25.04.2012

Religionen im GesprÀch - Der Friedensweg der Religionen in Marburg

von Christine Heigl

Foto: Zu Besuch in einer Moschee (Heigl)
Im Jahr 2006 begann sich eine Gruppe aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionen zu regelmĂ€ĂŸigen GesprĂ€chen zu treffen. Muslime, Juden, Bahá’i, Buddhisten und Christen nĂ€herten sich an, tauschten sich aus und fanden zueinander: Der Runde Tisch der Religionen in Marburg war geboren.

Über dessen AnfĂ€nge berichtet der emeritierte evangelische Theologieprofessor Hans-Martin Barth: „An der UniversitĂ€t Marburg hatte ich internationale Symposien zum interreligiösen Dialog organisiert und durchgefĂŒhrt. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn hat, GesprĂ€chspartner aus aller Welt einzufliegen und den Dialog nicht mit den in Marburg lebenden nichtchristlichen Gemeinden zu fĂŒhren. Eine glĂŒckliche FĂŒgung wollte es, dass der Pfarrer an der UniversitĂ€tskirche Hannes Eibach eine Ă€hnliche Regung verspĂŒrte, also suchten wir GesprĂ€chspartner.“

Seither haben viele GesprĂ€che am Runden Tisch der Religionen stattgefunden. An wechselnden Orten – Synagoge, Moschee, buddhistisches Shambhala-Zentrum, kirchliche HĂ€user, aber auch privat – wurde diskutiert ĂŒber Themen wie Symbole, MĂ€rtyrertum, Humor in den Religionen, die Bedeutung von Festen, Vergeltung und Vergebung, um nur Einiges zu nennen. Basistexte wie das buddhistische Herzsutra, das Vaterunser oder Suren aus dem Koran wurden vorgestellt, gesellschaftliche und politisch aktuelle Themen berĂŒhrt.

Aber auch Brisantes wurde nicht vermieden. So gab es etwa Abende zu Themen wie ‘Was stört uns aneinander‘ und ‘Wo beginnt die Beleidigung meiner Religion‘. „Es geht nicht um ‘Kuscheldialog‘. Zum Respekt gehört auch, den anderen in seiner ‘Glaubens- und Überzeugungswelt‘ zu belassen und nicht zu missionieren, sondern ihn so anzunehmen wie er/sie ist und zumindest zu versuchen zu verstehen. Alle Religionen haben Werte, die ihnen gemeinsam sind, die vor allem den Charakter des Menschen verbessern sollen und sie zu guten, konstruktiven, proaktiven Menschen machen“, so der muslimische Arzt Bilal El-Zayat. „Der Runde Tisch bemĂŒht sich, diese Synergien zu nutzen, um unser Zusammenleben bestmöglich in Respekt und Akzeptanz zu gestalten.“ Dr. El-Zayat benutzt hier bewusst das Wort Akzeptanz, da es nach seinem VerstĂ€ndnis weiter reicht als der Begriff der Toleranz.

Ein Lenkungskreis, bestehend aus drei Frauen (JĂŒdin, Buddhistin und Bahá’i) und drei MĂ€nnern (Muslim und Christen), bereitet ĂŒber die GesprĂ€chskreise hinaus öffentliche Veranstaltungen in Marburg vor. PodiumsgesprĂ€che im Rathaus werden angeboten, Gastreferenten eingeladen. Eine Exkursion zum Sommerfest der Bahá’i ins Haus der Andacht in Langenhain, von Kelly Herndon aus der Bahá’i-Gemeinde angeregt und organisiert, steht allen Interessierten ebenso offen wie der Friedensweg der Religionen, der jedes Jahr im Herbst in Marburg stattfindet. "Marburg ist eine offene Stadt mit interessierten BĂŒrgern, die unsere Angebote zum Dialog gerne nutzen. Das BedĂŒrfnis zum Kennenlernen und Austausch jenseits des wissenschaftlichen Diskurses ist groß und wir versuchen hier unseren Teil fĂŒr ein gelingendes Zusammenleben beizutragen", erklĂ€rt Monika Bunk von der JĂŒdischen Gemeinde. So wird von den Marburgerinnen und Marburgern insbesondere der Friedensweg der Religionen wahrgenommen und genutzt, um einen Blick ‘Hinter die Kulissen‘ und in die RĂ€umlichkeiten der verschiedenen in Marburg angesiedelten Religionsgemeinschaften zu werfen.

