20.07.2010

Newsletter Juni 2010

Der Newsletter des BĂŒndnisses fĂŒr Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt (BfDT)erscheint einmal monatlich und informiert ĂŒber die AktivitĂ€ten des BfDT und der unter dem Dach des BĂŒndnisses versammelten zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Die vollstÀndigen Artikel finden Sie als Druckversion in der Anlage.

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Inhaltsverzeichnis


BfDT in eigener Sache
- Onlineumfrage 2010: Die Ergebnisse sind da! – Was ergaben unsere Fragen an Sie?



BfDT Aktuelles:
- Jugendkongress 2010
„Wir werden diese Tage im Herzen behalten!“

- „Ich wollte nie ein Held sein“
Interview mit dem Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz Gerald Eggert

- Botschafterfilmportraits jetzt online!

- Startschuss in Berlin am 14. Juni 2010
Internationales Jugendcamp Frankenberg „Gemeinsam STARK fĂŒr Toleranz und Demokratie“

- Brandenburg Nazifrei!
Wie engagierte BĂŒrger etwas gegen rechte AufmĂ€rsche unternehmen

BfDT Vorschau:
- Abschlussveranstaltung zur Ausstellung „Kicker, KĂ€mpfer und Legenden“ am 1. Juli 2010 in der BfDT-GeschĂ€ftsstelle


BfDT RĂŒckblick:

- „Wir sitzen alle in einem Boot“
Über 150 Teilnehmer setzten am 13. Juni 2010 in Hannover ein Zeichen fĂŒr mehr Toleranz

- Mitgliederversammlung der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion NĂŒrnberg am 4. Juni 2010 in Bamberg

- „Tag der Toleranz“ am Schulzentrum Neustadt am 2. Juni 2010 in Bremen

BfDT Mitglieder berichten
- Projekt DutzendRot – Eine Biographie fĂŒr KĂ€te Strobel

- Begegnungswoche des FĂŒrstenberger Fördervereins Mahn- und GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck e.V.



BfDT In eigener Sache


Onlineumfrage 2010: Die Ergebnisse sind da! – Was ergaben unsere Fragen an Sie?

Liebe Leserinnen und Leser des Newsletters,

vor knapp einem Monat waren Sie gefragt: Mit unserem Newsletter kĂŒndigten wir unsere Online-Umfrage an. Zwölf Fragen standen zur Beantwortung und knapp 400 von Ihnen nahmen an unserer Umfrage teil. DafĂŒr ein herzliches Dankeschön!

ZunĂ€chst ein kleiner RĂŒckblick: Warum starteten wir diese Umfrage?
Vor allem wollten wir Ihre Ansichten erfragen, Ihre Meinung zu unserer Arbeit hören, aber auch etwas darĂŒber erfahren, was fĂŒr Sie in Zukunft wichtig ist und wie Sie Ihre PlĂ€ne mit uns umsetzen möchten. Besonders die Fragen zu unserer Arbeitsweise, unseren Aufgabengebieten und Ihren ThemenprĂ€ferenzen waren dabei fĂŒr uns von Bedeutung.

Die rege Teilnahme an der Umfrage war fĂŒr uns sehr erfreulich. Die bei Umfragen ĂŒbliche Quote von 10 Prozent RĂŒcklauf wurde deutlich ĂŒbertroffen und zeugt auch vom Interesse, den Einsatz fĂŒr eine starke Zivilgesellschaft noch zu erhöhen. Damit erfĂŒllt sich unser Ziel, einen ersten Eindruck und Überblick ĂŒber die Ihnen wichtigen Themen zu erhalten. Die Ergebnisse ermöglichen uns eine vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und WĂŒnschen, die unsere Partner und Freunde mitbringen. Den Dialog mit Ihnen werden wir dabei weiterfĂŒhren und noch ausweiten. Dialog war dann auch eines der SchlĂŒsselwörter unserer Umfrage. Nach dem RĂŒckblick verschaffen wir Ihnen nun einen Überblick ĂŒber das Gefragte und die Ergebnisse.

Viel Zustimmung, aber auch viele neue Ideen und Anregungen


ZunĂ€chst wollten wir wissen, seit wann Sie unsere Arbeit kennen bzw. durch welche KanĂ€le Sie vom BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) erfuhren. Ein Großteil der Umfrageteilnehmenden kennt das BĂŒndnis bereits seit mehreren Jahren, genau die HĂ€lfte davon seit der thematischen und inhaltlichen Weiterentwicklung im Jahr 2007. Die meisten lernten die Arbeit des BfDT durch ihr eigenes TĂ€tigkeitsumfeld kennen, also zum Beispiel durch ehrenamtliche Arbeit, aber auch die Hauptamtlichen finden immer wieder BerĂŒhrungspunkte zu unseren Aufgabenbereichen.

Im zweiten Abschnitt unserer Umfrage wollten wir wissen, wie Sie unsere Arbeit bewerten: ob Sie zufrieden sind mit unserer generellen Erreichbarkeit, ob sich fĂŒr Sie die Zusammenarbeit zufriedenstellend entwickelt oder in welchem Maße wir unsere zentralen Aufgaben aus Ihrer Sicht erfĂŒllen. Auch hier konnten wir uns ĂŒber die ĂŒberwiegend sehr positiven Ergebnisse freuen. Über 80 Prozent antworteten bei der Frage nach der Erreichbarkeit mit „sehr gut“ bzw. „gut“, 62% bewerteten die Zusammenarbeit mit „gut“ bis „sehr gut“. Ein schönes Ergebnis – denn in der Praxis ist es oft entscheidend wie erreichbar wir fĂŒr Sie und ihre Anliegen sind.

Ein Großteil der Befragten hat bereits an unseren Veranstaltungen teilgenommen. Daher war uns die Frage wichtig, welchen Gewinn Sie aus unseren Formaten fĂŒr sich ziehen können. Dass fast ebenso viele (61%) mit „in hohem Maße hilfreich“ antworteten, kann uns natĂŒrlich nur freuen. Immerhin knapp 20% antworteten sogar mit „in sehr hohem Maße“. Auch dieses Thema ist im Kontext zu sehen, denn es berĂŒhrt unsere wesentlichen Aufgaben als Ansprechpartner und Impulsgeber sowie in der Vernetzungs- und UnterstĂŒtzungsleistung.

Die Umfrage hat gezeigt, wie wichtig Ihnen gerade der letzte Punkt ist. Das Wissen aus unserer Arbeit, aber auch die vielfĂ€ltigen Kontakte und Möglichkeiten der Vermittlung durch das BfDT sollen deshalb auch in Zukunft Ihren Projekte und AktivitĂ€ten zugute kommen. Die Vernetzungs- und Koordinierungsarbeit des BfDT bewerteten die Teilnehmenden an der Umfrage dabei im ĂŒbrigen mit 86% als „hilfreich“ bzw. „sehr hilfreich“ und knapp zwei Drittel bestĂ€tigen die Wahrnehmung unserer Aufgaben als Ansprechpartner und Impulsgeber mit einem positiven Votum.

Mittler zwischen Politik und Zivilgesellschaft und Plattform

Diese Umfrageergebnisse zeigen uns nicht nur wie Sie unsere Arbeit bewerten, sie erlauben uns auch einen Ausblick, den wir mit den letzten Fragen unserer Online-Umfrage auch konkret von Ihnen erbaten. Insgesamt waren die Antworten bei der Frage, in welchen BfDT-Themenbereichen wir Sie auch in Zukunft verstĂ€rkt unterstĂŒtzen sollen, sehr ausgewogen verteilt. Deutliche Priorisierungen gab es bei der Frage nach den Schwerpunkten unserer Arbeit.

Hier wurden konkrete WĂŒnsche sichtbar: Zum einen wĂŒnschen sich die Teilnehmenden von uns erweiterte AktivitĂ€ten im Bereich der Öffentlichmachung zivilgesellschaftlicher AktivitĂ€ten. Hier können wir bereits jetzt fĂŒr die zweite HalbjahreshĂ€lfte konkrete Maßnahmen ankĂŒndigen. Zum anderen sehen die Teilnehmenden an der Umfrage das BfDT verstĂ€rkt als Mittler zwischen der Zivilgesellschaft und der Politik. Diesen konkret geĂ€ußerten Wunsch nehmen wir fĂŒr unsere weitere Arbeit gerne auf.

