Botschafter/-innen für Demokratie und Toleranz 2010

Foto: Die Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010! (Bastian Neumann)Foto: Die Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010! (Bastian Neumann)
Am 23. Mai 2010 ehrte das von der Bundesregierung gegründete Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) Personen und Initiativen, die im besonderen Maße für gesellschaftliches Engagement und Zivilcourage stehen, als „Botschafter für Demokratie und Toleranz“. Die fünf diesjährigen Botschafter nahmen ihren Preis beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetztes im Haus der Kulturen der Welt entgegen. Der Festakt bildete gleichzeitig den Höhepunkt des Jugendkongresses 2010 unter dem Motto: „Demokratie und Toleranz – Zukunft mitgestalten!“, mit dem das Bündnis für Demokratie und Toleranz jährlich um den 23. Mai über 400 Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet in Berlin zusammenbringt. Auf dieser Seite finden Sie ausführliche Informationen zu den diesjährigen Botschaftern und die persönlichen Filmportraits, die während des Festakts gezeigt wurden.


Bildergalerie zum Festakt 2010




Wir haben für Sie die schönsten Aufnahmen vom Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes ausgewählt!
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Die „Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010“




Franz Rosenbach, Nürnberg (Bayern)


Foto: Franz Rosenbach, Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010 (Bastian Neumann)Foto: Franz Rosenbach, Botschafter für Demokratie und Toleranz, und BfDT-Beiratsmitglied Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast (Bastian Neumann)
„In euren Händen liegt Deutschland“

Z – 9264 lautet die Nummer auf Franz Rosenbachs Arm. Jahr um Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges verdeckte er diese unter langen Pullovern oder, im Sommer, mit einem Pflaster. Es sollte nicht offen für alle sichtbar sein, was ihm angetan wurde.

Franz Rosenbachs Geschichte beginnt in Horatitz, im damaligen Sudetenland. Als viertes Kind wird er 1927 dort geboren. Zur Schule geht er in einem kleinen Ort in Österreich. Er besucht sie gerne, bis er als „rassischer Abschaum“ beschimpft die Schule verlassen muss. Einige Jahre später, 1943, Franz Rosenbach arbeitet mittlerweile als Schienenarbeiter für die Reichsbahn, werden er und seine Familienmitglieder verhaftet und in das Polizeigefängnis Wien verlegt. Eines Tages drückt ihm ein Wärter einen Korb in die Hand. Er denkt an Gartenarbeit, doch seine Aufgabe ist es, die Köpfe der unter der Guillotine des Gefängnisses Ermordeten aufzusammeln. Der Junge ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er wenig später an einen der furchtbarsten Vernichtungsorte der Nazi-Herrschaft gebracht werden wird: Auschwitz-Birkenau. Hier wird aus dem Jungen eine Nummer. Eine Nummer von vielen, aber mit einem Z davor. Z wie „Zigeuner“. Stigmatisierung und Legitimierung für die Nationalsozialisten zur Ausführung des 1942 beschlossenen „Auschwitz-Erlasses“, der die familienweise Deportation aller so genannten „Zigeuner“ nach Auschwitz-Birkenau vorsah. 1944 wird Rosenbach von seiner Familie getrennt. Er gilt noch als arbeitsfähig, was der Lagerkommandant von Buchenwald mit der menschenverachtenden Bemerkung quittiert: „Das sind doch keine Arbeitskräfte, die gehören ins Krematorium“. Während Franz Rosenbachs Odyssee durch die deutschen Konzentrationslager beginnt, werden am 2. und 3. August 1944 die zurückgebliebenen Alten und Kinder der Sinti und Roma in den Gaskammern von Auschwitz ermordet, darunter seine Mutter und seine Schwester Rosa. Insgesamt sterben von den 29 Verwandten Rosenbachs 21 Familienangehörige.

