31.08.2018

Interview mit der BfDT-Botschafterin 2018 Annalena Schmidt

Im Gespräch erzählt Annalena Schmidt warum sie nie die Motivation verliert, sich gegen Rechtsextremismus stark zu machen.

Die Historikern Annalena Schmidt ist seit ihrem Umzug nach Bautzen 2016 vor Ort gegen Rechtsextremismus sehr aktiv. Sie engagiert sich vor allem als Bloggerin in den sozialen Medien - wie beispielsweise auf Twitter mit mehr als 8000 Tweets und 2000 Followern - dafür, dass Rassismus und Rechtsextremismus in Bautzen klar als Problem benannt werden. Dabei recherchiert sie bei der Polizei, bei den Behörden, in der Fragestunde des Stadtrates oder des Kreistages und gibt Opfern und Augenzeugen rechter Gewalt die Möglichkeit, ihre eigene Perspektive zu schildern. So hat sie zum Beispiel die Vorfälle in Bautzen im September 2016, als Geflüchtete von Neonazis durch die Stadt gejagt wurden, nicht nur thematisiert, sondern auch die Sicht der Gejagten veröffentlicht. Sie übernimmt unter anderem Aufgaben, für die sie mittlerweile von Rechtsextremen offen angefeindet wird. Trotzdem verliert sie nie Ihre Motivation, sich gegen rechtsextremes Gedankengut auszusprechen und sich aktiv dagegen zu engagieren.

Annalena SchmidtAnnalena Schmidt

Vor zwei Jahren zogen Sie nach Bautzen, in die Stadt, die aufgrund der Vorfälle im Jahr 2016, als junge Geflüchtete von Neonazis durch die Stadt gejagt wurden, mediale Aufmerksamkeit bekam. Würden Sie sagen, dass dieser Vorfall den Startpunkt für Ihr Engagement gegen Rechtsextremismus gebildet hat?

Den Startpunkt hat es sicher nicht gebildet. Bereits in Gießen – also meinem früheren Wohnort – war ich gegen Rechtsextremismus aktiv. Der Abend, an dem Neonazis junge Refugees durch die Stadt gejagt haben, hat aber mein Engagement sehr intensiviert und dahingehend verändert, dass ich danach begonnen habe, vor allem über meinen Twitter-Account (und später dann auch auf dem Blog) Vorfälle in Bautzen (aber auch in anderen Orten, in denen ich mich aufhalte) zu dokumentieren und eine Öffentlichkeit herzustellen. Gerade nach dem Erstellen des Blogs haben wir dann den Fokus auch auf Gruppierungen wie „Wir sind Deutschland“ und andere gerichtet und darüber versucht, Diskussionen anzustoßen.

Seitdem Sie sich aktiv und öffentlich gegen Rechtsextremismus und Rassismus äußern, erhalten Sie massive Bedrohungen Ihrer Person. Trotzdem geben Sie Ihre Tätigkeit nicht auf und engagieren sich weiterhin sehr aktiv. Woher nehmen Sie diese Motivation, und warum ist Engagement für Sie so wichtig?

Engagement war für mich schon immer wichtig. Sei es während des Studiums in der studentischen Selbstverwaltung oder jetzt in Bautzen etwa im Bürgerbündnis „Bautzen bleibt bunt“. Ich finde es wichtig, dass man sich einsetzt, da man nur so die Gesellschaft gestalten kann. Für meine öffentlichen Äußerungen über Bautzen werde ich angefeindet und teilweise auch bedroht. Das ist keine angenehme Situation. Ich habe aber nie darüber nachgedacht, dass ich das Engagement deshalb aufgebe. Dann hätte ich zwar meine Ruhe, aber die Menschen, die hetzten und drohen, hätten ihr Ziel erreicht. Zudem sehe ich gerade mit Blick auf das Jahr 2019, in dem in Sachsen neben der Europawahl auch Kommunal- und Landtagswahlen stattfinden, dass man jetzt nicht aufhören darf, sich gegen Rechtsextreme und andere Feinde der Demokratie einzusetzen, die das gesellschaftliche Klima vergiften.