Auch bei der Frage nach einem thematischen Blick in die Zukunft erhielten wir von Ihnen zahlreiche Ideen. Deutliche Schwerpunkte ergaben sich hierbei im Bereich der AufklĂ€rung und UnterstĂŒtzung in der Wissensvermittlung – auch im Dialog der Generationen – sowie im Bereich des Extremismus und hier insbesondere des Rechtsextremismus. DarĂŒber hinaus waren den Antwortenden auch die Themen Integration, Rassismus sowie Homophobie und Islamfeindlichkeit wichtig.

Im Dialog bleiben


Ziel unserer Umfrage war es, aus Ihren Ansichten und Ideen Impulse und Anregungen fĂŒr unsere Arbeit mitzunehmen, denn wir können nur erfolgreich arbeiten, wenn wir uns an den BedĂŒrfnissen der Zivilgesellschaft orientieren. Dass wir dieses Ziel ernst nehmen, wollten wir mit unserer abschließenden Frage nach einem speziellen RĂŒck- und Ausblick auf die gemeinsame Zusammenarbeit mit dem BfDT verdeutlichen. Ihre Zustimmung zu einem solchen Dialog in Zukunft von 71% nehmen wir mit Freude zur Kenntnis und möchten Sie unabhĂ€ngig davon auch weiterhin ermutigen unsere Leistungen und Möglichkeiten fĂŒr Ihre Arbeit vor Ort zu nutzen.



BfDT Aktuelles


Jugendkongress 2010
„Wir werden diese Tage im Herzen behalten!“
Der Jugendkongress 2010 des BĂŒndnisses fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) ist erfolgreich zu Ende gegangen! Vom 20. bis zum 24. Mai hat das BfDT ĂŒber 420 Jugendliche nach Berlin eingeladen, um sich gemeinsam mit Demokratie und Toleranz in all ihren Facetten auseinanderzusetzen und gleichzeitig den zehnten Geburtstag des BfDT zu feiern. Unter dem diesjĂ€hrigen Motto „Demokratie und Toleranz - Zukunft mitgestalten!“ hatten die Jugendlichen Gelegenheit, an vielfĂ€ltigen Workshops und Außenforen teilzunehmen. Den Höhepunkt stellte wie jedes Jahr der Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes am 23. Mai dar, bei dem das BfDT die Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz auszeichnete. Auf einer Nachlese-Seite informiert das BfDT umfassend ĂŒber die Tage rund um den 23. Mai!

Schon die EinfĂŒhrungsveranstaltung am 20. Mai konnte die Jugendlichen begeistern. BfDT-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Dr. Gregor Rosenthal und die stellvertretende Leiterin der BfDT-GeschĂ€ftsstelle Kim Hartmann richteten in ihrer BegrĂŒĂŸung nicht nur informative, sondern auch motivierende Worte an die Teilnehmer. Unter Anleitung von Moderator Markus Gummersbach beteiligten sich die Jugendlichen an verschiedenen Spielen und Aktionen, um sich auch außerhalb ihrer Gruppen besser kennenzulernen. Hier wurde der Grundstein fĂŒr eine gute Zusammenarbeit gelegt. Denn fĂŒr die kommenden zwei Tage hieß es fĂŒr die Jugendlichen, den Markt der Möglichkeiten zu besuchen und an den zahlreichen Außenforen und Workshops teilzunehmen. Das BfDT hatte neben den inhaltlichen Angeboten auch Workshops im Programm, die den Schwerpunkt auf die Verbindung von Inhalt und Methodik legten. Über den regen Zulauf und die vielen positiven RĂŒckmeldungen zu den Kreativ-Workshops wie Rhetoriktraining, Theater-Workshop und Projektmanagement hat sich das BfDT sehr gefreut.

Doch nicht nur die inhaltliche Arbeit im Berlin Congress Center (bcc) stand fĂŒr die Jugendlichen auf dem Programm. Sie nahmen außerdem an Außenforen teil, die immer ein ganz besonderes Erlebnis sind. In den Außenforen besuchten die Jugendlichen historische und authentische Orte, um sich dort mit verschiedenen Themen zu befassen. Sie erlebten zum Beispiel ein StĂŒck jĂŒdischen Alltags und Geschichte im Centrum Judaicum, das echte Kreuzberg fernab von Klischees beim X-Berg-Tag und muslimische Kultur aus erster Hand beim Besuch der ƞehitlik-Moschee. In die deutsche Vergangenheit fĂŒhrte sie die „Topographie des Terrors“ – Dokumentationszentrum und „Ort der TĂ€ter“.

Eine Gruppe hatte die besondere Aufgabe, den Jugendkongress zu dokumentieren. Die Jugendlichen des Medienprojekts Wuppertal begleiteten die verschiedenen Veranstaltungen des Jugendkongresses mit der Kamera. Ihr Fokus: der zehnte Geburtstag des BfDT! Sie sammelten Gratulationen, WĂŒnsche und Kritik und machten daraus einen Film, der beim Abschlussplenum mit allen Kongressteilnehmern gezeigt wurde. In einer offenen Diskussionsrunde, an der auch Dr. Gregor Rosenthal und Kim Hartmann teilnahmen, wurde er ausgewertet. Gelobt wurden das vielfĂ€ltige inhaltliche Angebot, die gute Organisation und die Gelegenheit, Jugendliche aus der ganzen Welt kennenzulernen. Die WĂŒnsche betrafen vor allem eine Ausweitung der AktivitĂ€ten. „In diesem Jahr war uns bei der Einladung der 420 Jugendlichen besonders wichtig, dass auch viele Teilnehmer, die bislang noch nicht zivilgesellschaftlich aktiv sind, mit von der Partie waren“, sagte BfDT-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Rosenthal. Denn der Jugendkongress ist zwar auch eine Belohnung fĂŒr bereits Aktive, möchte sich aber noch stĂ€rker der Vernetzung widmen und Impulse – gerade bei noch nicht so aktiven Jugendlichen – fĂŒr zivilgesellschaftliches Engagement liefern.

Der Höhepunkt des Jugendkongresses war schließlich der 23. Mai, der Tag des Grundgesetzes. Direkt vom Ökumenischen Gottesdienst ging es fĂŒr die Jugendlichen zum Festakt im Haus der Kulturen der Welt, wo das BfDT die Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz 2010 ernannte. In diesem Jahr konnten sich Zeitzeuge Franz Rosenbach, Heiko Lietz, der Berliner Lichtjugend e.V., AWO-Tagesgruppenleiter Thomas von Glahn und die BĂŒrgerinitiative gegen Rechtsextremismus „Zossen zeigt Gesicht“ ĂŒber die Ehrung freuen. Überreicht wurden die Urkunden an die Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz von den BfDT-Beiratsmitgliedern Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, Dr. Roland Eckert, Prof. Wolfgang Benz, Uta Leichsenring und BfDT-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Dr. Gregor Rosenthal. Neben den Teilnehmern des Jugendkongresses waren auch viele Freunde und Partner des BfDT erschienen, um den zehnten Geburtstag feierlich zu begehen. Besonders erfreut war das BfDT ĂŒber die ehemaligen Botschafter der letzten zehn Jahre, wie Hans Bonkas und Isaac Behar, die ebenfalls den Weg nach Berlin gefunden hatten. Untermalt von den Auftritten der SoulsĂ€ngerin Joy Denalane und des Improvisationstheaters „Steife Brise“ endete das festliche Programm, durch das Moderatorin Özlem Sarikaya (Bayrischer Rundfunk) das Publikum gefĂŒhrt hatte. VorĂŒber war der Jugendkongress aber noch nicht – erst ging es noch zur Abschlussparty in der Kalkscheune. Dort wartete neben einem umfangreichen Buffet der Deutsche Meister im Beatboxen Mando auf die Jugendlichen. „Wir werden diese Tage im Herzen behalten!“ verabschiedete sich Kongressteilnehmerin Noemi von der Akademie Klausenberg am Ende des Abends.

Das BfDT hat den Jugendkongress mit aktuellen Berichten und Reportagen begleitet. Sie sind jetzt auf unserer Nachlese-Seite zu finden, ebenso wie das Online-GĂ€stebuch, Bildergalerien und weitere spannende Hintergrundinformationen.







