30.04.2013

Interview mit Gabriele Rohmann

Foto: Gabriele Rohmann
Bitte stellen Sie sich unseren Leserinnen und Lesern kurz vor.

Ich bin Sozialwissenschaftlerin und habe Soziologie, Germanistik und Wirtschafts- und Sozialpsychologie studiert. Seit meinem Studium bin ich sowohl journalistisch als auch in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung t√§tig und besch√§ftige mich seit 17 Jahren auch mit dem Thema Jugendkulturen. Im Jahr 1997 gr√ľndete ich mit sechs weiteren Kollegen, darunter Klaus Farin, Dr. Angar Klein und Eberhard Seidel, das Archiv der Jugendkulturen als gemeinn√ľtzigen Verein. Die Gr√ľndungsmitglieder kamen haupts√§chlich aus den Bereichen der Jugendszenen, Medien und Wissenschaft. Wir wollten eine Einrichtung schaffen, die differenziert √ľber Jugendkulturen informiert, den Stand der Jugendkulturen dokumentiert, Ver√§nderungen und Entwicklungen beobachtet und auf die Formen der politischen Handlungen der Szenen aufmerksam macht. Parallel zum Aufbau des Vereins und dem Einzug in die R√§umlichkeiten arbeitete ich weiterhin im journalistischen Bereich und legte in meinen T√§tigkeiten zur politischen Bildung einen Schwerpunkt auf Diskriminierungen, insbesondere Rechtsextremismus in Deutschland.

Welche Aspekte sind wichtig, wenn man sich gemeinsam mit Jugendlichen mit Themen zur politischen Bildung, zivilgesellschaftlichem Engagement oder Antisemitismus auseinandersetzt?

Im Archiv der Jugendkulturen haben wir zahlreiche Projekte zu den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und anderen Diskriminierungen umgesetzt. Wir legen dabei sehr viel Wert darauf, uns mit den Jugendlichen gemeinsam mit Themen der politischen Bildung, des zivilgesellschaftlichen Engagements und nat√ľrlich mit Rechtsextremismus oder Antisemitismus auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, die Jugendlichen stark in Projekte einzubeziehen, herauszufinden, wo sich Politik in ihrer Lebenswelt widerspiegelt und so ihr Interesse zu wecken. Ein Zugang zur Lebenswelt der Jugendlichen sind die Jugendkulturen. √úber Musik, Mode oder Stil einer Szene kann man die jeweiligen Jugendlichen leichter erreichen. Dahinter steckt oft mehr politische Bildung oder ein Interesse an bestimmten politischen Themen als von Au√üenstehenden angenommen.

Welche Beispiele können Sie hier nennen?

Viele. Keine Jugendkultur entsteht im luftleeren Raum. In den jeweiligen Jugendkulturen werden gesellschaftliche Themen und konkrete Situationen in Liedtexten oder im Style verarbeitet. Die Hip-Hop-Bewegung beispielsweise entstand vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund von Rassismus in den USA, und die Entstehungsgeschichte von House-Music hängt stark mit dem schwulen, schwarzen Club-Milieu zusammen.

Wie kann man sich die Arbeit des Archiv der Jugendkulturen vorstellen?