In Buchenwald muss Rosenbach Schwerstarbeit im Steinbruch verrichten. Nach einiger Zeit wird er nach Mittelbau-Dora verlegt. Hier gibt es noch keine Unterkünfte. Die völlig entkräfteten und ausgehungerten Menschen müssen im Stollen leben und arbeiten. Jeden Tag sterben 15 bis 30 von ihnen. Kurz vor Kriegsende beginnt für Franz Rosenbach der Todesmarsch in das KZ Harzungen.
Doch er kann fliehen und findet in einem Forsthaus in der Nähe von Sollnitz bei einer mutigen Frau Unterschlupf.

Im Mai 1945 ist der Krieg zu ende und Franz Rosenbach, Kind einer großen Familie, ist auf sich allein gestellt. Zwei seiner Schwestern, Mitzi und Julie, jedoch überlebten wie durch ein Wunder das Frauen-KZ Ravensbrück und so zieht er zu ihnen nach Bayern. Er heiratet und bekommt neun Kinder. Er arbeitet hart und zieht, nach der Scheidung von seiner Frau, vier der Kinder alleine groß. Doch je älter er wird und je größer seine Kinder werden, desto mehr wird ihm bewusst, dass er vor seinen Erinnerungen, die ihn nur zu oft nachts in Albträumen einholen, nicht fliehen kann. Er fasst den Entschluss und findet den Mut über das Erlebte zu berichten und genau dort hin zu gehen, wo zukünftige Generationen in Deutschland ausgebildet werden und wo er in einem kleinen österreichischen Ort selbst als Junge als „unwert“ verwiesen wurde: die Schulen und Bildungseinrichtungen. Hier steht er vor Jungen und Mädchen, die oft genug mit den Vorurteilen der Erwachsenen gegenüber „Zigeunern“ groß werden und von dem Schicksal der Sinti und Roma von 1933 und 1945 kaum etwas wissen. Die Kultur der Sinti und Roma ist ihnen unbekannt und die wenigsten wissen vom „Auschwitz-Erlass“ oder dem BGH-Urteil von 1963, nach dem die Deportation der Sinti und Roma kein Verbrechen war, sondern eine „präventive Verbrechensbekämpfung“. Franz Rosenbach möchte mit seinen Zeitzeugengesprächen nicht nur an das Geschehene erinnern, er möchte auch, dass sie als Mahnung verstanden werden und so sagt er oft in seinen Gesprächen: „Passt auf eure Zukunft auf – in euren Händen liegt Deutschland.“ 2005 erscheint seine Biographie „Der Tod war mein ständiger Begleiter“. Nach vielen Jahren des Schweigens und der Demütigung scheint es, als hätte Franz Rosenbach das Pflaster des Verdrängens endgültig von seinem Arm gerissen.

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Heiko Lietz, Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern)


Foto: Heiko Lietz, Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010, und BfDT-Beiratsmitglied Prof. Roland Eckert (Bastian Neumann)Foto: Botschafter für Demokratie und Toleranz Heiko Lietz und BfDT-Beiratsmitglied Prof. Roland Eckert (Bastian Neumann)
Einer, der es verstand auf sein Herz zu hören

Einen „Zersetzer“ nannten sie ihn. Sie, das waren die Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR und der Zersetzer war erst Pfarrer und dann ein aus der Kirche ausgetretener Gemeindepfarrer in Mecklenburg bis die Wende kam und er eine der führende Kräfte des Neuen Forums im Nordosten Deutschlands wurde.

Heiko Lietz ist ein norddeutscher Jung’. Geboren 1943 studierte er in Rostock Theologie und arbeitete in den 70er Jahren als Gemeindepfarrer in der mecklenburgische Stadt Güstrow. Die Jungen und Alten kannten ihn im Ort. Die Jungen diskutierten mit ihm über Dinge, die man damals lieber nicht laut aussprach und die Alten nannten ihn auch im dickköpfigen Norden Deutschlands nicht ohne Respekt noch einen Querulanten. Heiko Lietz ging es nie um Ansehen, einen Posten oder den Umsturz, ihm war und ist es bis heute wichtig „unterschiedliche Meinungen zu einem harmonischen Ganzen“ zusammen zu führen. Freunde sagen über ihn, er versteht es meisterlich überall zu helfen und anzupacken und dafür nie Geld zu bekommen.

