11.10.2016

"Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Roma sind nahezu salonfähig geworden"

Gjulner Sejdi – Botschafter für Demokratie und Toleranz 2016 – berichtet im Gespräch über die Situation der Roma in Deutschland und sein Engagement

Mahnwache gegen LEGIDA an der Thomaskirche (Foto: Verein Romano Sumnal e.V.)Mahnwache gegen LEGIDA an der Thomaskirche (Foto: Verein Romano Sumnal e.V.)
Diskriminierung und Stereotypisierung von Roma sind immer noch weit verbreitet und erschweren ein gleichberechtigtes Leben von Roma in Deutschland. Vorstandsvorsitzender des Vereins „Romano Sumnal e.V. – Verein für Kulturvermittlung und politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Romaaktivismus“
Gjulner Sejdi ist gebürtiger Rom, kommt aus Mazedonien und lebt seit 1991 in Deutschland. Er setzt sich im besonderen Maße seit vielen Jahren gegen Antiziganismus und für die Rechte von Roma ein. Für seinen vorbildlichen, vielfältigen Einsatz zeichnete das Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) Gjulner Sejdi als Botschafter für Demokratie und Toleranz 2016 aus.



Interview mit Gjulner Sejdi



Auf Ihre Initiative hin wurde der Verein „Romano Sumnal e.V. – Verein für Kulturvermittlung und politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Romaaktivismus“ in Leipzig gegründet, die einzige Selbstorganisation von Roma im mitteldeutschen Raum. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich lebe seit Anfang der neunziger Jahre in Leipzig. Seitdem bin ich auch mit anderen Roma in Kontakt. Wir haben uns getroffen und vernetzt, gegenseitig unterstützt und geholfen, aber nie im öffentlichen Rahmen. In den letzten zehn Jahren stellten wir jedoch fest, dass sich die Wahrnehmung von Roma in der Öffentlichkeit, vor allem durch die Medien, verstärkt zum Negativen gewandelt hat. Ob in den Schulen unserer Kinder, bei der Wohnungssuche oder auf den Ämtern: Diskriminierung wurde immer deutlicher spürbar. Gleichzeitig traten „Experten“ auf, die es vielleicht gut meinten, aber durch ihr Unwissen und ihre Aussagen die bestehenden Vorurteile nur intensivierten. Das brachte meine Mitstreiter und mich dazu, selbst stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu treten. Wir wollten nicht länger, dass Nicht-Roma, sogenannte Gadze, erklärten, wer Roma sind. Deshalb haben wir unseren Verein gegründet: um uns selbst zu stärken, um zu vermitteln und Vorurteile abzubauen.

Wie ist die Situation der Roma hier in Deutschland heute? Wie viele Roma leben schätzungsweise in der Bundesrepublik?

Die Roma in Deutschland kämpfen immer noch für ihre Emanzipation. Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Roma sind, wie Interner LinkStudien über Antiziganismus verdeutlichen, nicht nur an der Tagesordnung, sondern nahezu salonfähig geworden. Roma unterschiedlicher Herkunft leben mit unterschiedlichen Problemen in Deutschland. “Alteingesessene“ deutsche Roma, die das Trauma des Nationalsozialismus immer noch in ihren Familien erleben, fühlen sich durch die heutige Diskriminierung immer wieder an die Vergangenheit erinnert und haben große Ängste aufgrund der momentanen politischen Situation.
Roma, die in den letzten Jahren aus den osteuropäischen EU-Ländern zu uns gekommen sind, leiden vor allem unter den Vorurteilen, die die Medien mit aufgebaut haben. Sie werden unter anderem als Armutseinwanderer, Betrüger und Sozialbetrüger verurteilt und stigmatisiert. Diese Menschen leiden hier in Deutschland oft auch unter starker Armut.
Roma, die aus den Ländern des früheren Jugoslawiens als Asylbewerber nach Deutschland gekommen sind, leiden neben den Vorurteilen vor allem unter der Asylpolitik, die sie in ständiger Angst davor leben lässt, abgeschoben zu werden.

Das sind nur drei große Roma Gruppen mit unterschiedlichen Problemen. Natürlich gibt es auch noch viele andere mit verschiedenen Hintergründen. Offiziell spricht man von ca. 70.000 Sinti und Roma in Deutschland. Diese Zahl ist aber sehr ungenau, da sich viele Roma hier bei uns nie als solche zu erkennen gegeben haben.

Mit welchen Projekten setzen Sie sich persönlich für junge Roma ein?

Ich versuche mit niedrigschwelligen Angeboten, wie gemeinsamen Freizeitaktivitäten, Feiern oder Ausflügen, den Zusammenhalt und das Selbstbewusstsein der jungen Roma in Leipzig zu stärken und sie dazu zu ermutigen, in der Öffentlichkeit als Roma aufzutreten. Derzeit plane ich gemeinsam mit unserem Verein und einigen anderen Institutionen in Leipzig ein Projekt, welches das „Empowerment“ der Roma in den Schulen fördern soll.

Mitglieder von Romano Sumnal e.V. bei der Feier zum Internationalen Roma-Tag am 08.04.16 (Foto: Romano Sumnal e.V.)Mitglieder von Romano Sumnal e.V. bei der Feier zum Internationalen Roma-Tag am 08.04.16 (Foto: Romano Sumnal e.V.)
Sie sind selbst Rom und kommen ursprünglich aus Mazedonien. Wie haben Sie die Situation der Roma dort miterlebt?

Die Situation der Roma hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark zum Negativen verändert. Zu Zeiten Jugoslawiens waren wir in Mazedonien gut emanzipiert. Durch die politische Wende und den zunehmenden Nationalismus und die nationalistisch geprägten Parteien werden wir jedoch immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Zwar haben wir immer noch alle politischen Rechte, eigene Parteien, Abgeordnete und Minister im Parlament und in der Regierung, doch unterstützen auch diese zunehmend die nationalistische Arbeit der Mehrheitsbevölkerung.

Wie kann man gegen die Vorurteile ankämpfen?

Europa muss uns endlich als seine größte Minderheit wahrnehmen und ernst nehmen. Die Minderheitenrechte müssen in der Gesellschaft gestärkt werden. Es muss mehr inklusiv als integrativ gearbeitet werden. Es muss nicht über uns, sondern mit uns gesprochen werden!