Der ‘Friedensweg‘ beginnt in der Moschee und fĂŒhrt ĂŒber das Rathaus, wo sich die Bahá’i-Gemeinde vorstellt, zur UniversitĂ€tskirche und zum buddhistischen Shambhala-Zentrum bis zur Synagoge. An jeder Station stellt sich die jeweilige Gemeinschaft vor, erklĂ€rt Einzelheiten zu RĂ€umlichkeiten und Zeremonien, prĂ€sentiert und erlĂ€utert einen kurzen Text, ein Gebet oder Rezitationen. Gelegentlich werden GetrĂ€nke und kleine Speisen gereicht. Kinder springen umher, probieren auch mal aus, wie man ein Kopftuch bindet und trĂ€gt, schlagen Gong und Trommel im buddhistischen Zentrum und hĂŒpfen fröhlich ĂŒber Meditations-Sitzkissen, die sie zum Bauen kleiner HĂ€uschen anregen. Die Friedensweg-Wanderer kommen auf ihren Wegen zwischen den verschiedenen Stationen miteinander ins GesprĂ€ch, können mit verschiedensten Religionszugehörigen diskutieren; Sie werden in der Oberstadt auch von Passanten angesprochen, die wissen wollen, was hier vor sich geht.

Der Buddhismus lehrt die Unvoreingenommenheit in jedem Moment und jedem Menschen gegenĂŒber. Das Einander-Begegnen mit uneingeschrĂ€nkter Offenheit gilt als eine ‘Frucht‘ aller BemĂŒhungen und fĂŒhrt zu MitgefĂŒhl und Freundlichkeit.

Der evangelische Pfarrer Dietrich Hannes Eibach fasst das wie folgt zusammen: „Ich glaube, dass wir nicht eine Einheit der verschiedenen Religionen brauchen, sondern Frieden zwischen den sich immer stĂ€rker ausdifferenzierenden Religionsgemeinschaften. Ich habe erfahren, dass diese Gemeinschaften etwas Entscheidendes zu dem BemĂŒhen um Gerechtigkeit und Frieden in einer stĂ€dtischen Gesellschaft beitragen können, wenn sie einander begegnen und voneinander lernen. Je mehr ich mich in dem gemeinsamen Prozess auf meinen eigenen Glaubensweg einlasse und darin Wurzeln ausbilde, umso mehr kann ich mich fĂŒr andere religiöse Erfahrungen öffnen und die Weite wie auch die VielfĂ€ltigkeit annehmen, in der Menschen von der umfassenden Wirklichkeit des Lebens selbst angesprochen und berĂŒhrt werden. Die Art und Weise, in der wir in den vergangenen sechs Jahren in unseren RundgesprĂ€chen Themen beleuchten und von innen heraus darstellen konnten, hat mich zu mancher Einsicht und zu einer respektvollen Achtsamkeit vor den Dialogpartnerinnen und Partnern gefĂŒhrt.“

FĂŒr mich persönlich, die ich der buddhistischen Shambhala-Gemeinschaft angehöre, war es schon immer ein besonderes Anliegen, interkulturell und interreligiös im GesprĂ€ch zu sein und Menschen zu begegnen, die einen Weg des ‘Miteinander' gehen und sich den kleinen und großen Fragen des Lebens stellen. Den Runden Tisch der Religionen, die GesprĂ€chskreise mit allen Beteiligten, die öffentlichen Veranstaltungen mit den teilnehmenden, diskutierenden und streitenden Marburger BĂŒrgern und nicht zuletzt meine Begleiter und Begleiterinnen im bereits erwĂ€hnten Leitungskreis schĂ€tze ich sehr. Ich denke, ich spreche hier im Sinne aller anderen aktiv Beteiligten, wenn ich sage, dass es ein besonderes Anliegen und eine besondere Freude ist, dem Runden Tisch der Religionen in Marburg anzugehören und damit beizutragen, Ängste und Vorbehalte vor dem, was fremd scheint und vielleicht sogar Angst einflĂ¶ĂŸt, mit Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen. Das Einander-Kennenlernen baut Vorurteile ab, bringt Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen zueinander und fĂŒhrt hĂ€ufig auch zu neuen Freundschaften.

Den Aktiv-Preis, der uns vom BĂŒndnis fĂŒr Demokratie und Toleranz verliehen wurde, verstehen wir als anerkennende UnterstĂŒtzung fĂŒr unser bisheriges und zukĂŒnftiges Engagement auf diesem gemeinsamen Weg.

Interner LinkHomepage Runder Tisch Marburg