21.11.2014

Vorbildliches zivilgesellschaftliches Engagement f├╝r Willkommenskultur auf dem 7. Wunsiedler Forum

Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Dr. Manfred Schmidt, erläuterte die Rahmenbedingungen, in der sich Staat und Gesellschaft bei der Implementierung einer "Willlkommens- bzw. Anerkennungskultur" bewegen (Foto: Hannes Bessermann/BfDT)Pr├Ąsident des Bundesamtes f├╝r Migration und Fl├╝chtlinge, Dr. Manfred Schmidt, erl├Ąuterte die Rahmenbedingungen, in der sich Staat und Gesellschaft bei der Implementierung einer "Willlkommens- bzw. Anerkennungskultur" bewegen (Foto: Hannes Bessermann/BfDT)
In sechs Werkst├Ątten wurden die Teilnehmer/-innen eingeladen, neue lokale Handlungsstrategien zu diskutieren und zu entwickeln (Foto: Hannes Bessermann/BfDT)
Das Res├╝mee des Tages zogen Dr. Gregor Rosenthal, Leiter der BfDT-Gesch├Ąftsstelle, und Karl-Willi Beck, Erster B├╝rgermeister der Festspielstadt Wunsiedel, und gaben dabei gleichzeitig einen spannenden Ausblick auf 2015 (Foto: Hannes Bessermann/BfDT)
Am Montag, den 20. Oktober 2014, kamen rund 140 Interessierte zum Thema "Willkommenskultur statt Ausgrenzung" in der Fichtelgebirgshalle Wunsiedel zusammen, um sich auszutauschen, zu informieren und im Engagement gegen Rechtsextremismus und f├╝r eine demokratische Kultur zu vernetzen. Veranstalter des 2007 erstmals durchgef├╝hrten Forums sind das B├╝ndnis f├╝r Demokratie und Toleranz (BfDT), das Bayerische B├╝ndnis f├╝r Toleranz und die Festspielstadt Wunsiedel.

Beim diesj├Ąhrigen "Wunsiedler Forum", das sich vor allem an Verantwortliche aus Politik, Verb├Ąnden und Initiativen richtete, wurden unter anderem Praxisbeispiele aus Kommunen, Sportvereinen und Jugendarbeit vorgestellt. Au├čerdem ging es bei der Tagung um Strategien gegen die Instrumentalisierung des Fl├╝chtlings- und Asylthemas durch Rechtsextreme und Rechtspopulisten.

Welche Relevanz das Thema derzeit in Politik und Gesellschaft darstellt, lie├č sich an der hohen Zahl der Teilnehmenden und den angeregten Diskussionen erkennen. Die Stadt Wunsiedel selbst hat in den vergangenen Monaten eine gro├če Anzahl an Kontingentfl├╝chtlingen und Asylbewerber/-innen aufgenommen, wie auch andere Kommunen ├╝ber die Landesgrenzen hinaus. Daher bestand im Vorfeld der Veranstaltung ein gro├čes Interesse, die Engagierten aus den Initiativen, die sich aktiv f├╝r eine "Willkommenskultur" einsetzen, am Gespr├Ąch zu beteiligen und M├Âglichkeiten der Vernetzung zu bieten. Denn es wurde schnell deutlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Fl├╝chtlingen und Zuwander/-innen in Deutschland gr├Â├čer ist als vermutet. Vielmehr wird seitens der Engagierten erwartet, dass Staat, L├Ąnder und Kommunen sich nicht ausschlie├člich mit finanziellen Ressourcen einbringen, sondern eine angemessen Form der Anerkennung und Wertsch├Ątzung des Engagements entwickeln.

Au├čerdem ist es au├čerordentlich wichtig, M├Âglichkeiten der Begegnung zwischen den Beteiligten zu schaffen. "Wenn die Leute mit Fl├╝chtlingen in Kontakt kommen, dann revidieren sie in aller Regel schnell ihre Vorurteile", wie Dagmar Dietz aus Weismain bei Lichtenfels im Podiumsgespr├Ąch betonte, die sich zusammen mit der Gruppe "Aktive B├╝rger" um Asylbewerber/-innen in ihrer Heimatstadt k├╝mmert. Mittlerweile gibt es in dem kleinen Ort sogar eine Theatergruppe von Fl├╝chtlingen, die auf dem Wunsiedler Forum eine Probe ihres K├Ânnens darboten.

