13.09.2013

Dik Ina Bistar

- Look and don´t forget -

Teilnehmende des Kongresses
Zoni Weisz
Im Workshop
Jugendliche Teilnehmer/-innen
In Auschwitz
Dr. Gregor Rosenthal
Romani Rose
"Dik Ina Bistar" war das Motto des internationalen Jugendkongresses, der vom 31. Juli bis zum 3. August 2013 in Krakau stattfand. "Dik Ina Bistar" ist Romanes und bedeutet etwas sehr wichtiges und doch so simples: Schau hin und vergiss nicht!

Der Kongress mit über 400 Jugendlichen aus vielen verschiedenen Ländern Europas hatte zum Ziel, an den Völkermord an den Roma und Sinti während des 2. Weltkrieges zu gedenken. Diese vier Tage wurden genutzt, viele Sinti und Roma an einem Ort zusammenzubringen um ihre Geschichte aufzuarbeiten. Diese internationalen Begegnungen zwischen Roma, Sinti und Nichtroma diente der Vernetzung und der Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements. Ich, als Nichtroma aus Berlin, war schon im Vorfeld sehr gespannt, was mich erwartet. Ich las mich in das Thema ein, denn ich muss gestehen, dass ich mich bisher kaum mit Roma und Sinti auseinander gesetzt hatte.

Nachdem wir am 30. Juli mit dem Bus in Deutschland losgefahren und gegen 24 Uhr im Hotel in Krakau angekommen waren, haben wir in unsere Zweibettzimmer im Hotele Studenckie Żaczek eingecheckt. Dort habe ich noch die Gelegenheit genutzt, Kontakte zu knüpfen. Nach einer kurzen Nacht startete am Morgen des 31. Juli um 9 Uhr die Eröffnungskonferenz in Laufnähe zu unserem Hotel in der Pedagogial University. Hier begegnete ich zum ersten Mal den anderene Teilnehmenden. Außerdem wurden wir in das Programm der nächsten Tage eingeführt und ternYpe stellte sich vor. Zu diesem Netzwerk gehören verschiedene Roma Jugendorganisationen aus Albanien, Bulgarien, Deutschland, Ungarn, Italien, Mazedonien, Slowakei, Spanien und Polen, die den Kongress mitorganisiert und unterstützt haben. Außerdem sprach Zoni Weisz, ein Überlebender des Genozids.

Ich bekam als ehemalige Praktikantin des Bündnisses mit zwei anderen Teilnehmenden aus Deutschland, die Möglichkeit vom BfDT am Kongress teilzunehmen. Um schon zu Beginn der Konferenz allen die Möglichkeit zu geben auch außerhalb ihrer Organisation Leute kennenzulernen, wurden die Teilnehmenden nach der Eröffnung in sogenannte Interactive welcome Gruppen eingeteilt. In den insgesamt 15 Gruppen wurden Erwartungen und Wünsche angesprochen, aber man bekam auch Gelegenheit bisherige Erfahrungen auszutauschen. Besonders interessant fand ich, dass in anderen Ländern der Holocaust im Schulunterricht nicht die Aufmerksamkeit bekommt wie in Deutschland. Während bei uns die Zeit des ersten und zweiten Weltkrieges den Stoff eines ganzen Schuljahres einnimmt, habe ich mit einer Albanerin gesprochen, die mir erzählte, dass sie ihr Wissen vor allem durch außerschulisches Interesse erworben hat.