Sein Mut Wahrheiten auszusprechen brachte ihm wenige Freunde. So hatte er lange Zeit Schwierigkeiten, eine feste Anstellung zu finden. Sein Engagement für eine unabhängige Friedensbewegung Mecklenburg oder das Sammeln von Unterschriften gegen die Aufstellung von Kurzstreckenraketen in beiden Teilen Deutschlands, wurden von der Staatssicherheit wachsam verfolgt. Der „Zersetzer“ Lietz war nicht nur ein Dorn im Auge, er wurde offenbar auch als so gefährlich eingestuft, dass er während eines Staatsbesuches Helmut Schmidts im Jahr 1981 unter Hausarrest gestellt wurde.

Mit der Wende 1989 kam für Heiko Lietz viel Neues, doch nicht alles änderte sich. „Plötzlich war ich voller Zorn darauf, was dieses Regime uns 28 Jahre lang angetan hat.“ Diesen Zorn verwandelte er in politisches Engagement. Er trat dem Neuen Forum bei, saß mit am Runden Tisch und wurde ein Jahr später Mitglied der Partei Bündnis 90/ Die Grüne. Nachdem er die Partei später wieder verließ, gründete er 1998 das Bürgerbündnis 2000. Die Idee der Bürgerbewegung steht dem Gemeindepfarrer Lietz nahe.

In ihnen sieht er den Geist des Credos: Gemeinsam kann mehr erreicht werden und jeder muss für das einstehen, was ihm wichtig ist, realisiert. Lietz wurde Gründungsmitglied des Bürgerbündnisses für
Demokratie in Schwerin und organisiert hier bis heute Runde Tische zu dringenden gesellschaftlichen Themen wie Integration und Arbeitslosigkeit.

Ein Thema jedoch lässt das ehemalige „Dauerbeobachtungsprojekt“ der Stasi nicht los: Die Aufarbeitung der SED-Diktatur. In Leipzig gründete er früh das „Komitee für ein Tribunal zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte“ mit und leitet heute das mecklenburgische Komitee zur Rehabilitierung von Opfern des Stalinismus. Heiko Lietz weiß, wovon er spricht. Seine eigenen Stasi-Akten hat er sich angesehen. Viele Weggefährten betrogen ihn. Manche, die ihn beobachteten und über ihn berichten sollten, lernte er erst durch seine Nachforschungen kennen: „Einer war im Knast und musste in den Rüdersdorfer Kalkbergen hart arbeiten. Er war gesundheitlich am Ende. Sie haben ihm Hafterleichterung zugesagt.“ Ein anderer wurde als Homosexueller unter Druck gesetzt. Lietz ist nicht wütend und verbittert, er will verstehen und fragt sich bei jedem dieser Menschen, was ihn zu seiner Tat gebracht hat.

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Lichtjugend e. V., Berlin (Berlin)


Foto: Lichtjugend e.V., Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010, und BfDT-Beiratsmitglied Prof. Wolfgang Benz (Bastian Neumann)Foto: Lichtjugend e.V. und BfDT-Beiratsmitglied Prof. Wolfgang Benz (Bastian Neumann)
Junge muslimische Akademiker engagieren sich für ihren Kiez

Drei Millionen Muslime leben in Deutschland. Sie stammen aus ganz verschiedenen Ländern, sprechen verschiedene Sprachen und leben ihre Religion so verschieden, wie es die Menschen in den christlich geprägten europäischen Staaten tun. Nicht erst seit dem 11. September 2001 begegnen Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland Vorurteilen und diffusen Ängsten. Hinzu kommen Schlagzeilen über so genannte „Problem-Kieze“ wie Berlin-Neukölln mit seiner Rütli Schule, deren Schüler 2006 für Aufsehen sorgten.

