09.09.2010

Integration durch Geschichte

Argentinische Multiplikatoren im Gespräch mit Berliner Initiativen gegen Antisemitismus

Im Rahmen einer vom Goethe-Institut im Auftrag des Auswärtigen Amtes organisierten Bildungsreise zum Thema „Junges jüdisches Leben in Berlin“ besuchten neun argentinische Multiplikatoren, hauptsächlich Vertreter des Bildungs- und Wissenschaftssektors, vom 28. August bis zum 5. September 2010 die deutsche Hauptstadt. Am 2. September kamen sie auf Einladung des Bündnisses für Demokratie und Toleranz (BfDT) in der Geschäftsstelle mit zwei Berliner Initiativen zusammen, die sich gegen Antisemitismus engagieren.

Das BfDT hatte die beiden Initiativen eingeladen, um den argentinischen Gästen einen Einblick in die praktische Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland zu geben und um die Arbeit des Bündnisses anhand von Praxisbeispielen zu erläutern. Eingeladen waren Franziska Ehricht vom Verein Miphgasch/Begegnung e.V. und Eike Stegen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF). Beide stellten ihre erfolgreichen und engagierten Projekte vor, für die ersteres im Jahr 2009 und letzteres im Jahr 2008 beim Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet wurde.

Miphgasch hat unter dem Projektnamen „GeschichteN teilen“ einen Dokumentenkoffer für interkulturelle Pädagogik zum Thema Nationalsozialismus entwickelt. Er bietet Archivmaterial über bisher wenig beachtete Zusammenhänge der nationalsozialistischen Geschichte wie zum Beispiel über das Schicksal der Juden in der Türkei, in Tunesien und in Griechenland während der Nazibesatzung oder über arabisch stämmige Menschen in Deutschland zu dieser Zeit. Der Koffer kann in allen Schultypen ab Klasse 9 verwendet werden. Eike Stegner von ASF erläuterte das Projekt „Stadtteilmütter auf den Spuren der Geschichte“ in Berlin-Neukölln, das von dem Verein unterstützt wird. Die Stadtteilmütter kommen regelmäßig zusammen, um soziale Projekte durchzuführen. Bei diesen Treffen stellten die türkischen und arabischen Frauen fest, dass sie nur lückenhafte Kenntnisse des Nationalsozialismus und Holocausts in Deutschland mitbrachten. Der Wunsch, ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen, kam von den Müttern selbst, die durch Nachfragen ihrer Kinder immer wieder mit diesem Abschnitt deutscher Geschichte in Berührung gebracht werden. Im Jahr 2006 entwarfen sie daher gemeinsam mit ASF ein dreimonatiges Programm, das Gedenkstättenbesuche, Unterricht, Zeitzeugengespräche und weitere Aktivitäten zum Inhalt hatte. Am Ende konnten die Frauen ein intensives Wissen über die Zusammenhänge während des Dritten Reiches mitnehmen und dadurch ein besseres Verständnis für die aktuellen gesellschaftlichen Zusammenhänge in Deutschland erlangen.

Beide Projekte wurden von den argentinischen Besuchern sehr positiv aufgenommen und mit vielen Fragen bedacht. Insbesondere die Tatsache, dass das Interesse an der deutschen Geschichte und dem Thema Antisemitismus auch unter Menschen mit Migrationshintergrund sehr groß ist, stieß auf positive Überraschung. Stegner und Ehricht verdeutlichten, dass das Interesse in der Tat größer sei, als viele deutschstämmige Menschen erwarteten, und dass es daher vor allem darauf ankomme, Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft in Deutschland Informationen zur Geschichte individuell zugänglich zu machen. Indem sich der Dokumentenkoffer von Miphgasch nicht allein auf die deutsche Perspektive der Geschichte konzentriere, sondern auch den Blick auf die Herkunftsländer der SchülerInnen richtet, wird der Geschichtsunterricht persönlich erfahrbarer. Auch das auf die Stadteilmütter zugeschnittene Geschichtsprogramm von ASF ermögliche es ihnen, einen eigenen Zugang zur deutschen Geschichte zu finden und fördere somit den Integrationsprozess.

Dr. Gregor Rosenthal, Geschäftsführer des BfDT, erläuterte den argentinischen BesucherInnen die Arbeitsweise und Aufgabenfelder des BfDT. Auch hier zeigten sie sich beeindruckt davon, dass die Zivilgesellschaft in Deutschland einen eigenen staatlichen Ansprechpartner hat, der sich für ihre Belange einsetzt. Nach einem rund zweistündigen intensiven Austausch endete das produktive Gespräch. Weitere Stationen der Themenreise der Argentinier waren Besuche der Topographie des Terrors und der Gedenkstätte Dachau sowie Gespräche mit Stephan Kramer, dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland und weiteren Vertretern jüdischen Lebens in Berlin.