04.10.2010

Rede des Gesch├Ąftsf├╝hrers des B├╝ndnisses f├╝r Demokratie und Toleranz, Dr. Gregor Rosenthal, anl├Ąsslich der Kranzniederlegung gemeinsam mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am 01. August 2010 an der ÔÇ×Schwarzen WandÔÇť im Stammlager I/ Auschwitz

 

Es gilt das gesprochene Wort!



Sehr geehrter Herr Rose,

Sehr geehrter Herr Kwiatkowski,

Sehr geehrter Herr Cywinski,

Sehr geehrter Herr Kadlcik,

sehr geehrte hier anwesende ├ťberlebende der Verfolgung durch die Nationalsozialisten,

liebe Angeh├Ârige der jungen Generation, die sie heute hierher begleitet haben,

sehr geehrte Damen und Herren,

vor einem Jahr, am 1. August, standen wir hier, an der Todesmauer des Konzentrationslagers Auschwitz, einem Ort, der f├╝r immer verbunden ist mit unfassbarem Grauen und Unrecht. Deutsche haben damals unvorstellbares Leid ├╝ber die Menschheit gebracht. Als Deutscher ist es eine gro├če Ehre f├╝r mich, heute zum zweiten Mal hier zu Ihnen sprechen zu d├╝rfen. In meinem langen und ereignisreichen Berufsleben haben die gemeinsam verbrachten vier Tage vor einem Jahr einen ganz besonderen Stellenwert eingenommen. Das mir von Ihnen entgegen gebrachte Vertrauen, die Geschichten der ├ťberlebenden und die ihrer ermordeten Angeh├Ârigen haben mich tief bewegt.

Die Bundesrepublik Deutschland und alle Deutschen tragen f├╝r immer die besondere Verantwortung, an diesen dunklen Abschnitt unserer Geschichte zu erinnern und hieraus die notwendigen Folgerungen f├╝r die Gestaltung unserer Zukunft zu ziehen. Lange Zeit wurde unsere Verantwortung gegen├╝ber den verfolgten Sinti und Roma nicht in ausreichendem Ma├če wahrgenommen. Die Geringsch├Ątzung und Diskriminierung von Sinti und Roma in Deutschland und dem Rest Europas setzte sich nach dem Krieg und teilweise leider bis in die heutige Zeit fort. Erst seit 1994 findet j├Ąhrlich zum damals eingerichteten Internationalen Roma-Gedenktag am 2. August eine Gedenkveranstaltung hier in Auschwitz statt. Auch daher ist es mir eine ganz besondere Ehre, heute hier sprechen zu d├╝rfen und diese Gedenkreise zu begleiten.

Porjamos hei├čt der V├Âlkermord an den 500.000 ermordeten Sinti und Roma auf Romanes. Allein am 2. August 1944, vor 66 Jahren, wurden 2.900 Sinti und Roma im so genannten ÔÇ×Zigeunerlager" hier in Auschwitz ermordet. Die Zahlen ├╝berfordern unsere Vorstellungskraft. Erst die Namen, die Gesichter und die Erinnerungen der ├ťberlebenden f├╝llen diese Zahlen mit Leben und machen das Unvorstellbare real. Dies ist Hintergrund und Zweck dieser Reise. Den ├ťberlebenden soll Gelegenheit gegeben werden zu erinnern, zu trauern und ihren Nachfahren und Angeh├Ârigen von ihren Erlebnissen zu berichten. Die junge Generation, die heute hier ebenfalls anwesend ist, soll vom Leid ihrer Gro├č- und Urgro├čeltern erfahren und ihre Geschichte kennen lernen, um sie ihrerseits an k├╝nftige Generationen weiterzugeben. Gleichzeitig soll daraus das Interesse und die Bereitschaft erwachsen, sich heute aktiv in die Gestaltung des jeweiligen Lebensumfeldes einzumischen und die besonderen Interessen einer Minderheit gegen├╝ber der Mehrheit wahrzunehmen.

Sinti und Roma werden auch heute noch in L├Ąndern Europas mit Vorurteilen, Ausgrenzung, Diskriminierung und sogar gewaltt├Ątigen ├ťbergriffen konfrontiert. Die in den Nachrichten dokumentierten Vorf├Ąlle der letzten Wochen und Tage legen dar├╝ber ein trauriges Zeugnis ab. Umso wichtiger ist es f├╝r die jungen Generationen, sich der eigenen Geschichte und Identit├Ąt bewusst zu sein, um sich gegen Ungerechtigkeiten und Ausgrenzung stellen zu k├Ânnen.

Das B├╝ndnis f├╝r Demokratie und Toleranz hat gerne der Anfrage entsprochen, diese Gedenkreise zu unterst├╝tzen und sich gemeinsam mit dem Zentralrat f├╝r die Belange der Sinti und Roma in Deutschland zu engagieren. Der heute hier anwesende Franz Rosenbach - Sinto, KZ-├ťberlebender und aktiver Zeitzeuge - wurde am Verfassungstag dieses Jahres vom B├╝ndnis als Botschafter f├╝r Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Es ist uns ein gro├čes Anliegen, auch in der Zukunft Projekte zu unterst├╝tzen und mit anzusto├čen, die den Sinti und Roma in Deutschland zu mehr Anerkennung verhelfen und die wechselseitige Toleranz konkret unterst├╝tzen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Wir sind heute zusammen gekommen, um der Ermordeten und Verfolgten zu gedenken - um zu trauern. Ihr Mut - und damit richte ich meinen Blick auf die ├ťberlebenden - hier zu stehen, zu berichten, nicht l├Ąnger zu schweigen - beeindruckt mich, beeindruckt viele Menschen. Ihr Mut und Ihre Entschlossenheit, die Erinnerung an vergangenes Leid lebendig zu halten, wird die Zukunft der kommenden Generationen von Sinti und Roma in Deutschland und Europa pr├Ągen. Erinnerung, gerade die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Zeit der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus, stiftet Identit├Ąt und legt den Grundstein f├╝r ein demokratisches und tolerantes Miteinander. In den n├Ąchsten Tagen wird es deshalb auch darum gehen, wie die junge Generation sich aktiv f├╝r Respekt und Anerkennung und eine ihren Vorstellungen entsprechende Zukunft in jedem Ihrer L├Ąnder einsetzen kann. Sie sind die Enkel und Urenkel einer Generation von mutigen Menschen, denen selbst das Leben verwehrt wurde.

ÔÇ×Rom" hei├čt Mensch. Kaum eine Nation kann auf eine solche Bedeutsamkeit im Namen ihrer Nationalit├Ąt verweisen. Ich w├╝nsche Ihnen, dass Sie diesen Namen stets mit Stolz tragen.

Sehr verehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Rose und mit Ihnen anwesende Vertreter des Zentralrats der Sinti und Roma und des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma,

ich danke Ihnen, dass ich heute hier an diesem historischen Ort zu Ihnen sprechen durfte. Vielen Dank f├╝r Ihre Aufmerksamkeit.