05.08.2009

Stadtteilm├╝tter auf den Spuren der Geschichte

Foto: Besuch der Stadtteilmütter in Ravensbrück (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)Foto: Besuch der Stadtteilm├╝tter in Ravensbr├╝ck (Aktion S├╝hnezeichen Friedensdienste)
Von Jutta Weduwen (Aktion S├╝hnezeichen Friedensdienste)

Spricht man von Migrantinnen aus Neuk├Âlln, assoziieren viele Menschen zun├Ąchst kopftuchtragende, bildungsferne Musliminnen, die an einer Integration in die deutsche Gesellschaft wenig Interesse haben. Vielen kommt noch die R├╝tlischule in den Sinn, eine Neuk├Âllner Hauptschule, die ├╝berwiegend von Jugendlichen mit Migrationshintergrund besucht wird und vor drei Jahren durch die Medien ging. LehrerInnen hatten in einem Brandbrief auf die Gewalt an der Schule hingewiesen. Man stilisierte Bilder von arbeitslosen V├Ątern, ├╝berforderten M├╝ttern, kriminellen S├Âhnen und T├Âchtern, die zwangsverheiratet werden.

Wir haben in unseren Bildungsprogrammen andere Neuk├Âllner Migrantinnen kennen gelernt. Im vergangenen Jahr f├╝hrte Aktion S├╝hnezeichen Friedensdienste zum dritten Mal Seminarreihen mit Stadtteilm├╝ttern durch. Die Stadtteilm├╝tter sind Frauen mit Migrationshintergrund, die in einem sozialen Brennpunkt Neuk├Âllns leben und von der Diakonie Neuk├Âlln-Oberspree zu Familienberaterinnen ausgebildet werden. Sie traten mit dem Wunsch an uns heran, gemeinsame Seminare zum Thema Nationalsozialismus zu entwickeln. Daraus entstand das Kooperationsprojekt ÔÇ×Stadtteilm├╝tter auf den Spuren der GeschichteÔÇť. Im Projektbereich Interkulturalit├Ąt widmet sich Aktion S├╝hnezeichen Friedensdienste der Bedeutung von Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft.
Die Programme erstreckten sich jeweils ├╝ber einen Zeitraum von einigen Monaten und umfassten zehn Termine und eine Wochenendfahrt. Wir besuchten gemeinsam Gedenkst├Ątten, trafen ZeitzeugInnen, die als Verfolgte den Holocaust ├╝berlebt haben, setzten uns mit der T├Ąterseite in Filmen und Dokumenten auseinander und versuchten auch die Motivation der Mitl├Ąufer nachzuvollziehen. Einen wichtigen Stellenwert nahm die Auseinandersetzung mit den Biografien der Stadtteilm├╝tter selbst ein: Geschichten der Migration, der Flucht, der B├╝rgerkriege in den Herkunftsl├Ąndern und des Lebens in der deutschen Einwanderungsgesellschaft.

Die teilnehmenden Stadtteilm├╝tter kommen in der ersten, zweiten oder dritten Generation aus der T├╝rkei, Sri Lanka, Nordirak, Polen, Eritrea, Algerien, dem Libanon und Kosovo. Einige haben in ihren Herkunftsl├Ąndern B├╝rgerkriegserfahrungen gemacht, die zur Flucht nach Deutschland f├╝hrten. Die Stadtteilm├╝tter wollten an einem wichtigen historischen Diskurs teilhaben, der in dem Land eine Rolle spielt, dessen B├╝rgerinnen sie sind. Sie wollten verstehen, wie der Nationalsozialismus funktionieren konnte, ob und wo es Kontinuit├Ąten gibt und wo die Geschichte noch heute sichtbar und sp├╝rbar ist. Es gab ein gro├čes Interesse daran, sich generell mit den Mechanismen von Ausgrenzung, Verfolgung und V├Âlkermord zu besch├Ąftigen. Die meisten Frauen wussten sehr wenig ├╝ber den Holocaust, da sie das Thema weder in der Schule behandelt hatten, noch Zugang zu Dokumenten hatten, die ihnen Auskunft ├╝ber die Zeit des Nationalsozialismus geben konnte. Einige Teilnehmerinnen interessierten sich auch daf├╝r, wie die Geschichte die Beziehungen ihrer Herkunftsl├Ąnder zu Deutschland beeinflusst, besonders deutlich wurde dies am deutsch-polnischen Verh├Ąltnis. Der ├ťberfall Nazideutschlands auf Polen liegt inzwischen siebzig Jahre zur├╝ck, die Auswirkungen sind dennoch an vielen Stellen noch sp├╝rbar und waren auch im Seminar pr├Ąsent. Eine Teilnehmerin polnischer Herkunft war besonders im Haus der Wannseekonferenz sehr ergriffen, als dort verdeutlicht wurde, wie die Vernichtung der europ├Ąischen Juden von den Nazis ├╝berwiegend ins besetzte Polen verlagert wurde.

Wir waren immer wieder ber├╝hrt von der ernsthaften und mitf├╝hlenden Auseinandersetzung, mit der die Frauen die schwierigen Themen der Seminare verfolgten. Wir haben in ├Ąhnlichen Seminaren selten Teilnehmerinnen erlebt, die mit solch einer Begeisterung, Neugierde und Empathie gelernt haben, was sich vor allem in Gespr├Ąchen mit Holocaust├╝berlebenden zeigte. Die Frauen brachten einen gro├čen Bildungshunger mit, der sich nicht nur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ausdr├╝ckte, sondern sich auf allgemeine menschliche, historische, religi├Âse, gesellschaftliche und politische Fragen bezog.

Eine Stadtteilmutter fasste ihre Erfahrungen des Seminars so zusammen: ÔÇ×Es war das traurigste Seminar, das ich in meinem Leben besucht habe. Und gleichzeitig hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Durch das Seminar ist mein Interesse an Politik und Geschichte gewachsen. Ich bin wach geworden, m├Âchte mehr wissen, mehr lesen, mehr erfahren und mehr verstehen.ÔÇť

Weitere Infos unter Interner Linkwww.asf-ev.de!