Auf dem Campus Rütli engagieren sich seit September 2009 auch drei Mitarbeiter des Vereins Lichtjugend e.V.: Chalid Durmosch, Andy Abbas Schulz und Nikoletta Schulz. Als Dialogmoderatoren leiten sie an insgesamt drei Berliner Schulen Dialoggruppen, in denen Schülerinnen und Schüler zusammen kommen, um in einer toleranten und respektvollen Atmosphäre über aktuelle Probleme aus dem Kiez und Politik zu diskutieren. Lichtjugend e.V. arbeitet dabei als Partner vor Ort mit der Bundeszentrale für politische Bildung zusammen.

Doch wer und was stecken hinter der Lichtjugend? Es sind junge muslimische Akademiker aus Berlin-Neukölln, die sich zu diesem Verein zusammen schlossen, um die eigenen Erfahrungen mit gelungener Integration an die Jugendlichen in ihrem Kiez und darüber hinaus weiterzugeben. Sie kennen die Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, wissen, wie es ist, mit Migrationshintergrund auf Ablehnung zum Beispiel bei der Lehrstellensuche zu treffen, und wissen auch um die Bedeutung von Bildung für echte Anerkennung in der Gesellschaft.

Doch Bildung wird von Lichtjugend e.V. nicht als Einbahnstraße verstanden. Neben dem Verdeutlichen der Wichtigkeit guter schulischer Leistungen, geht es den ehrenamtlich Engagierten auch darum den interkulturellen Dialog zu fördern und aktiv über den Islam zu informieren. Sie selbst verstehen sich als nicht-parteigebunden und liberal. Für ein gewaltfreies und tolerantes Miteinander ist es unabdingbar die Kultur und Religion des Anderen zu kennen. Deshalb bietet der Verein Moscheeführungen, Fortbildungen für PädagogInnen und interreligiöse Projektwochen und Friedensgottesdienste an.

Lichtjugend e.V. steht für eine erstarkende und vielfältige muslimische Zivilgesellschaft in Deutschland, die oft dort Positives bewirkt, wo der interkulturelle Graben noch zu tief erscheint. So gehören Freizeitangebote, Nachhilfeunterricht sowie Gemeinschafts- und Jugendprojekte zum ehrenamtlichen Portfolio, aber auch Besuche an jenen Orten, wo der Kampf um den erfolgreichen Weg für junge Migranten auf den ersten Blick verloren scheint: In der Tegeler Haftanstalt besuchen Mitglieder des Vereins junge straffällig gewordene migrantische Jugendliche. Sie wollen Perspektiven aufzeigen und ihnen deutlich machen, dass es andere Wege geben kann. Seit einiger Zeit ist der Verein auch auf dem Feld der Gewaltprävention aktiv. Mit ihrer Initiative „Stopp Tokat“, die sich gegen Raub und Gewalt an Berliner Schulen einsetzt, wurden sie deshalb von der Berliner Polizei mit dem Berliner Präventionspreis ausgezeichnet.

Die Ehrenamtlichen von Lichtjugend e.V. kennen das Gefühl ob ihrer Herkunft auf Ablehnung in der so genannten Mehrheitsgesellschaft zu stoßen. Sie plädieren aber dafür nicht den Kopf einzuziehen, sondern durch Bildung und Engagement neue Wege zu gehen. Darüber hinaus klären sie über die Religion des Islam auf und bauen Vorurteile und Ängste ab.