„Ich wollte nie ein Held sein“
Interview mit dem Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz Gerald Eggert
Der Journalist Gerald Eggert befindet sich in bester Gesellschaft: Er ist Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz, wie zahlreiche andere Engagierte. Das BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) verleiht die Auszeichnung jedes Jahr, um besondere Menschen und herausragende Leistungen zu ehren. 2005 war es Eggert, der mit seiner Zivilcourage Schlagzeilen machte. Im Interview spricht er darĂŒber, wie er zum Botschafter wurde und wie sich sein Leben danach verĂ€nderte.

Herr Eggert, Sie wurden 2006 als Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Aus welchem Grund haben Sie den Titel erhalten?

Am Himmelfahrtstag 2005 kam ich mit Freunden auf dem HalberstĂ€dter Bahnhof an und bemerkte beim Verlassen des GebĂ€udes etwa acht bis zehn Personen, die ich vom Outfit her eindeutig der rechten Szene zuordnen konnte. Sie schlugen auf einen Polizisten in Uniform ein, auch nachdem er lĂ€ngst zu Boden gegangen war. In einiger Entfernung nahm ich einen Schutz suchenden Afrikaner wahr, auf der Wiese gegenĂŒber schrie jemand laut „Hilft denn keiner!“. An der Straßenbahnhaltestelle stand ungefĂ€hr ein Dutzend Erwachsener. Niemand reagierte. Die TĂ€ter ließen plötzlich von ihrem Opfer ab und zogen ohne Eile davon. Ich fotografierte sie, sie wurden aufmerksam und forderten die Kamera. Als ich mich weigerte, wurde ich von mehreren angegriffen und verletzt. Erst ein Einsatzkommando der Polizei machte dem Treiben ein Ende. Meine Fotos trugen zur Identifizierung von drei TĂ€tern bei, die spĂ€ter verurteilt wurden.

Was war es fĂŒr ein GefĂŒhl beim Festakt zum Tag des Grundgesetzes fĂŒr Ihren persönlichen Einsatz und Zivilcourage ausgezeichnet zu werden?


Ich wollte nie ein Held sein, fĂŒhle mich auch nicht als solcher, weil ich etwas getan habe, was ich tun musste. Mein Handeln schien mir nie außergewöhnlich. Doch immer wieder wurde ich eines anderen belehrt. Als der Gerichtsprozess durch die Medien ging, sprachen mir viele Bekannte und Unbekannte Anerkennung aus. Selbst vor der Auszeichnung im GesprĂ€ch mit anderen Geehrten wurde mir bescheinigt, dass ich etwas getan habe, was nur wenige tun. Deshalb erfĂŒllte es mich schon mit Stolz, als Dr. Wolfgang SchĂ€uble dem Bundespolizisten Dennis Bohnstedt und mir den Titel „Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz“ verlieh. Die Veranstaltung insgesamt hat mich sehr bewegt, vor allem, als die Ausgezeichneten und deren Engagement in kurzen Filmen vorgestellt wurden. Da hatte ich das gute GefĂŒhl, dass ich zu ihnen gehöre.

Hat sich danach Ihre Arbeit verÀndert? Wie hat Ihr Umfeld auf die Auszeichnung reagiert?


Die Nachricht von unserer Auszeichnung war aufgrund zahlreicher TV-Interviews noch am selben Abend nicht nur in Halberstadt angekommen. Als wir wieder zu Hause eintrafen, wurden wir von vielen BĂŒrgern angesprochen, die uns wegen der Zivilcourage Anerkennung zollten. Der Landrat empfing uns, es folgten Begegnungen im Landtag und mit dem LandtagsprĂ€sidenten.

Den grĂ¶ĂŸten Teil meines Preisgeldes habe ich ĂŒbrigens der Mobilen Opferberatung gespendet, denn von dort bekam ich sehr viel UnterstĂŒtzung in einer fĂŒr mich sehr schwierigen Zeit - nach der Tat und wĂ€hrend der folgenden Prozesse. Der brutale Überfall am Himmelfahrtstag und unsere Auszeichnung sind vielen im GedĂ€chtnis geblieben. Im vergangenen Jahr bat man mich, fĂŒr die Grundschule „Miriam Lundner“ Pate zu werden, als sie den Titel „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ bekam. Ich engagiere mich seit der Auszeichnung auch im BĂŒrgerbĂŒndnis fĂŒr ein gewaltfreies Halberstadt. Gegen Gewalt jeglicher Art, vor allem gegen die zunehmende rechte Gewalt, und die Verbreitung rechten Gedankengutes hatte ich schon immer etwas, im BĂŒndnis gehen wir gemeinsam dagegen an. Mit Erfolg.

Was macht die Auszeichnung zum Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz sinnvoll?


Was sollte ein Botschafter leisten? Ein Botschafter sollte andere Menschen gewinnen fĂŒr all das, was unser Leben reicher, bunter, schöner und lebenswerter macht und zu einem konstruktiven, friedvollen Miteinander beitrĂ€gt. Die Auszeichnung macht sehr viel Sinn. Erstens wĂŒrdigt sie ehrenamtliches Engagement oder wie in unserem Fall Zivilcourage. Denn das ist nicht selbstverstĂ€ndlich, wie die Erfahrungen im Alltag zeigen. Zweitens wird dieser Einsatz öffentlich gemacht und ein Denkprozess in Gang gesetzt. Allerdings vermisse ich bei einigen Politikern, die von den BĂŒrgern Zivilcourage fordern, die UnterstĂŒtzung fĂŒr jene, die sich in unserem Land fĂŒr Demokratie, Menschlichkeit und das friedliche Zusammenleben einsetzen.

Sie waren zusammen mit vielen anderen Botschaftern in diesem Jahr zum zehnten Geburtstag des BĂŒndnisses beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes am 23. Mai. Wie war es, diesmal auf der anderen Seite der BĂŒhne zu sitzen?


Die Einladung zum zehnjĂ€hrigen Bestehen des BĂŒndnisses habe ich als eine erneute Ehrung empfunden. WĂ€hrend der Verleihung der Botschaftertitel erinnerte ich mich an das Jahr 2006, als uns Dr. Wolfgang SchĂ€uble die Urkunde ĂŒberreichte. Das war ein sehr bewegender Moment. Auch wenn ich diesmal nicht im Scheinwerferlicht, sondern nicht ohne Stolz inmitten anderer Botschafter im Publikum saß, hat mich das Geschehen auf der BĂŒhne genauso gefangen genommen wie damals. Insbesondere die FilmportrĂ€ts und die Antworten der Interviewten haben mich beeindruckt und noch einmal bestĂ€tigt, dass die Vergabe dieser Botschaftertitel richtig und wichtig ist.

Was erwarten Sie vom BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz, um die Botschafter zu unterstĂŒtzen?

Das BĂŒndnis ist eine sehr gute Einrichtung. Es sollte seinen GrundsĂ€tzen und Zielen treu bleiben: zentraler Ansprechpartner und Impulsgeber der Zivilgesellschaft sein, Engagement sammeln, bĂŒndeln, vernetzen und öffentlich machen. Insbesondere sollte es all jenen den RĂŒcken stĂ€rken, die sich fĂŒr unsere Gesellschaft einsetzen. Dabei verweise ich noch einmal auf die große Verantwortung von Politik, Justiz und Polizei. Zum Beispiel bezeichnete der Amtsrichter in unserem Fall bei der UrteilsverkĂŒndung in erster Instanz am Amtsgericht Halberstadt den Angriff durch mehrfach vorbestrafte Neonazis als „ganz normale HerrentagsschlĂ€gerei“. Erst in zweiter Instanz erkannte das Landgericht Magdeburg einen rassistischen Hintergrund. Wir brauchen starke Strukturen fĂŒr einen erfolgreichen Kampf gegen die Nazis und einen Schutz fĂŒr die Gewaltopfer. Dem entgegen spricht, wenn sich einzelne Abgeordnete verweigern, mit anderen Flagge zu zeigen oder Polizeibeamte auf dem rechten Auge blind zu sein scheinen. So wird es nichts mit dem „Hingucken“ und dem „Einmischen“. Das darf nicht sein!






