CSD Dresden hilft

Landeskoordinierungsstelle Sachsen fĂĽr queere GeflĂĽchtete


„Manchmal denke ich, ich bin immer noch in Syrien!“

Diskriminierung und Misshandlung von LSBTI*-FlĂĽchtlingen in AsylunterkĂĽnften
Die meisten Flüchtlinge, die in den vergangenen zwei Jahren Deutschland erreicht haben, sind vor Krieg, politischer Verfolgung oder Armut geflohen. Einige von ihnen hatten jedoch zusätzlich noch einen weiteren schwerwiegenden Grund: Sie wurden in ihren Herkunftsländern aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verfolgt. Das ist laut Genfer Flüchtlingskonvention ein Asylgrund.

Sie waren nach Europa geflohen, um nicht länger verfolgt zu werden, mussten dann allerdings feststellen, dass sich nach ihrer Ankunft nicht viel geändert hatte. „Manchmal denke ich, ich bin immer noch in Syrien!“, erzählt einer von „unseren Jungs“. Denn im vermeintlich sicheren Deutschland sind LSBTI*-Flüchtlinge immer wieder Attacken von Mitflüchtlingen ausgeliefert.

Durch den starken Anstieg der Flüchtlingszahlen und zum Teil auch durch die Enge in den völlig überfüllten Unterkünften haben die Übergriffe inzwischen ein sehr bedrohliches Ausmaß angenommen.

Die wenigsten LSBTI*-Flüchtlinge haben sich allerdings freiwillig geoutet. In der Regel wird ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität von der Security oder Mitflüchtlingen öffentlich gemacht. Im „harmlosesten“ Fall sind sie von da an Spott und Schikanen ausgesetzt, müssen aber auch jederzeit mit lebensbedrohlichen Übergriffen rechnen.

Sie werden mit Steinen beworfen oder krankenausreif geprügelt, auch Messerangriffe und Vergewaltigungen sind belegt. Einem schwulen Flüchtling steckte man Papier zwischen die Zehen und zündete es an. Es wurde auch ein Fall publik, in dem eine lesbische Geflüchtete von ihrem eigenen Dolmetscher attackiert wurde, als sie sich im Asylverfahren zu ihrer Homosexualität äußerte.

Die Dunkelziffer der Übergriffe dürfte hoch sein. Flüchtlings-Unterstützer_innen erzählen von Fällen, in denen Betroffene erlittene Demütigungen nicht melden, weil sie befürchten, sonst noch schlimmer misshandelt zu werden.

Spaziergang durch Dresden mit den ersten 4 Geflüchteten im August 2015 (Foto: CSD Dresden e.V.)Spaziergang durch Dresden mit den ersten 4 GeflĂĽchteten im August 2015 (Foto: CSD Dresden e.V.)
Gesetzlich verankerte Intoleranz
Homosexualität steht in über 70 Staaten der Erde unter Strafe. In der Regel werden mehrjährige Haftstrafen verhängt – manchmal 1-3 Jahre, aber oft auch zwischen 14 und 25 Jahren. Auch Peitschenhiebe können angeordnet werden. In Bangladesch, Barbados, Myanmar, Pakistan oder Singapur sehen die Gesetze eine lebenslange Haftstrafe vor. In Staaten wie Jamaika, Mauretanien, Nigeria, dem Iran, Jemen, Saudi-Arabien und dem Sudan werden sogar Todesstrafen verhängt, zum Teil durch Steinigung.

Ein Großteil der Bevölkerung in diesen Ländern hinterfragt das harte Vorgehen nicht, denn die Gesetzgebung steht im Einklang mit ihren eigenen Wertvorstellungen und religiösen Dogmen. Sie sehen sich im Recht, wenn sie auf Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität aggressiv reagieren. Und sie sind es gewohnt, dass diese Menschen ihr „Anders sein“ nicht offen ausleben.

Wenn sie dann in einer Flüchtlings-Erstunterkunft zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen transsexuellen Flüchtling treffen, sind sie vollkommen fassungslos, weil sie angenommen hatten, in ihren Ländern gäbe es so etwas gar nicht.
Das betrifft christliche Flüchtlinge übrigens gleichermaßen wie muslimische. Denn auch Christen, die aus diesen Ländern geflohen sind, haben zum Teil starke Vorbehalte gegenüber LSBTI*-Personen. Es ist also kein ausschließlich muslimisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem in diesen Ländern.
Gleichzeitig gibt es sowohl unter christlichen wie auch muslimischen Flüchtlingen solche, die tolerant gegenüber LSBTI*-Flüchtlingen sind oder sich zumindest damit arrangieren können, dass diese hier gleiche Rechte haben. Die Mehrheit allerdings scheint damit ein Problem zu haben, wenn auch nicht alle dies gewalttätig zum Ausdruck bringen. Um die massiven Übergriffe auf LSBTI*-Flüchtlinge durch andere Flüchtlinge einzudämmen, fordern LSBTI*-UnterstützerInnen, dass allen Neuankömmlingen folgendes in aller Deutlichkeit vermittelt werden müsse:

Homo-, Bi- und Transsexuelle haben nicht nur Gleichstellungrechte. DarĂĽber hinaus macht man sich in Deutschland auch strafbar, wenn man diese Rechte verletzt.
Für viele Geflüchtete erfordert das ein komplettes Umdenken: Was in ihrem bisherigen Leben vollkommen selbstverständlich war – Homosexuelle verbal oder physisch zu attackieren - ist in Deutschland „auf einmal“ verboten. Und die von ihnen Attackierten müssen sich auch nicht länger „wegducken“, sie haben hier das Recht, ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität offen leben. In ihren Herkunftsländern wäre das eine nicht hinnehmbare Provokation gewesen, und nun sind sie aufgefordert, es zumindest nach außen zu tolerieren. Von heute auf morgen wird das kaum möglich sein.
Ob und wie schnell der Lernprozess einsetzt, bleibt daher abzuwarten. Wenn wir uns bewusstmachen, dass auch Einheimische nach wie vor ein Problem mit Homo-, Bi- und Transsexualität haben, obwohl sie hier sozialisiert wurden und mit der Gesetzeslage vertraut sind, müssen wir wohl davon ausgehen, dass noch sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig ist.


Unterstützung für LSBTI*-Flüchtlinge – durch das Projekt des CSD Dresden e.V.
Wir der Verein CSD Dresden e.V. reagierten sehr schnell auf die Eskalation der Gewalt gegenüber LSBTI*-Flüchtlingen. Was am 09. August zunächst rein ehrenamtlich in Dresden begann, wurde Anfang Dezember 2015 zu einer offiziellen Koordinierungsstelle für alle LSBTI*- Flüchtlinge in Sachsen. Wir holen bedrohte Flüchtlinge aus den Erstunterkünften, Wohnheimen oder sonstigen Unterbringungen heraus und bringen sie in geschützten dezentralen Wohnräumen unter. Ehrenamtliche Unterstützer-innen helfen mit Essen, Getränken, Kleidung und vor allem auch Zeit zum Zuhören, für Behördengänge, für BAMF-Interviews und eigene Deutschstunden, welche von Deutschlehren ehrenamtlich 2 x wöchentlich durchgeführt wird und seit Januar diesen Jahres findet durch eine Kooperation mit einem Schulträger täglich 6 Stunden Deutschunterricht statt.

Diese naheliegende Lösung war anfangs gar nicht so einfach durchzusetzen. Das geht nur mit Sondergenehmigung, und die zu bekommen, hat anfangs nur durch die gute Vernetzung des Vereines in kürzester Zeit funktioniert. Inzwischen schätzen alle die Arbeit des Vereines, und die LDS, die Stadtverwaltungen und die Ausländerbehörden, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sind mehr als kooperativ. Das macht vieles einfacher. Inzwischen haben wir auch mehrere Menschen aus anderen Bundesländern nach Sachsen geholt.

Zum Zeitpunkt befinden sich ĂĽber 60 Personen in 22 Wohnungen in der direkten Obhut des Vereins in Dresden und weit ĂĽber 200 Personen in ganz Sachsen werden ĂĽber die Koordinierungsstelle betreut.
Für die Flüchtlinge, denen der Verein auf diese Weise helfen konnte, hat ein neues Leben begonnen. Sie fühlen sich in Sicherheit und engagieren sich nun ihrerseits in LSBTI*-Gruppen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und anderen Flüchtlingen mit ähnlichem Schicksal eine Anlaufstelle zu bieten.

Bislang ist die Initiative des CSD Dresden e.V. in ihrer Professionalität und mit ihrer Reichweite einzigartig in Deutschland - ein so genanntes „Leuchtturm-Projekt“, das nur darauf wartet, auch in anderen Bundesländern umgesetzt zu werden. Der Verein ist darüber hinaus auch an der sozialen und kulturellen Integration der Menschen orientiert und eine nachhaltige Integrationsarbeit zu leisten. Hierzu sind auch viele ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer unverzichtbar, welche die Flüchtlinge in allen Lebenslagen unterstützen und ihnen jeder Zeit zur Seite stehen.

Preisträger im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ 2016, Preisgeld: 3000€


Themen:Toleranz
Projektträger:CSD Dresden e.V.
Adresse:Landeskoordinierungsstelle Sachsen fĂĽr queere GeflĂĽchtete, Zwickauer Str. 8
01069 Dresden
Ansprechpartner/-in:Ronald Zenker (Landeskoordinator)
E-Mail:koordinierungsstelle@csd-dresden.de
Telefon:+49151 111 272 53 (24 Stunden Nottelefon)
Internet:www.csd-dresden.de
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