09.04.2010

Hörpol – Eine Reise in die Vergangenheit und zurück

AudiofĂĽhrung durch das Berliner Scheunenviertel

Foto: Isaak Behar, Botschaftter für Demokratie und Toleranz, und Hans Ferenz, Macher von "Hörpol" (Heidi Scherm)Foto: Isaak Behar, Botschaftter fĂĽr Demokratie und Toleranz, und Hans Ferenz, Macher von "Hörpol" (Heidi Scherm)
Foto: Schauspieler des Gripstheaters Studio bei der "Hörpol"-Produktion (Hörpol)
Logo: "Hörpol"
Die Sonne spiegelt sich auf dem Wasser der Spree, leichte Wellen plätschern an das Ufer an der Tucholskystraße. Aus dem Kopfhörer des mitgebrachten Mp3-Player tönt es: „So ein Kuss kommt von allein, nur verliebt muss man sein…“, gesungen von Schauspielern des Gripstheaters. Gleich darauf berichtet Zeitzeugin Ursula Zobel von den „Flirts und Liebeleien“ ihrer Jugend. Das Spreeufer muss damals ein Anziehungspunkt für Verliebte jeder Konfession und Kultur gewesen sein – vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten.

Was aus dem Kopfhörer kommt, ist die Audioführung „Hörpol“ und der schöne Aussichtspunkt ihre erste Station, wenn man vom S-Bahnhof Friedrichstraße aus startet. Durch das gesamte Scheunenviertel ziehen sich die insgesamt 27 Stationen, die man mit „Hörpol“ entdecken kann. „Hörpol“ ist das Projekt von Hans Ferenz, der die Audioführung, auch, aber nicht nur für Jugendliche konzipiert und produziert hat. Er hat dafür unzählige Unterstützer und Förderer gewonnen. Die einzelnen Hörbeiträge für die Stationen wurden von den unterschiedlichsten Menschen erarbeitet. Zeitzeugen, Schüler, Künstler, Politiker und Wissenschaftler nähern sich jüdischer Geschichte, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit früher und heute.

Denn das Scheunenviertel blickt auf eine lange jüdische Tradition zurück. Die ersten Häuser jüdischer Siedler und die erste jüdische Gemeinde gehen auf das Jahr 1671 zurück und wurden hier gegründet. 1933 betrug die Zahl der jüdischen Einwohner zehn Prozent. Auch heute noch finden sich viele Spuren jüdischen Lebens in der Gegend um die Synagoge in der Oranienburgerstraße. „Hörpol“ tastet sich an diese Spuren heran. Es geht vorbei an der jüdischen Oberschule, einem jüdischen Friedhof und dem ehemaligen jüdischen Kinderheim „Ahawa“, hebräisch für „Liebe“. „Hörpol“ erzählt zu jeder Station Geschichten von Wahnsinn und Lüge, Hass, Verzweiflung, aber auch von Hoffnung, Mut, Respekt und Freiheit. Zum Beispiel die Geschichte von Inge und Kristina Schoubye: Die Großmutter und die Enkelin berichten über ihren Alltag als Jugendliche, 1943 und heute. Oder von Isaak Behar, dem Holocaustüberlebenden und BfDT-Botschafter für Demokratie und Toleranz. Das ehemalige jüdische Altersheim in der großen Hamburger Straße ist der Ort, an dem sich sein Schicksal entschied. Im Hörbeitrag „Geschenk“ erzählt er von seiner Begegnung mit einer „uralten“ Frau im Sammellager für Berliner Juden, zu dem das Altenheim umfunktioniert worden war. Sie war es, die ihm mit ihrem letzten Ersparten einen Passierschein besorgte und so die Flucht ermöglichte – und selbst im Sammellager blieb.

Längst haben Touristenführer das Scheunenviertel als begehrtes Ziel entdeckt, dem jüdischen Leben gestern und heute nachzuspüren. Doch „Hörpol“ unterscheidet sich von den anderen Touristenführungen in Berlin. Die Beiträge zu den Stationen wurden von ihren unterschiedlichen Machern auf ganz individuelle, kreative Weise produziert. Die Station „TOOOR!“, die sich mit der jüdischen Tradition des deutschen Fußballs befasst, klingt zum Beispiel wie eine Liveübertragung aus dem Stadion. Während man den „Reportern“ lauscht, kann man den Nachwuchskickern beim Fußballspielen zusehen – Geschichte und Gegenwart überlagern sich. In „Anpinkeln“ schildern Schüler der Martin-Buber-Oberschule von Demütigungen und Angriffen auf Juden im Nationalsozialismus und in den letzten Jahren – in Form einer Nachrichtensendung. Auch die Jugendlichen selbst kommen mit ihren Anliegen zu Wort, sprechen über Liebe, Freundschaft und ihren multikulturellen Alltag. Sie werfen immer wieder auch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, in der Gewalt und Rassismus keine Chance haben sollen.

„Hörpol“ ist ein sinnliches Erlebnis, bei dem Gehörtes und Geschautes, Geschichte und Gegenwart einander so nahe kommen wie selten. Das Beste dabei ist: Wer „Hörpol“ mitmachen möchte ist ganz unabhängig von Touristenführern und Reiseleitern. Denn „Hörpol“ gibt es kostenlos mit Stadtplan, allen Audiodateien und den nötigen Informationen im Internet zum Interner LinkDownloaden. Für interessierte Schulklassen und Lehrer stehen außerdem jede Menge Materialien bereit, so dass „Hörpol“ auch als Ausflugs- oder Projekttag geplant werden kann.


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