Botschafterfilmportraits jetzt online!
Am 23. Mai 2010 ehrte das von der Bundesregierung gegrĂŒndete BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) Personen und Initiativen, die im besonderen Maße gesellschaftliches Engagement und Zivilcourage verkörpern, als „Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz“. Die fĂŒnf diesjĂ€hrigen Botschafter nahmen ihren Preis beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetztes im Haus der Kulturen der Welt entgegen. Der Festakt bildete gleichzeitig den Höhepunkt des Jugendkongresses 2010 unter dem Motto: „Demokratie und Toleranz – Zukunft mitgestalten!“, mit dem das BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz jĂ€hrlich um den 23. Mai ĂŒber 400 Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet in Berlin zusammenbringt. Auf dieser Seite finden Sie ausfĂŒhrliche Informationen zu den diesjĂ€hrigen Botschaftern und die persönlichen Filmportraits, die wĂ€hrend des Festakts gezeigt wurden.








Startschuss in Berlin am 14. Juni 2010
Internationales Jugendcamp Frankenberg „Gemeinsam STARK fĂŒr Toleranz und Demokratie“
Viele Stunden Fahrt und kein bisschen mĂŒde: Die Teilnehmer beim Internationalen Jugendcamp Frankenberg sind heute angekommen! Nach Ankunft und FrĂŒhstĂŒck im Jugendcamp in Frankenberg am Morgen ging es gleich weiter in die GeschĂ€ftstelle des BĂŒndnisses fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) in Berlin. Die RĂ€ume des BfDT, das gemeinsam mit den Muldentaler JugendhĂ€usern, der Stadt Frankenberg und weiteren Partnern die internationale Begegnung veranstaltet, sind die erste Station einer erlebnisreichen Woche fĂŒr etwa 100 Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren aus Deutschland, Tschechien und Ungarn.

Den ĂŒber 30 Teilnehmern aus den europĂ€ischen NachbarlĂ€ndern wurde in diesem Jahr erstmals die Gelegenheit geboten, wĂ€hrend ihres Aufenthalts auch die Hauptstadt kennenzulernen. Der Besuch der BfDT-GeschĂ€ftstelle bildete dabei den Auftakt des umfangreichen Programms, das die Veranstalter fĂŒr die Woche des Jugendcamps ausgearbeitet haben. In der BfDT-GeschĂ€ftsstelle begaben sich die tschechischen und ungarischen Jugendlichen auf die Spuren jĂŒdischen Fußballs in Deutschland, denn zurzeit gastiert dort noch die Ausstellung „Kicker, KĂ€mpfer und Legenden“. In zwei Gruppen folgten die Teilnehmer aufmerksam und interessiert den ErklĂ€rungen zur Ausstellung – natĂŒrlich ist auch fĂŒr sie Fußball gerade ein topaktuelles Thema. In einem zweiten Teil stellten Kim Hartmann, die stellvertretende Leiterin der BfDT-GeschĂ€ftstelle und Markus Priesterath, der stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer des BfDT, die verschiedenen AnsĂ€tze und AktivitĂ€ten des BfDT vor. Besonders die Bereiche interkulturelle VerstĂ€ndigung und GewaltprĂ€vention stießen unter den Teilnehmern auf großes Interesse. Die BfDT-Mitarbeiter legten besonderen Wert darauf, die Themen jugendrelevant und mit vielen Beispielen zu prĂ€sentieren. „Bei unserem Jugendkongress wollen wir gemeinsam mit den Jugendlichen schauen: Wie ist es woanders, wie finde ich das, wie kann ich das besser verstehen?“, erklĂ€rte Kim Hartmann. „Das werden die Fragen sein, die auch euch beim Jugendcamp begegnen werden.“ Die Jugendlichen wurden von Lehrern, Betreuern und Dolmetschern begleitet, die ĂŒbersetzten und so dafĂŒr sorgten, dass alle an der Diskussion teilnehmen konnten. Livia Dana, die Dolmetscherin der ungarischen Gruppe aus Nagyhajmas bemerkte: „Danke fĂŒr diesen freundlichen Empfang, das war eine gute Einstimmung!“ Denn die brĂ€uchten auch die Jugendlichen. „Einige sind etwas aufgeregt, viele von ihnen waren noch nie im Ausland!“ Sehr gerne wĂŒrden sie im Gegenzug auch einmal deutsche SchĂŒler in ihrem Heimatort begrĂŒĂŸen.

Zum Abschluss fanden sich alle bei einem kleinen Imbiss zusammen, bei dem sich die verschiedenen Gruppen besser kennenlernen und erste Kontakte fĂŒr die kommenden Tage knĂŒpfen konnten. Denn nach dem Aufenthalt in Berlin mit Stadtrundfahrt und Besuch des Bundestags geht es fĂŒr die Jugendlichen am Mittwochmorgen zurĂŒck nach Frankenberg und von dort ins nahe Lauenhain, wo sie zusammen mit den deutschen Jugendlichen ein Zeltlager beziehen werden. Auch Kim Hartmann, die stellvertretende Leiterin der BfDT-GechĂ€ftsstelle, wird nach Frankenberg reisen, um die Jugendlichen gemeinsam mit Landrat Volker Uhlig und BĂŒrgermeister Thomas Firmenich zur zweiten Etappe des Camps willkommen zu heißen. Das Zeltlager wird bis Sonntag ihre Basis sein, von der aus unter dem Motto „Gemeinsam STARK fĂŒr Toleranz und Demokratie“ viele weitere Aktionen starten werden. Ziel der Veranstalter war es, eine gute Mischung aus einem anspruchsvollen pĂ€dagogisch-politischen Programm und sportlich-spielerischen FreizeitaktivitĂ€ten zu finden.

Auf dem Plan stehen ein Natur- und Sporttag mit Paddeltour, Klettern und Lagerfeuer und ein Tag in Dresden mit dem Besuch des Landtages und der SPIESSER-Redaktion. Am Samstag werden dann die Jugendlichen selbst politisch aktiv: Die Veranstalter haben Workshops vorbereitet, in denen die Jugendlichen Themen wie „Tolerantes Miteinander“, „Peergroups“ und „Neue Nazis“ erarbeiten. Gerade die gemeinsame inhaltliche Auseinandersetzung soll die jungen Menschen fĂŒr Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit ihren Mitreisenden sensibilisieren und so das gegenseitige VerstĂ€ndnis fördern. Am letzten Tag findet dann eine „Miniweltmeisterschaft“ in Volley- und Fußball statt, bei der die Teilnehmer beweisen können, wie gut sie sich wĂ€hrend des Jugendcamps kennen- und verstehen gelernt haben: Mit Teamgeist und Fairness, die sie sicher auch mit nach Hause tragen werden.







Brandenburg Nazifrei!
Wie engagierte BĂŒrger etwas gegen rechte AufmĂ€rsche unternehmen
Brandenburg wird lĂ€ngst nicht mehr nur als großes Bundesland rund um Berlin wahrgenommen. Die landschaftliche Schönheit und der Reiz der vielen kleinen und grĂ¶ĂŸeren StĂ€dte sind weithin bekannt. Das BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz engagiert sich seit seiner GrĂŒndung in Brandenburg und zeichnete erst kĂŒrzlich die BĂŒrgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ als Botschafter fĂŒr Demokratie und Toleranz aus. In diesen Tagen jedoch mĂŒssen sich StĂ€dte wie Eberswalde, Bernau oder Bad Freienwalde mit einem ganz konkreten Problem von Rechts auseinandersetzen.

