28.03.2012

Jahrzehntelange Diskriminierung und Benachteiligung

Rezension der 2012 erschienenen Publikation „Fremd im eigenen Land. Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust“

Cover: Fremd im eigenen Land (Verlag fĂĽr Regionalgeschichte)
Noch in den 60er Jahren zogen Sinti und Roma nur als geigespielende Playmobil-Figuren oder Bildmotive in niedersächsische Wohnzimmer ein. Wohnen mussten sie teilweise in Wagensiedlungen der Vorstädte, isoliert und diskriminiert vom Rest der Gesellschaft. Dass Sinti und Roma auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Vorurteilen und unfairer Behandlung ausgesetzt wurden, zeigte die 2009/2010 vom Historischen Museum Hannover veranstaltete Sonderausstellung „Fremd im eigenen Land. Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust“.

Um das Leben und die Geschichte der Sinti und Roma jetzt auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, hat der Verein für Geschichte und Leben der Sinti und Roma in Niedersachsen e.V. nun einen Ausstellungskatalog herausgegeben, der mit anschaulichen Beispielen Geschichte und aktuelle Lebensbedingungen der Sinti und Roma in Deutschland beschreibt.

Erste Zeugnisse der Diskriminierung gegen Reisende stammen aus dem Jahre 1498, wo deutsche Staaten bereits drakonische Strafen und Einreiseverbote gegen damals so genannte „Zigeuner“ verhängten. Einige der damals herrschenden Vorurteile, zum Beispiel der Vorwurf der Spionage, hielten sich bis in die Nazizeit. Dort wurden Sinti und Roma aus rassenideologischen Gründen massenhaft deportiert. Gerechtfertigt wurden die Verschleppungen mit angeblicher Angst vor Auskundschaftern. Von 1938 bis 1943 wurden knapp 1000 Sinti und Roma in Konzentrationslager deportiert, nur jeder Zehnte von ihnen überlebte. Einige der Überlebenden hatten zudem nach Kriegsende Schwierigkeiten nachzuweisen, dass sie aus rassistischen und nicht aus politischen Gründen im Konzentrationslager waren – deswegen wurden ehemalige Häftlinge teilweise auch erst Jahrzehnte nach Kriegsende entschädigt.

Mit erschreckenden Einzelbeispielen erläutert „Fremd im eigenen Land“, dass es vielen Überlebenden nicht gelang, nach dem Krieg in Deutschland anerkannt zu werden und hier Fuß zu fassen. So wurden Sinti und Roma lange nicht für die an ihnen begangen Verbrechen entschädigt, manche der ehemaligen Häftlinge erhielten erst in den 80er Jahren eine Wiedergutmachung. Auch versuchten Kommunen und Polizei lange, Sinti und Roma aus ihren Gemeinden fernzuhalten: „Es ist möglichst anzustreben, dass wandernde Zigeuner im Regierungsbezirk Osnabrück nicht sesshaft werden“, so zum Beispiel ein internes Rundschreiben der Stadt.

Neben diesen Fällen der Diskriminierung zeigt der Ausstellungskatalog das beeindruckende Engagement des Vereins, der sich seit Jahren für Sinti und Roma und ihre Gleichbehandlung innerhalb der deutschen Gesellschaft einsetzt. Seit den 70er Jahren engagiert sich der „Verband für Sinti und Roma in Niedersachsen e.V.“ mit vielfältigen Aktivitäten. Seit 2000 informiert zum Beispiel das Bürgerradio Hannover mit der Sendung „Latscho Dibes“ (Romanes für Guten Tag) über politische und kulturelle Entwicklungen – die Sendung ist damit nicht nur ein Sprachrohr der Sinti-Gemeinde, sondern stellt auch eine Brücke zwischen ihr und dem Rest der deutschen Gesellschaft dar. Unter anderem für dieses Engagement wurde der „Hildesheimer Sinti e.V.“ 2005 mit dem Preis „Botschafter der Toleranz“ vom Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) ausgezeichnet.

In dem Geleitwort des Ausstellungskataloges fasst Manfred Böhmer, Geschäftsführer des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti e.V., die zukünftigen Aufgaben des Vereins zusammen: „Aus der Geschichte können wir lernen. Aber Rassismus, ungleiche soziale Lebensverhältnisse und Benachteiligungen existieren auch heute noch. Daher ist es wichtig, dass wir heute miteinander daran arbeiten, eine Zukunft zu gestalten, in der Sinti selbstverständlich eine Heimat haben, in der Chancengleichheit für sie selbstverständlich ist.“

„Fremd im eigenen Land. Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust. Katalog zur Ausstellung des Vereins für Geschichte und Leben der Sinti und Roma in Niedersachsen e.V.“ Bearbeitet von Reinhold Baaske, Boris Erchenbrecher, Wolf-Dieter Mechler und Hans-Dieter Schmid mit Beiträgen von Jürgen Bohmbach, Günter Saathoff und Christian Schütte. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2012. 192 Seiten.


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