Der Nachmittag des ersten Tages war für Workshops vorgesehen. Jede/-r von uns konnte aus 15 verschiedenen Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen wählen. Dadurch, dass Jugendliche aus ganz Europa kamen, waren auch sehr viele verschiedene Sprachen vertreten. Dennoch gelang es mir gut mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch zu kommen. Größtenteils konnte man sich mit Englisch verständigen. Allerdings gab es auch Teilnehmende, die kein Englisch konnten, dies war aber auch nicht weiter schlimm, denn es fand sich immer jemand, der übersetzte. Die Workshops wurden zum überwiegenden Teil in Englisch gehalten, allerdings konnte man sich auch Workshops aussuchen, bei denen andere Sprachen angeboten wurden, beispielsweise Romanes - die Sprache der Roma - , Polnisch, Ungarisch oder Deutsch. Die Workshops, die ich besuchte, waren sehr gut konzipiert und unglaublich interessant. Zuerst wählte ich einen Workshop, der sich allgemein mit dem Genozid befasste, wo ich noch einiges dazu lernen konnte. Leider musste ich auf der Konferenz erkennen, dass der Völkermord an den Roma und Sinti auch bei uns nicht oft genug in dem Maße thematisiert wird, wie er es sollte. Die zweite Arbeitsgruppe wurde von Markus End (Politikwissenschaftler aus Berlin) geleitet und befasste sich mit den Kontinuitäten in der deutschen Politik gegen Roma und Sinti vor und nach dem zweiten Weltkrieg. Hier erfuhr ich Dinge, die ich kaum für möglich gehalten hatte: beispielsweise wurden, teilweise noch weit nach dem Ende der NS-Zeit, Studien auf Basis von Experimenten an „Zigeunern“ aus der Zeit des Hitler Regimes veröffentlicht. Und auch heute noch begegnen Roma und Sinti oft, selbst in der Politik, Rassismus, der eigentlich in einer modernen und offenen Gesellschaft verbannt gehört.

Den Abschluss des ersten Tages bildete eine Willkommensparty, die uns noch einmal die Gelegenheit gab, vielen neuen Menschen zu begegnen und uns mit ihnen auszutauschen. Ich habe dabei sehr interessante Gespräche mit Teilnehmenden aus Bulgarien und Rumänien führen können.

Der 1. August war verschiedenen Arbeitsgruppen zum Motto „Youth Activism & Change“ gewidmet. Auch hier konnte ich wieder aus 15 unterschiedlichen Themen wählen. Diesmal waren nicht nur 1,5 h zum arbeiten angedacht, sondern der gesamte Vormittag. Ich wählte einen Workshop mit dem Titel: „Evergreen dilemma: How to deal with extrem-right media?“ (Wie soll man mit den rechtsextremen Medien umgehen?). Die Arbeitsgruppe wurde von Marianna Jonas (Menschenrechtsaktivistin aus Ungarn) und Hannah Mikes (Aktivistin für Jugendarbeit mit Roma und Juden) moderiert. Das von ihnen ausgearbeitete Konzept fand ich sehr gut, allerdings würde es den Rahmen des Artikels sprengen, wenn ich alles berichte. So möchte ich kurz erläutern, was der Kern dessen ist, was ich für mich mitgenommen habe. Lange haben wir in der Gruppe über den Umgang mit rechtsextremen Medien gesprochen bis ein Teilnehmer anmerkte, dass man zwischen deutschen und beispielsweise ungarischen rechtsextremen Medien aufgrund ihrer Bedeutung in der Öffentlichkeit unterscheiden muss. Denn so schlimm und bekämpfenswert rechte Medien bei uns in Deutchland auch sind, in Ungarn sind sie viel populärer.

Nachdem wir Mittag gegessen hatten, fuhren wir mit Bussen zu einer öffentlichen Konferenz, auf der verschiedene Menschen aus Politik, Geschichte und Gesellschaft zu unterschiedlichen Themenfeldern sprachen. Es kamen Personen aus verschiedenen Institutionen und Organisationen wie beispielsweise dem Council of Europe, der European Union of Jewish Students, ternYpe und European Youth Forum (TBC) zu Wort. Es wurde über die Geschichte des Völkermords an den Sinti und Roma gesprochen, aber vor allem wurde darüber geredet, was man tun kann, um die Diskriminierung von Roma und Sinti in Zukunft zu verhindern. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Zoni Weisz. Er berichtete noch einmal ausführlich von seinen Erlebnissen im nationalsozialistischen Deutschland.