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Thomas von Glahn, Salzwedel (Sachsen-Anhalt)


Foto: Thomas von Glan, Botschafter für Demokratie und Toleranz, und BfDT-Geschäftsführer Dr. Rosenthal (Bastian Neumann)Foto: Thomas von Glan, Botschafter für Demokratie und Toleranz 2010, und BfDT-Geschäftsführer Dr. Gregor Rosenthal (Bastian Neumann)
Kindern eine Perspektive geben

Viele reden und manche tun es einfach. Einer von diesen Menschen ist Thomas von Glahn. Seit neun Jahren engagiert er sich im Landkreis Salzwedel, Sachsen-Anhalt, für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und vermittelt ihnen über den Sport grundlegende Werte wie Respekt, Zusammenhalt und Fairness.

Als AWO-Tagesgruppenleiter arbeitet Thomas von Glahn in einem Bundesland, das neben einigen Ballungsgebieten stark geprägt ist durch viele kleine Kommunen und Gemeinden. Von den 2,6 Millionen Einwohnern Sachsen-Anhalts sind 717.000 Kinder und 20% von ihnen leben in Dörfern und Kleinstädten mit weniger als 1000 Einwohner. Dort herrscht für diese Kinder und Jugendlichen oft das, was man gemeinhin „tote Hose“ nennt. Die wenigen Jugendeinrichtungen auf dem Land kämpfen um ihre Existenz. Basketballkurse, wie sie von Glahn anbietet, oder gar richtige Basketball-Plätze sind keine Selbstverständlichkeit. Von Glahn und die Deutsche Sportjugend setzten es sich zum Ziel, junge Menschen aus den heimischen Wohnzimmern zu holen, sie zu motivieren sich zu bewegen und zu erleben, wie es ist, in einer Gemeinschaft Erfolge zu feiern, aber auch Konflikte auszuhalten.

Im Rahmen des Projekts „Körbe gegen Gewalt“ wurde die Idee der mobilen Projekte geboren. Wo das Geld für feste Sporteinrichtungen fehlt, kommt der Sportplatz direkt zu den Kindern. Der Name ist dabei Programm, denn durch den Sport können wesentliche Elemente der Gewaltprävention vermittelt werden. Und der Erfolg ist enorm. In sieben Schulen, sechs Jugendclubs, fünf Sportvereinen und zahlreichen anderen Einrichtungen verschiedenster Träger konnte das Konzept übernommen werden. In Form von wöchentlichen Angeboten werden Sportaktivitäten veranstaltet, die sich schnell unter den Kindern und Jugendlichen rum sprechen. Vor allem aber ziehen die regelmäßigen Sportevents Aufmerksamkeit auf sich, auch über die Landesgrenzen hinweg. Mittlerweile melden sich dafür jedes Mal bis zu 40 Teams an. Von Glahn hat sich hierzu ein besonderes Angebot herausgesucht: Streetball. Anders als bei anderen Sportarten fehlen hier die Schiedsrichter. Die Mannschaften müssen sich bei Fouls und brenzligen Situationen selbst auf gemeinsame Regeln einigen. Diese Bedingungen machen es
notwendig, dass sich die Jugendlichen mit einander beschäftigen, Konflikte austragen und ohne Gewalt Lösungen finden. So bietet „Körbe gegen Gewalt – Basketball Aktiv“ für von Glahn auch gute Anknüpfungspunkte zum Thema Gewalt und Rechtsextremismus im Sport, denn wer gemeinsam etwas erreichen möchte, muss den Einzelnen respektieren. Über das gemeinsame Ziel und den erlebten Erfolg oder Misserfolg bietet sich die Chance den vermeintlich anderen näher kennen zulernen und ihm auch in Zukunft vorurteilsfreier zu begegnen.

Thomas von Glahn trainiert mittlerweile mehrere Mannschaften verschiedener Altersklassen. Mit dem Basketballtraining, das er anbietet, erhalten die Kinder einen festen Anker- und Bezugspunkt. Neben dem Sport als Freizeitaktivität achtet von Glahn aber auch darauf, dass die schulischen Leistungen nicht hinter der Zahl der Körbe zurück bleiben. So gehört die Hausaufgabenbetreuung mit zum Programm und wer will kann sich zum Schiedsrichter ausbilden lassen oder wird bei herausragenden Leistungen als Talent tatkräftig unterstützt.