„KMOB“ nennen sie sich in der Kurzform, ausgeschrieben steht KMOB fĂŒr die „Kameradschaft MĂ€rkisch Oder Barnim“. Die so genannten Freien Kameradschaften sind als rechtsradikale Gruppierungen einzustufen, die nicht direkt an Parteien oder Vereine angegliedert sind. Zunehmend werden jedoch Verbindungen z.B. zwischen der NPD und den Kameradschaften beobachtet, insbesondere dann, wenn es darum geht in großer Zahl öffentlichkeitswirksam zu marschieren. Um von der KMOB angekĂŒndigte Demonstrationen geht es auch in Brandenburg. Gegen diese stellt sich seit Anfang Mai ein breites BĂŒndnis aus vielen engagierten Einzelpersonen Brandenburgs und Berlins, VerbĂ€nden wie dem DGB oder der Sportjugend, UniversitĂ€ten und Fachhochschulen sowie Parteien. Der Zuspruch ist enorm und eine besondere Motivation fĂŒr die Organisatoren hinter Brandenburg Nazifrei!, wie Dennis Stefan, Pressesprecher des BĂŒndnisses betont: „Die Zusammenarbeit und SolidaritĂ€t aller Beteiligten ist die Grundlage fĂŒr unseren Erfolg. Mittlerweile können wir auch den Finanzminister und den Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg sowie die Ministerin fĂŒr Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz zu unseren UnterstĂŒtzern zĂ€hlen.“

Konkret wurden bereits in Eberswalde und Bernau Gegenveranstaltungen durchgefĂŒhrt. In Bernau kamen dazu ĂŒber 500 Menschen zusammen. „Die Situation vor Ort war sehr angespannt“, so Stefan, „niemand wusste wie sich die Rechtsradikalen verhalten wĂŒrden.“ Gefragt, wie diese in der Region auftreten und ob sie gefĂ€hrlich seien, antwortet Stefan: „Sie haben den Anspruch in den Brandenburger Landkreisen MĂ€rkisch-Oderland und Barnim aktiv zu sein, aber davon sind sie weit entfernt. Der Großteil ihrer AktivitĂ€ten beschrĂ€nkt sich auf Bad Freienwalde, Wriezen und Eberswalde.“ Dennoch seien sie keinesfalls zu unterschĂ€tzen. „Sie hetzen gegen Linke und AuslĂ€nder sowie gegen unsere Demokratie. Sie kĂŒndigen mit unmissverstĂ€ndlichen Worten an, dass sie diese lieber tot sĂ€hen.“

Ende Mai reisten in Bernau knapp 100 Mitglieder der Kameradschaft an. Doch sie kamen nicht weit, denn schon im Vorfeld rief das BĂŒndnis Brandenburg Nazifrei! zu nicht-eskalative Menschenblockaden auf. UnterstĂŒtzt wurden sie dabei vom AktionsbĂŒndnis Brandenburg, das ebenfalls eine Kundgebung in Bernau anmeldete. Damit griffen die Organisatoren eine Form des demokratischen Protests auf, die bereits in Dresden mit viel Erfolg durchgesetzt werden konnte. Auf ihrer Internetseite schreiben sie dann auch, dass alle Engagierten und UnterstĂŒtzer der „Konsens von Dresden“ eint, also das Ziel ein breites BĂŒndnis zu schmieden und in jedem Fall seine Überzeugungen ohne Gewalt durchzusetzen.

Dieses Ziel wurde in Bernau erreicht. Nach gut einer Stunde mussten die rechtsradikalen Aktivisten ihr Vorhaben aufgeben. Jubel brach aus und viele blieben noch, um gemeinsam zu feiern und zu tanzen. Auch am 5. Juni schafften es die Menschen hinter Brandenburg Nazifrei! den fĂŒr Eberswalde angekĂŒndigten Aufmarsch der Rechten zu verhindern. Diese sagten ihr Kommen bei der Stadtverwaltung ab. Die Idee, dass verschiedene Menschen gemeinsam friedlich und ausgelassen gegen Rechts agieren können und damit ein StĂŒck wehrhafte Demokratie reprĂ€sentieren, scheint aufzugehen.

Mehr Infos unter www.brandenburg-nazifrei.de.


BfDT Vorschau


Abschlussveranstaltung zur Ausstellung „Kicker, KĂ€mpfer und Legenden“ am 1. Juli 2010 in der BfDT-GeschĂ€ftsstelle
SpĂ€testens seit dem grandiosen Auftakt gegen Australien ist Deutschland im WM-Fieber. Doch Namen wie Kurt Landauer, Walther Bensemann und Richard „Little“ Dombi sind heute fast in Vergessenheit geraten, obwohl sie den Fußball in Deutschland groß gemacht haben. In der GeschĂ€ftstelle des BĂŒndnisses fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) kann man noch bis zum 12. Juli den Menschen hinter den Namen und ihrer Geschichte deutsch-jĂŒdischen Fußballs nachforschen: in der Ausstellung „Kicker, KĂ€mpfer und Legenden“. Bevor die Wanderausstellung des Centrum Judaicum wieder weiterzieht, möchte das BfDT allen Interessierten und Sportfans die Gelegenheit geben, die Fußballstars von einst neu zu entdecken. Deshalb wird es am 1. Juli ab 17 Uhr eine Abschlussveranstaltung in der GeschĂ€ftstelle geben, zu der auch verschiedene Fußballexperten und Sachkundige zum Thema jĂŒdisches Leben und Antisemitismus eingeladen sind.

Thomas Hafke ist Leiter des Fan-Projekts Bremen und Diplom-Soziologe. In der offenen Runde am 1. Juli wird er von seinen Erfahrungen in der Vereinsarbeit sprechen, seine Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Antidiskriminierung und Integration. Auch Harald Klingebiel ist Experte auf seinem Gebiet: Er hat das Buch „Mythos Weser-Stadion. LegendĂ€re Fußballstadien“ verfasst und sich dafĂŒr ausgiebig mit der Geschichte des Fußballs und den Biographien jĂŒdischer Fußballspieler in Bremen befasst. Ebenso wie Vernen Liebermann vom TuS Makkabi e.V. wird er bei der Abschlussveranstaltung in der Friedrichstraße dabei sein. Liebermann ist Fachmann fĂŒr die Themen Sport und Antisemitismus, die das BfDT mit dieser Veranstaltung miteinander verknĂŒpfen möchte, und wird von den positiven wie negativen Erfahrungen im Vereinsalltag des jĂŒdischen Sportclubs berichten.

In lockerer AtmosphĂ€re können die GĂ€ste am Abend in den RĂ€umen des BfDT miteinander ins GesprĂ€ch kommen, die eingeladenen Experten werden Rede und Antwort auf alle Fragen stehen. Gleichzeitig soll die Ausstellung den Besuchern dieses Kapitel des Lieblingssports der Deutschen nĂ€herbringen und zum Austausch anregen. Das BfDT wĂŒrde sich sehr freuen, wenn sich viele Interessierte einen Tag vor dem Viertelfinale dazu entschließen, sich auch einmal mit den UrsprĂŒngen und HintergrĂŒnden des Fußballs in Deutschland zu beschĂ€ftigen. Sicher wird es dabei auch viele Gelegenheiten geben, die aktuelle WM und unsere Mannschaft in SĂŒdafrika zu diskutieren, bevor es am nĂ€chsten Tag mit den Viertelfinalspielen weitergeht.

NĂ€here Informationen zum Inhalt der Ausstellung sowie dem Ausstellungsort finden Sie hier.


Kontakt und weitere Informationen
BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz
Josephine Steffen
Friedrichstr. 50
10117 Berlin

Tel.: 030/23 63 408 – 18
Fax: 030/23 63 408 - 88
E-Mail: steffen@bfdt.de


BfDT RĂŒckblick


„Wir sitzen alle in einem Boot“
Über 150 Teilnehmer setzten am 13. Juni 2010 in Hannover ein Zeichen fĂŒr mehr Toleranz
In Hannover ballten sich an diesem Sonntagvormittag die Wolken am Himmel. Mit sorgenvollen Blicken schaute eine Gruppe von sechs vietnamesischen MĂ€dchen gen Wolkendecke. Sie waren in ihren farbigen Kleidern und RockanzĂŒgen gekommen, um den GĂ€sten der fĂŒnften Drachenboot-Regatta fĂŒr mehr Toleranz die traditionellen TĂ€nze und Lieder Vietnams vorzustellen. „Ich brauchte nur einmal kurz zu fragen und sofort baten sie ihre Hilfe und UnterstĂŒtzung an. Es war toll.“ Mit frohen Augen berichtet Werner Hohlbein von den umfangreichen Vorbereitungen zu diesem Tag fĂŒr mehr Toleranz und meint damit nicht nur die große Gruppe vietnamesischer Kinder und Eltern, sondern auch die vielen Mexikanerinnen und Mexikaner, die in diesem Jahr das Gastland der Veranstaltung reprĂ€sentierten sowie natĂŒrlich die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer.