In den ersten zwei Tagen der Konferenz habe ich viel gesehen und viel gelernt, doch am dritten Tag sollte ich Dinge sehen und hören, die mich noch lange Zeit beschäftigen werden: Wir besuchten Auschwitz-Birkenau. Am 2. August bekamen wir eine Führung durch das Stammlager inklusive des Auschwitzmuseums, von dem wir leider aufgrund der knappen Zeit nur einen Teil sehen konnten. Der Schwerpunkt unserer Führung lag auf der Ausstellung, die sich mit dem Genozid an den Roma und Sinti beschäftigte. Anschließend besuchten wir das Vernichtungslager Birkenau. Es ist schon erschütternd, wenn man von den Verbrechen liest oder sie in Dokumentationen sieht. Aber am Ort des Verbrechens zu sein und die Größe und die Ausmaße wahrzunehmen, ist noch viel erschütternder. Vor allem da einige Roma und Sinti, die uns begleiteten, ihre Familienangehörigen durch die Verbrechen verloren haben. Die Baracken, die Krematorien und die Schienen, auf denen Millionen Menschen in den Tod transportiert wurden, zu sehen, ist schrecklich, sollte aber für jeden unglaublich wichtig sein. Hier wurde mir die Bedeutsamkeit des Mottos der Konferenz deutlicher denn je: Schau hin und vergiss nicht!

Gegen Mittag des 2. August nahmen die deutsche Delegation und einige Delegierte aus den anderen Ländern an der jährlich stattfindenden Gedenkfeier teil. Am 2. August 1944 wurden die 2.900 in Auschwitz-Birkenau verbliebenen Sinti und Roma auf Befehl des Reichssicherheits-hauptamtes ermordet. Um dieses schreckliche Verbrechen niemals zu vergessen wird jedes Jahr eine Gedenkfeier organisiert, bei der Jugendliche, Überlebende, Engagierte und Politiker/-innen gemeinsam an das Geschehene erinnern und zum Handeln gegen Diskriminierung aufrufen.

Nach dieser offiziellen Gedenkfeier versammelten sich die ĂĽber 400 Jugendlichen zu einer eigenen Gedenkfeier. Wir liefen, begleitet von Zoni Weisz, durch das Vernichtungslager bis wir an den Ort kamen, wo die erste offizielle Gedenkfeier geendet hatte. Dort fand noch einmal ein kleines Programm statt und ich begann zu verarbeiten, was ich gesehen und erlebt hatte. Nach diesem sehr langen und eindrucksvollen Tag fuhren wir wieder ins Hotel zurĂĽck. FĂĽr mich war es der erste Besuch dieses Mahnmals und ich wusste, dass ich einen zweiten brauchen wĂĽrde, damit ich nur ansatzweise verstehen kann, was dort geschehen ist.

Der 3. August war der letzte Tag des Kongresses. Am Morgen trafen sich alle Teilnehmenden in dem Konferenzsaal. Wir bekamen die Gelegenheit mit Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, zu sprechen. Er berichtete uns von dem Kampf, die Verbrechen an den Sinti und Roma in die Öffentlichkeit zu bringen und beantwortete Fragen der jungen Zuhörer/-innen.

Im Abschlussplenum der viertägigen Konferenz, berichteten einige noch einmal von ihren Erfahrungen. Ich nutzte die Chance über das Erlebte nachzudenken. Für mich war das eine sehr beeindruckende Zeit, in der ich viel gelernt und interessante Menschen kennen gelernt habe, mit denen ich zum Teil noch hoffentlich lange in Kontakt stehen werde.

Aber vor allem eine Sache habe ich mitgenommen und möchte sie weitergeben: Auch heute noch sind Vorurteile gegen Roma und Sinti in vielen Köpfen vorhanden und führen zu Rassismus und Diskriminierungen und es ist unsere Aufgabe, uns zu engagieren und dem entgegenzuwirken.