19.10.2012

Reflexionen zum Gedenktag fĂĽr die ermordeten Sinti und Roma in Auschwitz - ein Workshop mit Jugendlichen an einem historischen Ort

von Rahman Satti, Themenbereichsleiter Ă–ffentlichkeitsarbeit BfDT

Foto: Delegation während der Gedenkveranstaltung am 2. August 2012
Foto: Schweigemarsch für die ermordeten Sinti und RomaFoto: Schweigemarsch fĂĽr die ermordeten Sinti und Roma
Foto: Zeitzeugengespräch mit Zoni Weisz in der Jugendbegegnungsstätte
Foto: Studierende beim Workshop in der Jugendbegegnungsstätte
Foto: Jugendlicher beim Workshop in der Jugendgedenkstätte
Foto: Junge Sinti beim Workshop in der Jugendgedenkstätte
Siebzehn Jugendliche und zwei Pädagogen waren eingeladen, vom 30. Juli bis zum 3. August 2012 unter der Leitung von Kathrin Knödler und Andreas Pflock vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg im Rahmen einer Kooperation mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz bei einer Gedenkfahrt ihre persönlichen Erlebnisse durch digitale Dokumentation in eine visuelle Form zu bringen.

Am Freitag den 3. August leitete ich als Mitarbeiter des BfDT und ehemaliger Videojournalist gemeinsam mit Stefan Mayr, einem Medienpädagogen aus Ludwigshafen, den Workshop „Reflexionen des historischen Ort und seine Botschaft für die Zukunft“ in den Räumen der Jugendbegegnungsstätte Oswieciem in Polen. Ich selbst habe mir während dieser Bildungs- und Gedenkreise immer wieder die Frage gestellt: Wie kann man diesen Völkermord an den Sinti und Roma emotional erfassen, ohne in die gängigen Klischees des Auschwitz-Tourismus' zu verfallen?

Als Betreuer und Moderator des Workshops wollte ich anderen Teilnehmern dabei helfen, das Erlebte visuell zu verarbeiten. Jedoch hatte sich die Darstellung dessen, was ich in Auschwitz-Birkenau während der drei Tage sah, immer wieder meiner Vorstellungskraft verweigert. Als ich durch den Sucher meiner Kamera schaute, kamen mir sofort Zweifel. Es kann kein Bild ausdrücken, was dieser Ort in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt hat. Bilder werden dem Schrecken, den ich dort verspürte, in keiner Weise gerecht. Obwohl ich stets versuchte, den Ort und die Geschichte zu reflektieren und festzuhalten, waren es die kurzen und intensiven Begegnungen mit den Jugendlichen, die in tiefer Erinnerung bleiben sollten.

Während dieser drei Tage hatten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Digitalkameras, Videokameras und Mobiltelefonen Bilder gesammelt, welche nun zunächst auf ein verwertbares Maß reduziert werden sollten. Ich war gespannt, was in dem Workshop umsetzbar war. Die Jugendlichen waren Schüler aus Schwetzingen, Studenten aus dem gesamten Bundesgebiet und junge Sinti und Roma aus Deutschland. Einen Tag zuvor, am 2. August 2012, hatten die Jugendlichen an der Gedenkveranstaltung am Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma teilgenommen. In einem bewegenden Zeitzeugengespräch mit Zoni Weisz, einem niederländischen Sinto und Überlebenden des Holocaust, hatten sie die Möglichkeit nicht nur Bilder, sondern auch die Leidensgeschichte von Herrn Weisz persönlich zu verarbeiten. Es war ein bewegender Tag, der nach den Besuchen der Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau nun auch die Gefühle eines Zeitzeugen tief im Herzen spürbar werden ließ.

Wie können diese Erlebnisse reflektiert werden? Wie können Reflexionen ohne Klischees erfahrbar werden? Mein eigener Anspruch als Videojournalist war im Konflikt mit der Rolle als Moderator. Ist es überhaupt möglich, diese emotionalen Erlebnisse visuell aufzuarbeiten?

Zu meinem Erstaunen waren die Strategien der Jugendlichen sehr unterschiedlich. Bei der Gruppe junger Sinti waren viele das erste Mal persönlich am Ort des Verbrechens. Sie planten sich durch persönliche Fotos und Archivbilder mit der Ermordung ihrer nächsten Verwandten auseinanderzusetzen. Es bildeten sich mehrere Gruppen, die in einem ersten Brainstorming unterschiedliche Ziele diskutierten. Die Studenten wollten einen zehnminütigen Film produzieren, die Schülergruppe wollte die besten Fotos auswählen und dazu passende Musik finden.

Allein die Fülle des Materials und die Sichtung waren eine Herausforderung. Unter Zeitdruck wurde sichtbar, dass viele Digitalkameras nicht kompatibel bei der Übertragung in das Schnittprogramm waren. Die Schüler aus Schwetzingen schafften es durch Begrenzung auf das Wesentliche mit einer fünfminütigen Diashow, ein kohärentes und emotionales Resultat zu liefern. Für die Studenten hatte leider die Zeit für einen Filmschnitt nicht gereicht und so zeigten sie Interviews und Skizzen aus unterschiedlichen Multimediaformaten.

Die Gruppe der jungen Sinti zeigte eine sehr persönliche Präsentation mit selbst gesprochenen Audiokommentaren und bewegenden Archivbildern aus dem Stammlager Auschwitz. Sie berichteten aber auch voller Stolz vom Aufstand der Sinti und Roma in den Baracken des sogenannten „Zigeunerlagers“ in Birkenau. Bei meiner Recherche zu diesem Artikel habe ich folgende, passende Aussage eines Zeitzeugen gefunden:

„Die Sinti haben sich auch gegen die „Liquidierung“ des „Zigeunerlager“ zur Wehr gesetzt. Das war eine ganz tragische Geschichte. Da haben die Sinti aus Blech Waffen gemacht. Sie haben die Bleche zugespitzt zu Messern. Damit und mit Stöcken haben sie sich bis zum Äußersten gewehrt. Ich kenne eine Augenzeugin, eine Polin, Zita heißt sie, die uns gegenüber im Arbeitseinsatz war, die hat die Auflösung des „Zigeunerlagers“ miterlebt. Sie hat mir später unter Tränen erzählt, wie sich die Sinti so verzweifelt geschlagen und gewehrt haben, da sie wussten, dass sie vergast werden sollten. Und dann wurde dieser Widerstand mit Maschinenpistolen niedergeschossen[…]“
Elisabeth Guttenberger (Häftling des „Zigeunerlagers“): Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, München 1993, S. 1502.

Ein bleibendes Erlebnis war für mich die Gewissheit, dass diese intensiven Begegnungen bei den Teilnehmenden einen Prozess der Verarbeitung und der Reflexion anstoßen konnten. Und so war es für mich auch als Vertreter einer afro-deutschen Minderheit bewegend zu spüren, dass ein besonderes Vertrauen und ein sensibler, intensiver Dialog in diesem Workshop entstehen konnte. Ich habe mich auf dieser Gedenkfahrt als Teil einer Gemeinschaft wahrgenommen, deren Engagement für die Aufarbeitung deutscher Geschichte konkret erlebbar wurde. Die Erinnerung an diesen historischen Ort trägt kein dokumentarisches Bild, sondern ein tiefes Gefühl für Verantwortung, welches im Herzen aller Teilnehmenden spürbar wurde. Mein Dank für diese gelungene Gedenkfahrt geht an das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.