation ist. Für uns hat jeder Mensch, unabhängig seiner Herkunft und seines Standes, eine Würde, die es zu pflegen gilt und die wir zu achten haben und, wenn sie angeknackst ist oder wird, dann braucht es Menschen, die helfen, dass sie wieder heilen kann. Ein Mensch, der aus Angst und Not seine Heimat verlässt oder sich von Hetze und Hass verführen lässt, braucht, unserer Auffassung nach, diese Hilfe eben auch. Rechtsextreme haben in unserem Dorf von Beginn an Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht, Ängste vor Fremden geschürt und Menschen so vorverurteilt. Das hat leider bei einigen Mitbürgern gegriffen und andere gelähmt. Wir selbst haben, wie viele andere in unserem Land, schnell durchschaut, welche Chance die Rechten wittern und was ihre Strategie ist, welche Gefahr auf uns zu kommt und dem galt es, als überzeugte und dankbare Demokraten, sich entgegenzustellen. Diese Lebensauffassung ist in unserem Verständnis über unsere Verfassung und unserem christlichen Glauben begründet.

Immer wieder erhielten Sie aufgrund Ihres Engagements bedrohliche Anfeindungen gegenüber Ihrer Person und 2015 wurde die geplante Asylunterkunft in Tröglitz niedergebrannt. Wie würden Sie die Lage in Tröglitz beschreiben und woher, denken Sie, kommt der aufkeimende Hass, der Ihnen aus Teilen der Bevölkerung entgegenstößt?

Nun, das ist sehr vielschichtig und komplex und so knapp gar nicht korrekt zu beantworten. Markus hat all diese Erlebnisse und unsere Erklärungsversuche in dem Buch „brandgefährlich – wie das Schwiegen der Mitte, die Rechten stark macht“ beim Chr.Links-Verlag veröffentlicht.
Nach unserer Einschätzung ist unser Dorf bis heute gespalten und viele hat gegenseitiges Misstrauen erfasst. Aufgearbeitet sind die Erlebnisse aus 2015 nicht, das Dogma des Ruhehaltens liegt bleiern über den Ort. Inzwischen sind Ursache und Wirkung völlig verdreht, nicht die Rechten, die Unfrieden und Spaltung gebracht haben, werden geächtet, sondern wir sind die Nestbeschmutzer, weil wir die Medien in diesen Ort geholt hätten. Damit verkennt man, wer der eigentliche Auslöser war und aus welcher Ecke die Gefahr und die Bedrohungen kommen. Letztlich hat sich nur eine Minderheit der Tröglitzer als Schutz um uns gestellt. Da sich die Mehrheit wegduckte und uns der rechten Gewalt allein überließ, war es die Medienpräsenz, die unsere Familie vor weiteren, schlimmeren Übergriffen geschützt hat.
Leider gibt es für uns in Tröglitz seither keinen gestalterischen Spielraum mehr, das wird uns hier vielerorts in verschiedener Weise signalisiert.

In Ihrem Videoportrait, das auf der BfDT-Homepage zu finden ist, betonen Sie, wie wichtig es ist rechtsextreme Tendenzen, die unsere Demokratie bedrohen, nicht nur innerlich abzulehnen, sondern sich aktiv dagegen zu stellen. Wie kann dies konkret gelingen?

Indem gerade die schweigende, bürgerliche Mitte ermutigt wird und begreift, dass es höchste Zeit ist, dass jeder unsere liberale Demokratie im privaten, wie im öffentlichen Raum verteidigen und sich an ihr wieder beteiligen muss, da unser gesellschaftlicher Friede für alle sicht- und spürbar derzeit so angegriffen wird. Es reicht nicht mehr, eine Haltung zu haben, jetzt müssen wir sie auch (wieder) zeigen, leben und für sie „streiten“.

BfDT-Botschafter/-in Markus und Susanna Nierth (links) und Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz (rechts) (Foto: André Wagenzick/ BfDT)BfDT-Botschafter/-in Markus und Susanna Nierth (links) und Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz (rechts) (Foto: André Wagenzick/ BfDT)

Erzählen Sie kurz etwas über Ihre vielfältige Arbeit, Projekte und Aktionen wie beispielsweise das jüngst von Ihnen, Herr Nierth, veröffentlichte Buch „Brandgefährlich - Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht. Erfahrungen eines zurückgetretenen Ortsbürgermeisters“.

Wir werden deutschlandweit zu gesellschaftspolitischen Vorträgen und Diskussionsrunden eingeladen, weil wir als bürgerliche Vertreter der politischen Mitte, die im sogenannten abgehängten, ländlichen, ostdeutschen Raum (über-) leben, über Demokratieverdrossenheit, Ursachen der Werteschiebungen, Entstehung der Frustrationen, die manchen in die Wut treiben, aus erster Hand berichten können. Das Buch bildet die Grundlage dieser Vorträge und dient als Einstieg in Diskussionen, in denen wir versuchen, die Menschen in ihrer Gefühls- und Lebenswelt abzuholen, um ein Ventil und eine Gesprächsplattform zu bieten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir wünschen uns, dass die wahren Ursachen von Hass und Radikalisierung endlich in ihrer gesellschaftlichen Verwurzelung erkannt und ihnen gesellschaftlich heilsam begegnet wird. Wir sind überzeugt, dass ein Teil unserer Gesellschaft neue Orientierung sucht und braucht und hoffen, dass sie die richtigen Antworten findet, dazu wollen wir beitragen.
Privat wünschen wir uns, dass wir als Familie einen guten Weg und die Kraft finden, die Enttäuschungen und Schmerzen ganz zu verarbeiten und notwendige Entscheidungen einig und mutig, zu treffen.



 

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