Den Anfang nahm alles mit einem Bootsausflug. Werner Hohlbein, damals noch angestellt bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) und Dr. Hanno Saade, ebenfalls von der HAZ, paddelten auf dem idyllischen Maschsee in Hannover. Sie debattierten ernsthaft ĂŒber die Vorkommnisse damals vor fĂŒnf Jahren. DĂ€nische Karikaturen erregten den Zorn und die Wut religiöser Fanatiker. Die dĂ€nische Botschaft in der syrischen Stadt Damaskus wurde gestĂŒrmt und zerstört. „Es darf nicht sein, dass Menschen sich wegen des unterschiedlichen Glaubens hassen und bekriegen“, sagten sie sich damals und beschlossen im Kleinen zu beginnen: Mit ihrer Veranstaltung wollten sie ein Zeichen in Hannover und Umgebung setzen.

Das Boot, in dem sie damals saßen, wurde im Folgenden nicht nur zu einer Metapher, sondern auch zu einem ganz praktischen, verbindenden Element. Rund 150 Menschen aus verschiedenen Nationen, mit verschiedenem Glauben steigen heute zusammen in nunmehr fĂŒnf Boote und paddeln um den ersten Platz. Dass dieses Konzept aufgeht, beweisen die steigenden Teilnehmerzahlen und unter anderem auch der Dank des BĂŒrgermeisters Bernd Strauch an diesem Vormittag: „Lieber Herr Hohlbein, Ihnen möchte ich meinen Dank aussprechen. Hier paddeln viele Menschen zusammen in eine Richtung und tun das fĂŒr unsere JĂŒngsten, denn sie sind unsere Zukunft. Sie mĂŒssen Toleranz verstehen und auch in Zukunft leben.“ Rund 530.000 Menschen leben in Hannover, so Strauch, rund 73.000 von ihnen kommen aus dem Ausland. Die grĂ¶ĂŸte Gemeinschaft bilden Menschen aus der TĂŒrkei. Bernd Strauch spricht in seinem Grußwort auch von einer interessanten Entwicklung: „In jedem Monat erhalten 150 bis 200 Menschen die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft. FrĂŒher blickte ich auf die Listen um zu erfahren woher sie kommen. Ihre Wege waren oft sehr weit und lang, doch heute steht als Geburtsort bei vielen Hannover.“

Nicht nur die Wege nach Deutschland und Hannover verĂ€nderten sich, auch die heutigen Lebensgeschichten sind andere. Diese Entwicklung sehen auch Werner Hohlbein und Hanno Saade, die sich engagieren, ohne einen Heller und Pfennig fĂŒr ihre Arbeit zu bekommen. Gemeinsam wollen sie im nĂ€chsten Jahr die Veranstaltung noch bekannter machen und fĂŒr junge Menschen in der Region öffnen. Der Sport, das gemeinsame Paddeln fĂŒr den Sieg, wird dabei ein Kernelement der Veranstaltung bleiben, denn: „Der Sport“, so Hohlbein, „hat eine enorm integrative Kraft, die wir nutzen wollen“.

Als beide Organisatoren am Nachmittag ihr Fazit ziehen und betonen, dass „wir alle die Pflicht haben uns fĂŒr ein gutes Miteinander zu engagieren“, haben die kleinen MĂ€dchen bereits gesungen und getanzt. Ihre BefĂŒrchtung, es könnte Regen geben, erfĂŒllt sich glĂŒcklicher Weise nicht – am Ende essen die Besucher Erdbeerkuchen bei herrlichem Sonnenschein und sind in GesprĂ€che quer ĂŒber alle Tische vertieft.






2. Mitgliederversammlung der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion NĂŒrnberg am 4. Juni 2010 in Bamberg
Viele verschiedene Initiativen und Gruppen setzten am 4. Juni 2010 ein weit hörbares und sichtbares Zeichen: Mit einer Menschenkette und dem gleichzeitigen LĂ€uten aller Kirchen haben die BĂŒrger Bambergs gegen den dort veranstalteten NPD-Bundesparteitag demonstriert. Die Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion NĂŒrnberg hat an diesem Tag in Bamberg ihr zweites Mitgliedertreffen abgehalten und viele weitere Aktive aus anderen Regionen in die Stadt eingeladen, um gemeinsam gegen rechtsextreme Tendenzen zu protestieren. Das BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) unterstĂŒtzt die Allianz seit ihrer GrĂŒndung Anfang 2009 und war auch diesmal mit dabei.

Der OberbĂŒrgermeister Bambergs Andreas Starke bedauerte zum Auftakt der Mitgliederversammlung persönlich, dass der NPD-Parteitag in der Kongresshalle nicht mit rechtlichen Mitteln verhindert werden konnte. Schon zum zweiten Mal hĂ€tte nun die rechte Partei die Gelegenheit, sich dort zu prĂ€sentieren und zu versammeln. Umso mehr begrĂŒĂŸte er, dass die Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion NĂŒrnberg sich entschlossen hatte, ihre Mitgliederversammlung am selben Tag im Residenzhotel genau gegenĂŒber der Kongresshalle abzuhalten. Das Ziel der Allianz ist es, StĂ€dte, Kommunen, Initiativen und Projekte der Region dabei zu unterstĂŒtzen, sich gegen die Bedrohung aus dem rechtsextremen Umfeld zur Wehr zu setzen und gemeinsam dagegen vorzugehen. In der Allianz gegen Rechts sind 121 StĂ€dte und Gemeinden sowie 93 Initiativen und Institutionen, darunter die Kirchen, zusammengeschlossen. Viele waren dem Ruf nach Bamberg gefolgt, wie auch der stellvertretende BfDT-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Markus Priesterath, der als Gast an der Veranstaltung teilnahm.

Auf der Mitgliederversammlung informierte unter anderem das OrganisationsbĂŒro, das bei der Menschenrechtsbeauftragten in NĂŒrnberg angesiedelt ist, darĂŒber, welche Entwicklung die rechtsextremen AktivitĂ€ten in der Region seit der letzten Mitgliederversammlung im September 2009 genommen hatten. Außerdem kamen verschiedene Vertreter aus Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik zu Wort und berichteten aus ihrer Arbeitspraxis. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die BedĂŒrfnisse und Konflikte in den Regionen sind. WĂ€hrend zum Beispiel einige Initiativen ĂŒber die Schwierigkeit klagten, sich mit den örtlichen Ordnungs- und VerwaltungsĂ€mtern zu koordinieren, gelang gerade das in anderen Gegenden besonders gut – Bamberg ist hier ein positives Beispiel. Auch fehlende Handlungsangebote gegen Rechtsextremismus und rassistische Gewalt wurden von manchen regionalen Vertretern angemahnt. Dagegen haben die Brennpunkte Wunsiedel und GrĂ€fenberg mittlerweile eine Bandbreite zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rechtsextremismus und ihre Einwohner zeigen mit viel Enthusiasmus ihre Ablehnung gegen die Vereinnahmung durch rechtsextremistische Vereinigungen. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen machten wiederum deutlich, wie wichtig und notwendig die Allianz ist, um die verschiedenen Akteure zu vernetzen und so auch voneinander zu lernen. Denn gemeinsam können effektive Strategien am besten erarbeitet und erfolgreiche Konzepte ĂŒbertragen werden. Auch das BfDT nutzte die Gelegenheit, bei der Mitgliederversammlung mit verschiedenen Partnern ins GesprĂ€ch zu kommen und Perspektiven fĂŒr ein gemeinsames Vorgehen ins Auge zu fassen.

Kurz vor 17 Uhr war die Versammlung schließlich beendet, der Protest aber erreichte seinen Höhepunkt. Geschlossen brachen die Teilnehmer zur Menschenkette auf, die als weitere Aktion gegen den Parteitag geplant war. In einem weiten Bogen zog sich die Kette mit 3500 Menschen rund um die Kongresshalle und bildete ein weithin sichtbares Zeichen der SolidaritĂ€t der BĂŒrger und der Ablehnung jeder Form von Rechtsextremismus. Spontan schlossen sich Passanten an, die von der Idee begeistert waren. Um 17 Uhr schlugen schließlich alle Kirchen Bambergs gleichzeitig die Glocken an. Die nĂ€chsten fĂŒnf Minuten hielt sich die ganze Innenstadt an den HĂ€nden. Auch Markus Priesterath zeigte sich beeindruckt: „Es ist großartig, so etwas in einer Stadt wie Bamberg, die voller religiösen Lebens ist, mitzuerleben. Wir wĂŒrden uns wirklich freuen, wenn es noch mehr solcher BĂŒndnisse gĂ€be. Nicht nur in Bayern, sondern ĂŒberall.“






„Tag der Toleranz“ am Schulzentrum Neustadt am 2. Juni 2010 in Bremen
Der Grundstein fĂŒr Toleranz, Offenheit und VerstĂ€ndnis gegenĂŒber dem Anderen wird in der Kindheit und Jugend gelegt. Umso wichtiger ist es, dass an Schulen ein tolerantes und weltoffenes Miteinander etabliert und gepflegt wird. Joana Feldmann und Melike Esir, zwei SchĂŒlerinnen des Beruflichen Gymnasiums Gesundheit / Soziales am Schulzentrum Neustadt in Bremen haben vorgemacht, wie es geht und im Rahmen eines Abiturprojekts am 2. Juni 2010 einen „Tag der Toleranz“ an ihrer Schule organisiert. Das BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz (BfDT) war vor Ort dabei.