BfDT-Botschafterin Annalena Schmidt (links) und Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz (rechts) (Foto: André Wagenzick/ BfDT)BfDT-Botschafterin Annalena Schmidt (links) und Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz (rechts) (Foto: André Wagenzick/ BfDT)

In Ihrem Videoportrait, welches auf der BfDT Homepage angesehen werden kann, sprechen Sie von einer Spaltung der bautzener Stadtgesellschaft in ein binäres „rechts/links-Denken“. Worin besteht die Gefahr einer solchen Spaltung, und wie kann dieser aktiv entgegen gewirkt werden?

Eines vorweg: Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Bei dem binären „rechts/links“-Denken gibt es das Problem, dass man zu wenige Möglichkeiten der Differenzierung hat. Ich setze mich u.a. gegen Neonazis ein. Bei dem einfachen Denkmuster „rechts/links“ bin ich dann automatisch „links“ und alle Dinge, die ich kritisiere, dann automatisch „rechts“. Das führt dazu, dass sich dann Menschen, die sich durch mich kritisiert fühlen, in die „rechte Ecke“ gestellt fühlen können. Das ist aber überhaupt nicht meine Intention! Dadurch kann dann eine Gesellschaft in zwei Lager gespalten werden. Deshalb sollte man sich, aus meiner persönlichen Sicht, im alltäglichen Sprachgebrauch eher mehrdimensionalen Klassifikationssystemen bedienen oder aber politische Strömungen benennen. Es ist aber nicht einfach, das „rechts/links-Denken“ zu durchbrechen.

Erzählen Sie kurz von Ihrem konkreten Engagement, wie zum Beispiel Ihrer Zusammenarbeit mit Politik und Zivilgesellschaft oder dem Bündnis "Bautzen bleibt bunt“.

Mein Engagement in Bautzen begann bei „Bautzen bleibt bunt“ unmittelbar nach meinem Umzug in die Spreestadt. Ich übernahm damals Patenschaften für zwei Familien, die damals noch im Asylverfahren steckten. Durch den Kontakt mit den Menschen aus dem Bündnis und die regelmäßigen Treffen habe ich dann sehr bald begonnen, mich auch mehr in die allgemeine Bündnisarbeit einzubringen. Neben der Arbeit für Refugees organisieren wir Lesungen, Kundgebungen, Begegnungen und viele andere Dinge mehr. Die Arbeit des Bündnisses ist wichtig für Refugees, um in Bautzen anzukommen. Das Bündnis hat aber auch mir geholfen, sehr schnell in Bautzen heimisch zu werden.
Ich selbst sehe den wichtigeren Anteil meines eigenen Engagements aber darin, dass ich den Finger in die Wunde lege, und über die sozialen Medien (oder wenn es mal ausführlicher sein muss unregelmäßig auf dem Blog) auf Probleme aufmerksam mache, die aus meiner Sicht existieren. Dabei versuche ich auch immer, denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht oder nur selten gehört werden, etwa den jungen Refugees, die im September 2016 durch Bautzen gejagt wurden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich hatte schon angesprochen, dass im kommenden Jahr in Sachsen Wahlen anstehen. Aus diesem Grund wünsche ich mir für die Zukunft, dass die Menschen, die derzeit noch leise sind, sich dem Nationalismus und der Menschenverachtung entgegenstellen. Nicht nur bei Demos und Kundgebungen kann man seine Meinung äußern, sondern vor allem im privaten Alltag, in den sozialen Medien oder im Berufsleben. Wenn die Menschen jetzt nicht wach werden und ihre Stimmen erheben, habe ich schlimme Befürchtungen für den Wahlausgang im kommenden Jahr. Die Demokratinnen und Demokraten sind auch in Sachsen in der Mehrheit. Wir müssen aber alle gemeinsam lauter werden, um zu zeigen, dass es so ist.





