24.04.2020

Interview mit Dr. Andreas Eberhardt

Zur Aktualität von "Hate Speech" und "Love Speech" in der ehrenamtlichen Arbeit

Seit 2019 legt der BfDT-Beirat einmal im Jahr Jahresschwerpunktthemen für die Arbeit des BfDT fest. Unser Beiratsmitglied Interner LinkDr. Andreas Eberhardt schlug für 2020 das Interner LinkJahresschwerpunktthema "Freund und Feind in den Medien. Demokratie im Spannungsfeld zwischen Love Speech und Hate Speech" vor. Wir haben mit ihm über die Aktualität des Themas und seine Beweggründe gesprochen.
BfDT-Beiratsmitglied Dr. Andreas Eberhardt (Foto: Stiftung EVZ)BfDT-Beiratsmitglied Dr. Andreas Eberhardt (Foto: Stiftung EVZ)
  1. Bei der Wahl der Jahresschwerpunktthemen haben Sie sich für "Hate Speech/Love Speech" ausgesprochen. Was hat Sie dazu bewogen?
  2. Verfolgt man politische Debatten der jüngeren Zeit, fällt eines deutlich auf: Ganz unabhängig davon, um welche Themen es inhaltlich geht, wird immer weniger miteinander diskutiert. Stattdessen erleben wir zunehmend scharf geführte Auseinandersetzungen, in denen die Gesprächspartner/-innen wenig Offenheit erkennen lassen, sich durch gute Argumente vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Ein echter, kritischer Austausch ist so bei einigen Themen selten geworden. Ersetzt wird er leider immer häufiger durch Kampagnen in den sozialen Medien, die im schlimmsten Fall den vermeintlichen politischen Gegner/-innen mit "Hate Speech“ überziehen und zu Ausgrenzung und Gewalt führen können. Bleiben diese Hasskommentare unwidersprochen, werden Rassist/-innen und Verschwörungstheoretiker/-innen ermutigt. Als Gegenreaktion ruft die "Love Speech“-Bewegung zu einer wertschätzenden und respektvollen Kommunikation miteinander auf.

  3. Wie genau sieht aus Ihrer Sicht das Spannungsfeld zwischen "Love Speech“ und "Hate Speech“ aus, in dem sich die Demokratie befindet?
  4. Bedauerlicherweise entfalten negative Botschaften in der Regel eine viel stärkere Resonanz und Dynamik als positive Nachrichten. Es gibt aber zum Glück auch Gegenbeispiele. So erleben wir immer wieder, dass sich die Mehrheitsgesellschaft nach Angriffen auf jüdische Einrichtungen oder auf Migrant/-innen mit den Opfern dieser Anschläge solidarisiert. Dadurch werden demokratische Werte öffentlich gestärkt und eine rote Linie gezogen für all jene, die sich diesen Werten nicht verpflichtet fühlen. Selbstverständlich darf es dabei nicht bei symbolischen Gesten bleiben, sondern der Rechtsstaat muss geltende Gesetze auch umsetzen und die Mittel voll ausschöpfen. Gleichzeitig sollten wir die die großen Möglichkeiten der Vernetzung mit positiven Kampagnen nicht unterschätzen. Wir werden in Zukunft sehr viel mehr über digitale Möglichkeiten der Beteiligung, der Meinungsbildung, des Austauschs nachdenken. Hier sind noch viele Chancen ungenutzt und warten auf die richtigen Ideen. Demokratie lebt von der Mitwirkung.

  5. Wie können Vereine und Initiativen, die Angriffen im Netz ausgesetzt sind, vor allem das Konzept "Love Speech" als Gegenrede zu "Hate Speech“ einsetzen? Wie kann das BfDT sie dabei unterstützen?
  6. Es bestehen bereits viele Initiativen und lose Zusammenschlüsse von Aktivist/-innen im Netz, die Gegenstrategien verfolgen. Soziale Medien bieten große Chancen für Vernetzung, für gemeinsame Aktionen, für die Stärkung gemeinsamer demokratischer Werte – und das Bewusstsein dafür, dass viele Menschen sie teilen. Das BfDT hat hier ein wenig Nachholbedarf und könnte diese Initiativen stärker in den Blick nehmen, in dem zum Beispiel Multiplikator/-innen angesprochen werden, die im Netz als glaubwürdige Botschafter/-innen für Demokratie und Toleranz auftreten.