Sport kann keine Kinderarmut, keine fehlenden Jugendclubs und manchmal auch keine fehlenden Perspektiven in der Heimatregion bekämpfen, aber er kann Chancen ermöglichen. Menschen wie Thomas von Glahn zeigen den Kindern und Jugendlichen, dass die Großen etwas für sie tun, an sie glauben und ihnen zur Seite stehen.

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Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“, Zossen (Brandenburg)


Foto: Vertreter der Initiative "Zossen zeigt Gesicht e.V.", und BfDT-Beiratsmitglied Uta Leichsenring (Bastian Neumann)Foto: Zossen zeigt Gesicht e.V., Botschafter für Demokratie und Toleranz, und BfDT-Beiratsmitglied Uta Leichsenring (Bastian Neumann)
Das „Haus für Demokratie“ wird bestehen bleiben

„Volksverräter“ steht an seiner Tür und „Linke Sau“. Daneben prangen Hakenkreuze und an einer Mauer findet Jörg Wanke, Sprecher der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“, die Aufschrift „Jörg Wanke stirbt bald. Zossen bleibt braun.“

Jörg Wanke bleibt nicht der Einzige in Zossen, einem Ort nahe Königs Wusterhausen im brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming, der von den rechten Kräften der Region bedroht wird. Seit Januar 2009 gibt es die Initiative aus mittlerweile über fünfzig Ehrenamtlichen die nicht länger wegsehen wollten, wenn Stolpersteine geschändet wurden und auf Gedenkkundgebungen für die ermordeten und verfolgten Juden Zossens Neonazis „Lüge, Lüge!“ skandierten.

Die „Freien Kräfte Teltow-Fläming“, die im Umkreis von Zossen auftreten, gehören zu den besonders aktiven Kameradschaften im Berliner Umland. Sie orientieren sich an dem Konzept der Autonomen Nationalisten, d.h. sie arbeiten in losen Organisationsstrukturen und benutzen zum Teil von der linken Szene verwendete Symbole. Als ein damals noch kleiner Kreis Zossener Bürger beschließt diesem Treiben etwas entgegen zu setzen ist eine Zielrichtung klar: Der „Haus der Demokratie“ getaufte und durch eigenes Geld und Spenden finanzierte Sitz der Initiative soll parteiunabhängig sein und jedem offen stehen, der sich der demokratischen Grundordnung verpflichtet fühlt. Das Haus der Demokratie entwickelt sich schnell zu einem Ort in der Stadt, in dem Kultur- und Demokratieförderungen auf unterschiedlichste Weise in die Praxis umgesetzt werden. Generationenübergreifend baut man das Haus zu einer Bildungs- und Begegnungsstätte aus. Es gibt ein Café, einen Proberaum für Jugendbands und Nachhilfeunterricht.

Diese Anstrengungen und Leistungen der fünfzig Engagierten finden in der Nacht vom 22. auf den 23. Januar diesen Jahres ein jähes Ende. Rechtsextreme Jugendliche im Alter von 13 bis 23 Jahren, aus Zossen und Nachbarorten, brennen das Haus der Demokratie vollständig nieder. Zunächst gesteht ein 16 jähriger den Brandanschlag. Der genaue Tathergang dieser Nacht ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.

Das „Haus der Demokratie“ in Zossen wird es wieder geben, das versprechen die Gründer und Neumitglieder der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“. Seit dem Brandanschlag gingen zahlreiche Spenden von Initiativen und Privatleuten ein. Das Engagement der über fünfzig Ehrenamtlichen ist gelebte Demokratie und steht für ein Bürgerengagement wie es für eine Gesellschaft wichtig ist. Die Initiatoren schauten nicht weg und schufen mit dem Haus für Demokratie einen Ort, an dem offen und gleichberechtigt Menschen jeden Alters mit einander diskutieren.

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