Wir arbeiten mit Jugendlichen und Erwachsenen, denn auch Erwachsene haben einen sehr gro√üen Wissensbedarf in Bezug auf das Thema Jugendkulturen. Ein wichtiger Ansatz ist die Zusammenarbeit mit authentischen Szenevertretern/-innen, die sich in den jeweiligen Szenen sehr gut auskennen und somit unsere Expertinnen und Experten sind. Sie reflektieren die Entwicklung der Szenen und kennen den aktuellen Stand. Wir k√∂nnen so herausfinden, wie die Entwicklung hin zu den heutigen Jugendkulturen ablief und was genau so viele Jugendliche daran fasziniert. Gemeinsam mit Jugendlichen erarbeiten wir die Urspr√ľnge und das Spektrum einer Jugendkultur. So lernen sie, dass Hip Hop nicht nur Bushido und Gangster-Rap ist, sondern dass es sich dabei in den 70er Jahren urspr√ľnglich um eine emanzipatorische Grundbewegung handelte. Dieser Aspekt spielt auch im heutigen Hip Hop eine gro√üe Rolle.
Ein gro√üer Arbeitsbereich des Archivs ist die politische Bildung, d. h. das Angebot von Workshops, Projekttagen und -wochen mit Jugendlichen und Erwachsenen. Die Projektarbeit findet zum einen unter dem Aspekt der Geschichte und Entwicklung von Jugendkulturen statt, zum anderen bieten wir Teilnehmenden die M√∂glichkeit sich praktisch auszuprobieren, kreative Potenziale zu testen und zu entwickeln, au√üerdem beraten und begleiten wir Jugendliche in die Jugendkulturen. Das Konzept basiert auf einem emanzipatorischen Hintergrund und regt zur Beteiligung, Kreativit√§t, Auseinandersetzung mit und Reflexion √ľber Jugendkulturen an.
Der zweite Arbeitsbereich ist das Archiv als Forschungs- und Bildungsst√§tte. In unserer Fachbibliothek bieten wir jugendkulturelle Literatur, tausende DVDs, CDs und Zeitschriften sowie gesammelte Fachliteratur an. In unserem angeschlossenen Verlag haben wir in den letzten 10 Jahren √ľber 70 B√ľcher publiziert, unter anderem Belletristik, Autobiographien, Bildb√§nde und Doktorarbeiten.
Ein weiterer Arbeitsbereich umfasst Ausstellungen und existiert bereits seit mehr als sieben Jahren. Unsere erste gro√üe Ausstellung bestand aus der Reflexion √ľber 50 Jahre Bravo, 50 Jahre Jugendkulturen in Deutschland. Es folgten Wanderausstellungen zu den Themen Antisemitismus, Migration, Rassismus und aktuell zu Diskriminierungen in Jugendkulturen. Der Hauptsitz und die Bibliothek des Archivs sind zwar in Berlin, unsere Bildungsarbeit, bisher an mehreren hundert Einrichtungen mit vielen tausend Jugendlichen und Erwachsenen, findet aber im gesamten deutschsprachigen Raum statt.

Welchen Stellenwert hat zivilgesellschaftliches Engagement in ihrer Arbeit?


Das zivilgesellschaftliche Engagement steht bei uns im Zentrum. Wir diskutieren und bearbeiten mit Jugendlichen und Erwachsenen gesellschaftliche und politische Bildungsthemen. Wir regen dabei zum kritischen Hinterfragen und zur eigenen Beteiligung an und √ľberlegen, wie man ein friedliches Miteinander gestalten kann.

Welche Erfahrungen können Sie in den Beirat des BfDT einbringen?

Ich m√∂chte mein eigenes langj√§hriges Engagement f√ľr ein demokratisches und friedliches Miteinander in die Arbeit des Beirates einbringen und mit Kultur gegen menschenverachtende Haltungen einstehen. Ich bin schon sehr lange in der Bildungsarbeit t√§tig und gebe meine Erfahrung aus der Praxis, vor allem die Arbeit mit jugendkulturellen und medienp√§dagogischen Ans√§tzen, gern weiter.

Welche Erwartungen haben Sie an die Tätigkeiten im Beirat des BfDT?

Ich freue mich schon auf die Arbeit im Beirat und darauf, die Expertise des Archivs hier einbringen zu können. Besonders gespannt bin ich auf die Diskussionen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und wie mit ihnen im BfDT umgegangen wird. Gerade die Zusammensetzung des Beirats aus unterschiedlichsten Bereichen ermöglicht einen Erfahrungsaustausch und Diskussionen, die bestimmt sehr interessant werden.