Nach dem szenischen Spiel legte der Pr├Ąsident des Bundesamtes f├╝r Migration und Fl├╝chtlinge, Dr. Manfred Schmidt, anhand aktueller Zahlen und Fakten einen pr├Ązisen Bericht der Rahmenbedingungen dar, in der sich Staat und Gesellschaft bei der Implementierung einer "Willlkommens- bzw. Anerkennungskultur" bewegen. Studien zeigen zwar, dass Deutschland mit der Integration der Einwanderer und Einwanderinnen gut vorankomme, allerdings h├Ątten 71 Prozent der Menschen aus diesen Familien bereits Diskriminierungen bei der Arbeits- oder Wohnungssuche erlebt. Auch appellierte er, dass das Potential der Menschen mit Migrationshintergrund nicht vernachl├Ąssigt werden darf. Ihnen muss das Gef├╝hl der Anerkennung und Zugeh├Ârigkeit entgegen gebracht werden.

Genau dies gelte auch f├╝r die Fl├╝chtlinge, die nach Deutschland kommen. Gegenw├Ąrtig seien es voraussichtlich 200.000 Gefl├╝chtete; im kommenden Jahr wird es nach j├╝ngster Prognose einen weiteren Zuwachs auf 230.000 Menschen geben, die ihren Erstantrag auf Asyl einreichen werden.

Im folgenden Podiumsgespr├Ąch waren sich die Diskutanten und Diskutantinnen und das Publikum einig, dass dieser Zuwachs enorme Herausforderungen mit sich bringe. Umso gespannter wurde das Programm am Nachmittag erwartet, das die Praxisphase der Veranstaltung einl├Ąutete:

In sechs Werkst├Ątten zu den Themenfeldern ├ľffentliche Kommunikation, Kommunale Praxis, Kinder- und Jugendarbeit, Kirchenasyl, Sport sowie Arbeitswelt wurden die Teilnehmer/-innen eingeladen, neue lokale Handlungsstrategien zu entwickeln. Unterst├╝tzt von Inputgebenden aus der Praxis des jeweiligen Themenfelds diskutierten die Teilnehmer/-innen gemeinsam und erarbeiteten L├Âsungen, die anschlie├čend auf der B├╝hne pr├Ąsentiert wurden. Erg├Ąnzend stellte Grit Hanneforth die Brosch├╝re "Was tun, damit`s nicht brennt?" vor. Hierbei handelt es sich um einen Leitfaden zur Vermeidung von rassistisch aufgeladenen Konflikten im Umfeld von Sammelunterk├╝nften f├╝r Fl├╝chtlinge, der ├╝ber die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus, Evangelische Akademie zu Berlin und Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin ver├Âffentlicht wurde und online abrufbar ist.

Die Teilnehmenden zeigten sich mit dem Verlauf der Veranstaltung ├Ąu├čerst zufrieden. Zugleich wurde deutlich, dass die Schaffung einer "Willkommenskultur" nur ein erster Schritt sein kann, denn vielmehr bedarf es einer Gesamtstrategie, die auch eine Praxis der Anerkennungskultur umfasst, wie Dr. Gregor Rosenthal, Leiter der Gesch├Ąftsstelle des BfDT, im Ausblick verdeutlichte: "Anerkennungskultur bedeutet, dass auf Seiten der Aufnahmegesellschaft kulturelle und religi├Âse Vielfalt als Normalit├Ąt und Ressource f├╝r gesellschaftliche Entwicklung empfunden werde. Eine gelebte und umgesetzte Willkommens- und Anerkennungskultur schl├Ągt sich in Begegnung und Dialog nieder. Sie bedeutet Chancengleichheit in Bildung und Beruf und dr├╝ckt sich in einer gesellschaftlichen und politischen Partizipation aller aus."

Die Diskutierenden waren sich einig, dass auch Migrantenorganisationen einen wichtigen Beitrag zur Etablierung einer Willkommens- und Anerkennungskultur leisten k├Ânnen und sollten daher auch zuk├╝nftig st├Ąrker in den Prozess der Meinungsbildung einbezogen werden. Das 7. Wunsiedler Forum k├Ânnte an dieser Stelle ein erster erfolgreicher Schritt gewesen sein.