Annalena SchmidtAnnalena Schmidt
Die Historikern Annalena Schmidt ist seit ihrem Umzug nach Bautzen 2016 vor Ort gegen Rechtsextremismus sehr aktiv. Sie engagiert sich vor allem als Bloggerin in den sozialen Medien - wie beispielsweise auf Twitter mit mehr als 8000 Tweets und 2000 Followern - dafür, dass Rassismus und Rechtsextremismus in Bautzen klar als Problem benannt werden. Dabei recherchiert sie bei der Polizei, bei den Behörden, in der Fragestunde des Stadtrates oder des Kreistages und gibt Opfern und Augenzeugen rechter Gewalt die Möglichkeit, ihre eigene Perspektive zu schildern. So hat sie zum Beispiel die Vorfälle in Bautzen im September 2016, als Geflüchtete von Neonazis durch die Stadt gejagt wurden, nicht nur thematisiert, sondern auch die Sicht der Gejagten veröffentlicht. Sie übernimmt unter anderem Aufgaben, für die sie mittlerweile von Rechtsextremen offen angefeindet wird. Trotzdem verliert sie nie Ihre Motivation, sich gegen rechtsextremes Gedankengut auszusprechen und sich aktiv dagegen zu engagieren.

Vor zwei Jahren zogen Sie nach Bautzen, in die Stadt, die aufgrund der Vorfälle im Jahr 2016, als junge Geflüchtete von Neonazis durch die Stadt gejagt wurden, mediale Aufmerksamkeit bekam. Würden Sie sagen, dass dieser Vorfall den Startpunkt für Ihr Engagement gegen Rechtsextremismus gebildet hat?

Den Startpunkt hat es sicher nicht gebildet. Bereits in Gießen – also meinem früheren Wohnort – war ich gegen Rechtsextremismus aktiv. Der Abend, an dem Neonazis junge Refugees durch die Stadt gejagt haben, hat aber mein Engagement sehr intensiviert und dahingehend verändert, dass ich danach begonnen habe, vor allem über meinen Twitter-Account (und später dann auch auf dem Blog) Vorfälle in Bautzen (aber auch in anderen Orten, in denen ich mich aufhalte) zu dokumentieren und eine Öffentlichkeit herzustellen. Gerade nach dem Erstellen des Blogs haben wir dann den Fokus auch auf Gruppierungen wie „Wir sind Deutschland“ und andere gerichtet und darüber versucht, Diskussionen anzustoßen.

Seitdem Sie sich aktiv und öffentlich gegen Rechtsextremismus und Rassismus äußern, erhalten Sie massive Bedrohungen Ihrer Person. Trotzdem geben Sie Ihre Tätigkeit nicht auf und engagieren sich weiterhin sehr aktiv. Woher nehmen Sie diese Motivation, und warum ist Engagement für Sie so wichtig?

Engagement war für mich schon immer wichtig. Sei es während des Studiums in der studentischen Selbstverwaltung oder jetzt in Bautzen etwa im Bürgerbündnis „Bautzen bleibt bunt“. Ich finde es wichtig, dass man sich einsetzt, da man nur so die Gesellschaft gestalten kann. Für meine öffentlichen Äußerungen über Bautzen werde ich angefeindet und teilweise auch bedroht. Das ist keine angenehme Situation. Ich habe aber nie darüber nachgedacht, dass ich das Engagement deshalb aufgebe. Dann hätte ich zwar meine Ruhe, aber die Menschen, die hetzten und drohen, hätten ihr Ziel erreicht. Zudem sehe ich gerade mit Blick auf das Jahr 2019, in dem in Sachsen neben der Europawahl auch Kommunal- und Landtagswahlen stattfinden, dass man jetzt nicht aufhören darf, sich gegen Rechtsextreme und andere Feinde der Demokratie einzusetzen, die das gesellschaftliche Klima vergiften.

