05.08.2014

Ausstellung „In der Wahrheit leben“

„You are leaving the American sector“, erinnert ein Schild im Eingangsbereich des Gebäudes der BfDT-Geschäftsstelle an den ehemaligen Grenzübergang zur DDR. Direkt am Checkpoint Charlie gelegen, hat das BfDT die deutsche Geschichte immer im Blick. Januar bis März 2012 wurde auch in den Büroräumen des BfDT mit einer Ausstellung an deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts erinnert. „In der Wahrheit leben“ heißt die von der Kreisau-Initiative bereits 1998 entwickelte Wanderausstellung, die seit 2004 in Schulen und Organisationen in ganz Deutschland und Polen zu besichtigen ist.

Die Ausstellung stellte Menschen vor, die sich trotz großer Gefahren für Sicherheit und Leben gegen Diktaturen aufgelehnten und für Freiheit starkgemacht haben. Dieser Einsatz sah sehr unterschiedlich aus: Einige kämpften mit Waffen, gründeten Geheimorganisationen, Andere schrieben politische oder literarische Texte oder machten Informationen über Menschenrechtsverletzungen im In- und Ausland öffentlich. Es gibt viele Wege, sich gegen Diktaturen aufzulehnen – doch der Ausgang, den solch ein mutiger Aufstand nimmt, ist leider oft sehr ähnlich. Viele der in der Ausstellung „In der Wahrheit leben“ Porträtierten bezahlten für ihre Überzeugungen mit ihrer Freiheit, oft auch mit ihrem Leben.

Zwei dieser Widerstandskämpfer stellen wir Ihnen im Folgenden vor.



Foto: Helmuth James von Moltke (Kreisau-Initiative)
Helmuth James von Moltke (1907-1945)

Er gehört zu den bekanntesten Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus: Helmuth James von Moltke, Begründer der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis. Als junger Jurist verzichtete er 1935 auf einen Posten als Richter, weil er nicht der NSDAP beitreten wollte. Stattdessen machte er sich als Anwalt für Völkerrecht und internationales Privatrecht für Juden und andere Opfer der NS-Diktatur stark und versuchte auf seinen Auslandsreisen auf die Gefahren des Hitler-Regimes aufmerksam zu machen. Er überlieferte beispielsweise Flugblätter der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ ins Ausland. Ab 1939 trat von Moltke seinen Posten in der Beratung für Völkerrecht, dem geheimen Nachrichtendienst der Wehrmacht, an. Zu seinen Aufgaben gehörte das Erstellen von kriegsvölkerrechtlichen Gutachten, in die er seine humanitären Ansichten einfließen ließ. Wiederholt widersprach er in seinen Gutachten völkerrechtswidrigen Befehlen und brachte sich damit selbst in Gefahr. 1945 wurde er, zusammen mit anderen Mitgliedern des Kreisauer Kreises, zum Tode verurteilt. In einem Abschiedsbrief an seine Söhne schrieb er:

„Seitdem der Nationalsozialismus zur Macht gekommen ist, habe ich mich bemüht, seine Folgen für seine Opfer zu mildern und einer Wandlung den Weg zu bereiten. Dazu hat mich mein Gewissen getrieben, und schließlich ist das eine Aufgabe für einen Mann.“

Von Moltkes Schriften wurden nicht nur an seine Familie überliefert, sondern sind mehrfach verlegt. Die Ausstellung „In der Wahrheit leben“ erinnert aber auch an jene Widerständler, die in Arbeitslagern und Gefängnissen in Vergessenheit geraten sind, getrennt von ihren Familien und ohne Kontakt zur Außenwelt. Einer von ihnen ist Wasyl Semenowytsch Stus.

Foto: Wasyl Semenowytsch Stus (Kreisau-Initiative)
Wasyl Semenowytsch Stus (1938-1985)

„Berg / reiht sich an Berg / die Heimat / nicht zu sehen / kein Tropfen / Morgenrot / die Nacht flattert / wie ein Schatten / der Pappeln / und mein Sohn / er will mir / in der Gefangenschaft / nicht erscheinen [...]“.

So beginnt ein Gedicht des Lyrikers und Publizisten Wassyl Stus, ehemals für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, heute weitgehend unbekannt. Der Ukrainer wurde zu Zeiten der Sowjetunion zu 23 Jahren Straflager verurteilt, erkrankte dort schwer und starb infolge der harten Inhaftierungsbedingungen. Sein „Verbrechen“: Liebe zu seiner Heimat, die er in seinen zahlreichen Gedichten eindringlich und naturbezogen, jedoch ohne Sozialkritik oder politische Agenda, ausdrückte. 1972 wurde er wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ zu fünf Jahren Lager und drei Jahren Verbannung verurteilt. Gesundheitlich geschädigt kam er aus dieser Haft zurück – und begann sich in einer Kiewer Menschenrechtsorganisation zu engagieren. Dies führte nur ein Jahr nach seiner Freilassung zu einer erneuten Inhaftierung. Diesmal kehrte Stus nicht zurück. Seine Gedichte wurden größtenteils beschlagnahmt, sind zum Teil verschollen. Trotz Protesten aus dem Ausland durfte Stus seine Familie während der Haftzeit nicht sehen, auch seinem letzten Wunsch, in der Heimat beerdigt zu werden, wurde nicht stattgegeben.

Interner LinkHomepage der Ausstellung "In der Wahrheit leben"