  7. Sehen Sie sich in Ihrer Arbeit bei der Alfred Landecker Foundation, die sich gegen Antisemitismus und gegen Angriffe auf die demokratischen Strukturen einsetzt, mit "Hate Speech“ konfrontiert? Falls ja, wie begegnen Sie dieser?
  8. Die Alfred Landecker Foundation ist neu gegründet und steht noch ganz am Anfang ihrer Arbeit. Glücklicherweise waren wir bisher noch nicht betroffen von "Hate Speech“, sehen den Kampf dagegen jedoch als eine unserer zentralen Aufgaben an. Die Mission der Stiftung ist es, Antisemitismus und Ausgrenzung von Minderheiten einzudämmen sowie die Demokratie zu stärken. Es hilft nichts, wenn man formelhaft auf die Lehren aus der Vergangenheit pocht, aber im hier und jetzt zu wenig tut, um die Strukturen unserer freien Gesellschaft zu verteidigen. Darum legt die Alfred Landecker Foundation Programme auf, mit denen unser demokratisches Miteinander gestärkt werden soll. Neben der akademischen Beschäftigung mit diesen Fragen setzen wir künftig vor allem auch auf konkrete Projekte, mit denen Hass im Netz bekämpft und Multiplikator/-innen eines freien Miteinanders unterstützt werden. Weil die Stiftung und die dahinterstehende Familie Reimann aber auch die Verantwortung für die Geschichte sehr ernst nimmt, haben wir als eine der ersten Handlungen einen Corona-Nothilfefonds aufgelegt, mit dem Überlebende des Holocaust unterstützt werden. Sie sind wegen ihres hohen Alters und der traumatischen Vorbelastungen besonders betroffen von der Krise.


Dr. Andreas Eberhardt ist Mitglied im Beirat des BfDT. Er leitet seit Anfang des Jahres dieInterner LinkAlfred Landecker Foundation. Diese unterstützt direkt Überlebende von Zwangsarbeit und des Holocaust und finanziert ausgewählte Projekte aus den Bereichen Bildung, Erziehung und Bewusstseinsbildung.





Seit 2019 legt der BfDT-Beirat einmal im Jahr Jahresschwerpunktthemen für die Arbeit des BfDT fest. Unser Beiratsmitglied Interner LinkDr. Andreas Eberhardt schlug für 2020 das Interner LinkJahresschwerpunktthema "Freund und Feind in den Medien. Demokratie im Spannungsfeld zwischen Love Speech und Hate Speech" vor.
  1. Bei der Wahl der Jahresschwerpunktthemen haben Sie sich für "Hate Speech/Love Speech" ausgesprochen. Was hat Sie dazu bewogen?
  2. Verfolgt man politische Debatten der jüngeren Zeit, fällt eines deutlich auf: Ganz unabhängig davon, um welche Themen es inhaltlich geht, wird immer weniger miteinander diskutiert. Stattdessen erleben wir zunehmend scharf geführte Auseinandersetzungen, in denen die Gesprächspartner/-innen wenig Offenheit erkennen lassen, sich durch gute Argumente vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Ein echter, kritischer Austausch ist so bei einigen Themen selten geworden. Ersetzt wird er leider immer häufiger durch Kampagnen in den sozialen Medien, die im schlimmsten Fall den vermeintlichen politischen Gegner/-innen mit "Hate Speech“ überziehen und zu Ausgrenzung und Gewalt führen können. Bleiben diese Hasskommentare unwidersprochen, werden Rassist/-innen und Verschwörungstheoretiker/-innen ermutigt. Als Gegenreaktion ruft die "Love Speech“-Bewegung zu einer wertschätzenden und respektvollen Kommunikation miteinander auf.

