08.06.2011

Kooperationsprojekt Schule Chemnitzstra√üe und die ‚ÄěSchlumper‚Äú

Foto: Die Schlumper
Foto: Die Schlumper
Foto: Die Schlumper
Von Johannes Seebass (Die Schlumper)

Die Schlumper sind eine Hamburger Ateliergemeinschaft, deren Mitglieder Menschen mit Behinderung sind. Seit ihrem Zusammenschluss im Jahre 1984 sind sie durch umfangreiche Ausstellungst√§tigkeiten weit √ľber die lokalen Grenzen hinaus zu Anerkennung gelangt und k√∂nnen seit 1995 ihre k√ľnstlerische T√§tigkeit vollberuflich aus√ľben. Zur Gemeinschaft der Schlumper geh√∂ren mittlerweile mehrere K√ľnstlerinnen und K√ľnstler, die ihre kulturelle Tradition aus dem au√üereurop√§ischen Bereich beziehen.

Die Schule Chemnitzstra√üe in Altona-Altstadt wurde nach dem Einzug in ein neues Schulgeb√§ude umbenannt in Louise Schroeder Schule und hat sich zur integrativen Ganztagsgrundschule mit Integrations- und Vorschulklassen entwickelt. Aufgrund der vielf√§ltigen kulturellen Angebote im Bereich des Unterrichts sowie der Freizeit wurde die Schule Chemnitzstra√üe 2005 zur Pilotschule Kultur ernannt. Mehr als 50% der Anwohner im Umfeld entstammen Kulturen mit nichtdeutscher Muttersprache. Alle Kinder im Vor- und Grundschulalter des Einzugsgebietes werden hier beschult, auch diejenigen, die aufgrund von Verhaltensauff√§lligkeiten, Lernschwierigkeiten oder anderen Auff√§lligkeiten √ľblicherweise Sondereinrichtungen aufsuchen m√ľssten.

Ziel des Kooperationsprojektes zwischen den Schlumpern und der Schule war zun√§chst die k√ľnstlerische Ausgestaltung des Schulgeb√§udes Thedestra√üe, das der Schule angegliedert war. Es handelt sich hierbei um ein einzigartiges Baudenkmal und ist das √§lteste erhaltene Schulgeb√§ude Hamburgs. Die k√ľnstlerische Gestaltung sollte in Zusammenarbeit mit den Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern und den Schlumpern erfolgen. F√ľr die Anf√§nge der Projektarbeit standen uns neben Spenden mehrerer Unternehmen Mittel der Schulbeh√∂rde und ein Zuschuss durch die Kulturbeh√∂rde sowie Mittel des Bezirks Altona zur Verf√ľgung.

Seit Beginn der Kooperation nehmen die Kinder an vier Wochentagen in wechselnden Gruppen zu Unterrichtszeit am Arbeitsalltag der Schlumper teil. Auch am Nachmittag und in den Ferien k√∂nnen die Sch√ľlerinnen und Sch√ľler sich in den Atelierr√§umen nach Lust und Laune k√ľnstlerisch bet√§tigen. Sie werden von den Assistentinnen und Assistenten der Schlumper betreut, die im Bereich der Kunst t√§tig sind. Ohne Einengung durch einen vorgefertigten p√§dagogischen √úberbau k√∂nnen die Kinder ihren Arbeitstag bei den Schlumpern selbst bestimmen. Sie malen, angeregt durch die Arbeiten der Schlumper, an Staffeleien gro√üe und kleine Formate.

Die Kinder erproben die Farben, Stifte und andere Materialien, die sie bei den Schlumpern finden. Sie plastizieren mit Ton und Gips, Zeitungspapier und Kleister sowie mit gefundenem Material und haben die Hilfe der Schlumper und deren Assistenten, um das umsetzen zu können, wozu sie sich in unserem Atelier oder bereits auf dem Weg zur Schule haben inspirieren lassen. Die wechselseitige Beeinflussung zwischen den Kindern und den Schlumpern, die sich beim gemeinschaftlichen Arbeiten ganz ungezwungen einstellt, schlägt sich immer wieder in erstaunlichen bildnerischen Ergebnissen nieder.

Mit den Kindern und den Schlumpern treffen zwei Gesellschaftsgruppen aufeinander, die viele¬† Ber√ľhrungspunkte haben. Die Schlumper erleben die hohe Akzeptanz ihres k√ľnstlerischen Schaffens seitens der Kinder als Best√§tigung und St√§rkung, w√§hrend die Schlumper mit Bewunderung auf die F√§higkeiten der Kinder im Rechnen, Lesen und Schreiben blicken.

Die Kinder lernen hier Menschen mit Behinderung kennen als Freunde, als Menschen, die etwas können und ihnen etwas geben können.

Die Kinder, die im Schulalltag beispielsweise aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten oft mit Misserfolgen konfrontiert sind, finden hier uneingeschränkte Akzeptanz und Bestätigung. Sie haben die Möglichkeit, versteckte Gedanken und Probleme gestaltend zum Ausdruck zu bringen und außergewöhnliche Ideen umzusetzen, ohne dabei mit schulischen Maßstäben gemessen zu werden.

Die Gestaltungskonzepte f√ľr das Treppenhaus haben sich inhaltlich und formal erst nach und nach aus einem Spannungsfeld entwickelt, das Tag f√ľr Tag durch die Auseinandersetzung zwischen den Kindern und den Schlumpern neu entsteht. Im Laufe von zweieinhalb Jahren hat sich das Schulgeb√§ude so mit seinen gro√üz√ľgigen Fluren und Treppenbereichen gewaltig ver√§ndert. Einen kleinen Einblick geben die nebenstehenden Fotografien.

Seit der offiziellen Einweihung des ausgestalteten Schulgeb√§udes im Oktober 1997 gilt unser Projekt f√ľr die Beh√∂rden als erfolgreich abgeschlossen. Daher ist es uns nicht m√∂glich, f√ľr die Weiterf√ľhrung eine durchgehende Finanzierung zu schaffen. Aber die Arbeit im Projekt geht weiter! Denn wichtiger als die unmittelbar wahrnehmbaren Produkte ist der tagt√§gliche Prozess, das Zusammensein und -arbeiten der Kinder und der Schlumper, zweier Gesellschaftsgruppen, die trotz der vielen Gemeinsamkeiten auch gelegentlich aufeinanderprallen, die am wechselseitigen Geben und Nehmen reicher werden.

Aus der gemeinsamen Arbeit ergeben sich immer wieder neue Gestaltungsideen im Umfeld der Schule. Es entstehen neue Werke, auf welche  Kinder und Schlumper mit Stolz verweisen können und die von vielen Menschen wahrgenommen werden.

Seit dem Bezug des neuen Schulgeb√§udes steht das Ziel im Vordergrund, auch die neuen R√§umlichkeiten zusammen mit den Kindern k√ľnstlerisch auszugestalten und damit f√ľr sie gemeinsam ein neues schulisches ‚ÄěZuhause‚Äú zu erarbeiten.