Auch an ihrer Schule, die eine große Vielfalt von SchĂŒlern mit Migrationshintergrund aufweist, kam es wegen kultureller Unterschiede schon öfters zu Problemen. Wenn es zu Handgreiflichkeiten komme, höre man im Nachhinein lediglich, dass es einen Streit z.B. zwischen SchĂŒlern tĂŒrkischer und kurdischer Herkunft gegeben habe. Anschließend zögen die Lehrer zwar Konsequenzen, doch offen ĂŒber die Probleme diskutiert werde nur selten. Warum es an der Schule zu Konflikten komme und wie diese zu lösen wĂ€ren, werde aufgrund des vollen Lehrplans viel zu selten behandelt, so die beiden engagierten SchĂŒlerinnen.

„Wir wollten etwas bewirken“, erklĂ€rt Joana Feldmann. Aus diesem Grund haben sie den „Tag der Toleranz“ auf die Beine gestellt. Das BfDT wollte dieses Engagement mit seiner Anwesenheit unterstĂŒtzen und reiste mit einem eigenen Informationsstand nach Bremen. Denn das BfDT will gerade Eigeninitiative fördern, die immer die beste Möglichkeit ist, die Gesellschaft positiv zu verĂ€ndern. Neben einem Vortrag der Integrationsexpertin und Juristin Dr. Sabine Uzuner, die zum Organisationsteam der Bremer Integrationswoche „Labskaus“ 2008 und des Bremer Integrationsgipfels 2009 gehörte, gab es im Hof der Schule StĂ€nde zivilgesellschaftlicher Organisationen und verschiedene Aktionen zu besichtigen. Die am Stand von amnesty international angeprangerten Menschenrechtsverletzungen im Ausland lehnten alle SchĂŒler vehement ab und unterstĂŒtzten eifrig Protestaktionen mit ihren Unterschriften. Auch die Arbeit des BfDT wurde sehr positiv aufgenommen. Doch wie sah es mit alltĂ€glicher Toleranz in der Schule im Umgang miteinander und mit dem eigenen Schubladendenken bei den Jugendlichen aus?

In verschiedenen Rollenspielen und bei anschließenden Diskussionen konnten die SchĂŒler eigene Vorurteile aufdecken und Klischees ĂŒberdenken. Darauf kam es Melike Esir und Joana Feldmann vor allem an: Festgefahrene Einstellungen, Meinungen aber auch Desinteresse gegenĂŒber Diskriminierung und Intoleranz sollten hinterfragt werden. EnttĂ€uscht waren die Organisatorinnen lediglich ĂŒber das mangelnde Interesse einiger Firmen und potentieller Kooperationspartner im Vorfeld des Projekts. Solange fĂŒr sie selbst nichts dabei herausspringe, seien viele nicht interessiert gewesen, gemeinnĂŒtzige Arbeit zu unterstĂŒtzen, meinten Melike Esir und Joana Feldmann. Deswegen hĂ€tten sie den Tag der Toleranz unter das Motto „Toleranz – Eine Maske der Gesellschaft gestellt“, da sich hinter der Maske der Toleranz oft leider auch Desinteresse oder sogar Eigennutz verberge.

Umso mehr freuten sich Joana Feldmann und Melike Esir, dass die Resonanz der SchĂŒler und Organisationen vor Ort durchweg positiv ausfiel. Bei den verschiedenen AktivitĂ€ten wurde lebhaft diskutiert, eigene Vorstellungen wurden neu definiert. „Selbst wenn nach unserem Projekt nur einer die Vorurteile ĂŒberdenkt, die er vorher hatte, hat es sich schon gelohnt“, bemerkten die beiden SchĂŒlerinnen. Den Grundstein dafĂŒr haben sie mit ihrem Engagement gelegt.


BfDT Mitglieder berichten


Projekt DutzendRot – Eine Biographie fĂŒr KĂ€te Strobel
Von Gerda Reuß (Projekt DutzendRot)

Die Idee zum Projekt DutzendRot entstand, als ich feststellte, dass es ĂŒber die einzige EhrenbĂŒrgerin der Stadt NĂŒrnberg – KĂ€te Strobel – keine Biographie gibt. Ich erzĂ€hlte zwölf HauptschĂŒlern einer Arbeitsgemeinschaft davon. Sie waren gleich begeistert und Ă€ußerten den Wunsch, ein Buch ĂŒber KĂ€the Strobel zu schreiben, das vor allem Jugendliche zum Lesen anspornen sollte. Dazu mussten sich die Jugendlichen auf eine Zeitreise begeben, die im Kaiserreich begann – KĂ€the Strobel lebte von 1907 bis 1996.

Die Jugendlichen besuchten das Geburtshaus Strobels und recherchierten viele Male in verschiedenen Archiven der Stadt NĂŒrnberg, um sich das Leben zu dieser Zeit vorstellen zu können. Sie nahmen Kontakt zur Tochter KĂ€te Strobels auf, interviewten sie wiederholt und bekamen von ihr eine Vielzahl von historischen Dokumenten und Fotos, die sie auswerteten. Nach diesen ausgiebigen Recherchen wurden die Jugendlichen als EhrengĂ€ste zur Feier anlĂ€sslich Strobels 100. Geburtstag eingeladen und trafen dort auf viele weitere Zeitzeugen, die sich gerne fĂŒr Interviews zur VerfĂŒgung stellten. Dies waren unter anderem der OberbĂŒrgermeister von NĂŒrnberg Dr. Ulrich Maly, Strobels Großneffe, die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt, Adolf Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde NĂŒrnberg und Willy Prölß, der Alt-BĂŒrgermeister der Stadt NĂŒrnberg. Die Jugendlichen waren richtig stolz mit so vielen Persönlichkeiten zusammenzutreffen. Dadurch wurden sie auch motiviert, noch mehr Termine in ihrer Freizeit und den Schulferien fĂŒr ihre Arbeit einzuplanen.

Als die Jugendlichen erfuhren, dass im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn ganze 10,6 Meter Material ĂŒber KĂ€te Strobel lagern, wollten sie unbedingt dorthin fahren. Da sich aber fast niemand eine Reise nach Bonn leisten konnte, mussten sie sich um die Finanzierung bemĂŒhen. Es gelang ihnen, Sponsoren bei der SPD zu finden, die die Reisekosten schließlich ĂŒbernahmen. In Bonn arbeiteten die jungen Erwachsenen vier Tage lang im Archiv, wo sie Kartons voll mit Fotos und unzĂ€hlige Dokumente auswerteten. Dabei mussten sie auch immer die Entscheidung treffen, welche Details junge Menschen besonders ansprechen wĂŒrden und ins Buch ĂŒbernommen werden sollten. Nach der RĂŒckkehr hatten die Jugendlichen 400 Seiten Material aus Bonn mitgebracht, die bearbeitet werden wollten. Sie wurden immer mutiger und nahmen mit ihrem Anliegen sogar Kontakt zu Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Dr. Hans-Jochen Vogel auf, von denen sie weitere Informationen erhielten. Aus den vielen tausend Puzzleteilchen setzte sich langsam die komplette Lebensgeschichte KĂ€te Strobels zusammen.

Nach zweieinhalb Jahren war das Buch mit 190 Seiten und vielen Fotos fertig. Jetzt mussten sich die Jugendlichen um den Druck kĂŒmmern. Sie konnten den Verleger der „NĂŒrnberger Nachrichten“ gewinnen und in einem gemeinsamen Projekt mit den Auszubildenden der Zeitung das Buch zur Druckreife bringen. Als sie beim ersten Andruck dabei sein durften, begriffen sie, was sie geleistet hatten: Zwölf Jugendliche aus acht Nationen hatten gemeinsam durchgehalten und zweieinhalb Jahre lang an der Biographie einer deutschen Politikerin gearbeitet.

Zur öffentlichen BuchprÀsentation gelang es ihnen, 140 Personen einzuladen und ihnen in einer sehr emotionalen Rede ihre Arbeit vorzustellen. Hier ein Auszug:

„Uns ist KĂ€te - wie wir sie vertraut nennen - seit drei Jahren sehr ans Herz gewachsen. Wir haben mit ihr ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre erste große Liebe, ihr Erwachsensein, politische Ereignisse, die lustigen, aber auch traurigen Erlebnisse und den Tod miterlebt. Wir beneiden sie fĂŒr das Durchhaltevermögen, durch das sie nicht nur im privaten, sondern auch im politischen Leben viel erreicht hat.

Wir sind davon fasziniert, wie sie die Familie gemanagt hat und noch dazu sehr erfolgreich im politischen Berufsleben war. Sie hat so viel erreicht, deswegen hat sie uns den Glauben gegeben, dass man auch ohne Abitur und Studium seine Ziele verfolgen kann. KĂ€te war ein ganz besonderer Mensch. Viele wissen leider nicht, wer sie war und wie sehr sie noch immer anwesend ist. Aus diesem Grund schrieben wir dieses Buch um Jugendlichen und natĂŒrlich auch Erwachsenen zu zeigen, was diese NĂŒrnbergerin erreicht und geschaffen hat.
KĂ€te ist fĂŒr uns eine sehr gute Freundin geworden.“

Durch dieses Buch ĂŒber den Mensch KĂ€te Strobel entwickelten sich die Jugendlichen zu politisch interessierten jungen Menschen. Diejenigen von ihnen mit deutscher Staatsangehörigkeit werden nicht zu der Gruppe der NichtwĂ€hler gehören, die Migranten unter ihnen werden dafĂŒr einstehen, ebenfalls das Wahlrecht zu erhalten. Durch ihren Erfolg sahen sie, dass man es auch ohne höhere Schulbildung weit bringen kann – wichtig fĂŒr das Selbstbewusstsein der Jugendlichen. KĂ€te Strobel hatte auch Vorbildwirkung zum Thema Gleichberechtigung: Bei den MĂ€dchen wurde sie gefestigt und bei den Jungen neu definiert. Durch die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte reflektierten beide kritisch die politische Situation ihrer HerkunftslĂ€nder und wissen nun um den Wert der Demokratie und des Gedankens eines freien, vereinten Europas.







Begegnungswoche des FĂŒrstenberger Fördervereins Mahn- und GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck e.V.
Von Yvonne NĂ€gel (FĂŒrstenberger Förderverein Mahn- und GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck e.V.)

Der 1994 gegrĂŒndete FĂŒrstenberger Förderverein- Mahn- und GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck hat sich das Ziel gesetzt, durch konkrete Projekte und persönliche Begegnungen die Beziehungen zwischen den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern der Stadt FĂŒrstenberg, der Mahn- und GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck und GĂ€sten aus dem Kreis der Opfer und Überlebenden zu festigen. Mit seinen TĂ€tigkeiten will der Verein einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der neueren Geschichte leisten, die auch unsere Ortsgeschichte geprĂ€gt hat.

Seit einigen Jahren lĂ€dt unser Förderverein um den Jahrestag der Befreiung eine Gruppe weiblicher ehemaliger Insassen von RavensbrĂŒck aus der Ukraine zu einer Besuchsreise nach FĂŒrstenberg ein. WĂ€hrend dieser Woche konnten die Frauen an den Ort ihrer Leiden zurĂŒckkehren und die heutige GedenkstĂ€tte besuchen. Enger Partner bei diesem Projekt ist der Invalidenverein fĂŒr KZ-HĂ€ftlinge und Zwangsarbeiter in Simferopol auf der Krim. Seit zwei Jahren hat unser Verein die Begegnungsarbeit auch auf andere Opfergruppen ausgeweitet. In diesem Jahr sind vier Zeitzeugen zur Begegnungswoche des Vereins nach FĂŒrstenberg/Havel gekommen: S. Kljonowa wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und hier nach Arbeitsverweigerung ins KZ RavensbrĂŒck gebracht. E. Poljackowa hatte einen Ă€hnlichen Weg, wurde aber nach kurzer Zeit von RavensbrĂŒck nach Mauthausen gebracht. I. Simse musste 1943 als gerade geborenes Kind das KZ Krasny (Ukraine) miterleben. A. Cibuljajew wurde im selben Jahr als Kind von Zwangsarbeitern in Deutschland geboren. Als Begleitung dieser Gruppe waren drei jĂŒngere Frauen dabei, die Töchter von zwei RavensbrĂŒckerinnen und einer Zwangsarbeiterin, die ebenfalls Zeitzeugen einer wichtigen Generation sind. Durch die vielen Kontakte des Vereins wurde auch in diesem Jahr mit viel Liebe und Engagement eine umfangreiche Woche gestaltet, in der es neben GesprĂ€chsrunden, Begegnungen auch viele Erholungsmomente gab.

Im Rahmen unserer Begegnungswoche gab es je eine GesprĂ€chsrunde in der FĂŒrstenberger Grundschule (5. und 6.Klasse), dem neuen FriedlĂ€nder Gymnasium sowie dem Fachgymnasium fĂŒr Wirtschaft und Verwaltung in Neubrandenburg. Gerade bei der gut vorbereiteten Grundschulklasse gab es regen GesprĂ€chsbedarf und viele Fragen. In Friedland wurde diese Begegnung auch genutzt, um dem Russisch-Kurs die Gelegenheit zur Sprachpraxis zu geben. Aber auch in Neubrandenburg waren die Zuhörer sehr engagiert, sodass die Unterrichtsstunde nicht ausreichte um alle Fragen zu stellen und zu beantworten. Da sich in den letzten zwei Jahren abzeichnete, dass es immer schwieriger wird reisefĂ€hige Zeitzeugen zu finden, legen wir in unserer Vereinsarbeit viel Wert auf die Einbindung der nĂ€chsten Generation. Bei unserer öffentlichen GesprĂ€chsrunde im Forstmuseum, aber auch am Fachgymnasium Neubrandenburg wurden die Erinnerungen der Töchter-Generation ebenfalls als Zeitzeugenberichte in die Diskussion eingebunden. Neben den Zeitzeugen-GesprĂ€chen gab es eine Vielzahl von Begegnungen mit unseren Vereins- und Projektpartnern, die intensiv die BegegnungsstĂ€tte Haus Hoffnung auf der Krim unterstĂŒtzen. So hat es Begegnungen im Frauenzentrum Potsdam, beim Demokratischen Frauenbund in Neubrandenburg, eine Begegnung mit der SPD AG 60plus aus Berlin sowie mit dem Kulturrat der Stadt Neustrelitz gegeben.

Das „Haus Hoffnung“ ist eine BegegnungsstĂ€tte und das Zentrum sozialer Betreuung fĂŒr Mitglieder des Invalidenvereins. Nur durch umfangreiche Geld- und Sachspenden und deutschlandweite Öffentlichkeitsarbeit konnte es in Simferopol (Hauptstadt der Krim) fĂŒr die dortige Vereinsarbeit gekauft und eingerichtet werden. Seit 2007 bemĂŒhen sich die Projektleitung und viele Helfer, den Zeitzeugen, die heute nicht mehr gehfĂ€hig sind, einen wĂŒrdevollen Lebensabend zu ermöglichen, und denen die noch dazu in der Lage sind, eine grĂ¶ĂŸtmögliche Einbindung ins gesellschaftliche Leben, durch Lebensmittelversorgung, Kleidungsspenden, Kulturangebote und vor allem durch viel persönliche Begegnungs- und Erinnerungsarbeit. Unser Verein gibt den grĂ¶ĂŸten Teil seiner Spenden, um diese engagierte Arbeit auf der Krim weiter zu unterstĂŒtzen.

Mehr Informationen unter www.ffmg-ravensbrueck.de.



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