  3. Wie genau sieht aus Ihrer Sicht das Spannungsfeld zwischen "Love Speech“ und "Hate Speech“ aus, in dem sich die Demokratie befindet?
  4. Bedauerlicherweise entfalten negative Botschaften in der Regel eine viel stärkere Resonanz und Dynamik als positive Nachrichten. Es gibt aber zum Glück auch Gegenbeispiele. So erleben wir immer wieder, dass sich die Mehrheitsgesellschaft nach Angriffen auf jüdische Einrichtungen oder auf Migrant/-innen mit den Opfern dieser Anschläge solidarisiert. Dadurch werden demokratische Werte öffentlich gestärkt und eine rote Linie gezogen für all jene, die sich diesen Werten nicht verpflichtet fühlen. Selbstverständlich darf es dabei nicht bei symbolischen Gesten bleiben, sondern der Rechtsstaat muss geltende Gesetze auch umsetzen und die Mittel voll ausschöpfen. Gleichzeitig sollten wir die die großen Möglichkeiten der Vernetzung mit positiven Kampagnen nicht unterschätzen. Wir werden in Zukunft sehr viel mehr über digitale Möglichkeiten der Beteiligung, der Meinungsbildung, des Austauschs nachdenken. Hier sind noch viele Chancen ungenutzt und warten auf die richtigen Ideen. Demokratie lebt von der Mitwirkung.

  5. Wie können Vereine und Initiativen, die Angriffen im Netz ausgesetzt sind, vor allem das Konzept "Love Speech" als Gegenrede zu "Hate Speech“ einsetzen? Wie kann das BfDT sie dabei unterstützen?
  6. Es bestehen bereits viele Initiativen und lose Zusammenschlüsse von Aktivist/-innen im Netz, die Gegenstrategien verfolgen. Soziale Medien bieten große Chancen für Vernetzung, für gemeinsame Aktionen, für die Stärkung gemeinsamer demokratischer Werte – und das Bewusstsein dafür, dass viele Menschen sie teilen. Das BfDT hat hier ein wenig Nachholbedarf und könnte diese Initiativen stärker in den Blick nehmen, in dem zum Beispiel Multiplikator/-innen angesprochen werden, die im Netz als glaubwürdige Botschafter/-innen für Demokratie und Toleranz auftreten.


  7. Sehen Sie sich in Ihrer Arbeit bei der Alfred Landecker Foundation, die sich gegen Antisemitismus und gegen Angriffe auf die demokratischen Strukturen einsetzt, mit "Hate Speech“ konfrontiert? Falls ja, wie begegnen Sie dieser?
  8. Die Alfred Landecker Foundation ist neu gegründet und steht noch ganz am Anfang ihrer Arbeit. Glücklicherweise waren wir bisher noch nicht betroffen von "Hate Speech“, sehen den Kampf dagegen jedoch als eine unserer zentralen Aufgaben an. Die Mission der Stiftung ist es, Antisemitismus und Ausgrenzung von Minderheiten einzudämmen sowie die Demokratie zu stärken. Es hilft nichts, wenn man formelhaft auf die Lehren aus der Vergangenheit pocht, aber im hier und jetzt zu wenig tut, um die Strukturen unserer freien Gesellschaft zu verteidigen. Darum legt die Alfred Landecker Foundation Programme auf, mit denen unser demokratisches Miteinander gestärkt werden soll. Neben der akademischen Beschäftigung mit diesen Fragen setzen wir künftig vor allem auch auf konkrete Projekte, mit denen Hass im Netz bekämpft und Multiplikator/-innen eines freien Miteinanders unterstützt werden. Weil die Stiftung und die dahinterstehende Familie Reimann aber auch die Verantwortung für die Geschichte sehr ernst nimmt, haben wir als eine der ersten Handlungen einen Corona-Nothilfefonds aufgelegt, mit dem Überlebende des Holocaust unterstützt werden. Sie sind wegen ihres hohen Alters und der traumatischen Vorbelastungen besonders betroffen von der Krise.


Dr. Andreas Eberhardt ist Mitglied im Beirat des BfDT. Er leitet seit Anfang des Jahres dieInterner LinkAlfred Landecker Foundation. Diese unterstützt direkt Überlebende von Zwangsarbeit und des Holocaust und finanziert ausgewählte Projekte aus den Bereichen Bildung, Erziehung und Bewusstseinsbildung.