BfDT-Botschafterin Annalena Schmidt (links) und Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz (rechts) (Foto: André Wagenzick/ BfDT)BfDT-Botschafterin Annalena Schmidt (links) und Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz (rechts) (Foto: André Wagenzick/ BfDT)
In Ihrem Videoportrait, welches auf der BfDT Homepage angesehen werden kann, sprechen Sie von einer Spaltung der bautzener Stadtgesellschaft in ein binäres „rechts/links-Denken“. Worin besteht die Gefahr einer solchen Spaltung, und wie kann dieser aktiv entgegen gewirkt werden?

Eines vorweg: Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Bei dem binären „rechts/links“-Denken gibt es das Problem, dass man zu wenige Möglichkeiten der Differenzierung hat. Ich setze mich u.a. gegen Neonazis ein. Bei dem einfachen Denkmuster „rechts/links“ bin ich dann automatisch „links“ und alle Dinge, die ich kritisiere, dann automatisch „rechts“. Das führt dazu, dass sich dann Menschen, die sich durch mich kritisiert fühlen, in die „rechte Ecke“ gestellt fühlen können. Das ist aber überhaupt nicht meine Intention! Dadurch kann dann eine Gesellschaft in zwei Lager gespalten werden. Deshalb sollte man sich, aus meiner persönlichen Sicht, im alltäglichen Sprachgebrauch eher mehrdimensionalen Klassifikationssystemen bedienen oder aber politische Strömungen benennen. Es ist aber nicht einfach, das „rechts/links-Denken“ zu durchbrechen.

Erzählen Sie kurz von Ihrem konkreten Engagement, wie zum Beispiel Ihrer Zusammenarbeit mit Politik und Zivilgesellschaft oder dem Bündnis "Bautzen bleibt bunt“.

Mein Engagement in Bautzen begann bei „Bautzen bleibt bunt“ unmittelbar nach meinem Umzug in die Spreestadt. Ich übernahm damals Patenschaften für zwei Familien, die damals noch im Asylverfahren steckten. Durch den Kontakt mit den Menschen aus dem Bündnis und die regelmäßigen Treffen habe ich dann sehr bald begonnen, mich auch mehr in die allgemeine Bündnisarbeit einzubringen. Neben der Arbeit für Refugees organisieren wir Lesungen, Kundgebungen, Begegnungen und viele andere Dinge mehr. Die Arbeit des Bündnisses ist wichtig für Refugees, um in Bautzen anzukommen. Das Bündnis hat aber auch mir geholfen, sehr schnell in Bautzen heimisch zu werden.
Ich selbst sehe den wichtigeren Anteil meines eigenen Engagements aber darin, dass ich den Finger in die Wunde lege, und über die sozialen Medien (oder wenn es mal ausführlicher sein muss unregelmäßig auf dem Blog) auf Probleme aufmerksam mache, die aus meiner Sicht existieren. Dabei versuche ich auch immer, denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht oder nur selten gehört werden, etwa den jungen Refugees, die im September 2016 durch Bautzen gejagt wurden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich hatte schon angesprochen, dass im kommenden Jahr in Sachsen Wahlen anstehen. Aus diesem Grund wünsche ich mir für die Zukunft, dass die Menschen, die derzeit noch leise sind, sich dem Nationalismus und der Menschenverachtung entgegenstellen. Nicht nur bei Demos und Kundgebungen kann man seine Meinung äußern, sondern vor allem im privaten Alltag, in den sozialen Medien oder im Berufsleben. Wenn die Menschen jetzt nicht wach werden und ihre Stimmen erheben, habe ich schlimme Befürchtungen für den Wahlausgang im kommenden Jahr. Die Demokratinnen und Demokraten sind auch in Sachsen in der Mehrheit. Wir müssen aber alle gemeinsam lauter werden, um zu zeigen, dass es so ist.


 

Informiert bleiben

Facebook
YouTube

Veranstaltungen

Berlin | 19.11.2018, 18:00 bis 20.10.2018, 19:00
Berlin-Mitte | 19.11.2018, 18:00

Logo BPB
Seit 2011 ist die Geschäftsstelle des BfDT Teil der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb