28.07.2015

Botschafterin für Demokratie und Toleranz 2015: Meral Sahin

Das Birlikte-Fest
Meral Sahin ist seit 2013 Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße e.V. in Köln-Mülheim mit ca. 70 Mitgliedern. Die Keupstraße ist eine lebendige Wohn- und Einkaufsstraße in Köln, die von türkischstämmigen Zuwanderern geprägt ist. Im Juni 2004 explodierte vor einem Friseurgeschäft eine Nagelbombe des rechtsextremistischen NSU. 
Ein Höhepunkt der Arbeit des Vereins war das dreitägige „Birlikte"-Fest 2014. Frau Sahin war zusammen mit der Stadt Köln an der Organisation des Festes beteiligt. Die mehrtägige Veranstaltung richtete sich gegen Rassismus und warb für ein Miteinander. „Birlikte“ heißt auf Deutsch „Zusammenstehen“ und bildete das Motto der Veranstaltung. 2015 gab es eine Fortsetzung.

Interview mit Meral Sahin



Aus welchem Anlass wurde die Interessengemeinschaft Keupstraße e.V. gegründet? Aus welcher persönlichen Motivation heraus engagieren Sie sich?
Die Interessengemeinschaft Keupstraße wurde gegründet, um die Wirtschaftlichkeit in der Straße anzukurbeln, aber auch um Problematiken wie Diskriminierung und Rassismus anzusprechen.
Meine Motivation kam 2006, also 2 Jahre nach dem Bombenanschlag, als sich der Zustand in der Straße immer weiter verschlimmerte. Die Wirtschaftlichkeit sank und die Angst der Menschen wurde immer größer. Mit der Überzeugung, dass etwas gemacht werden musste, trat ich dann damals  in die Interessengemeinschaft ein und wurde prompt die 2. Vorsitzende.

Wie ist das Zusammenleben in der Keupstraße heute? Was hat sich seit dem Anschlag und nach dem Bekanntwerden des rechtsextremen Hintergrunds verändert?
Es hat sich eine Menge geändert. Nach dem Anschlag gab es von der Keupstraße ein negatives Bild: von außen wollte keiner rein, weil die Menschen Angst hatten wegen des Bombenanschlags. Es hieß ja auch damals, die Straße würde sich selbst bekriegen und es wurden Aussagen gemacht, dass es zu dem Anschlag wegen Bestechungsgeldern und Bandenkriminalität in der Straße kam. Die Straße selbst war sich 100% sicher, dass es sich um einen rassistischen Anschlag handelte, denn die Bombe wurde wahllos einfach auf der Straße deponiert. Das heißt, dass Passanten, die zufällig gerade auf der Straße waren, eben hauptsächlich Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, betroffen waren. Als 2011 bekannt wurde, dass es sich tatsächlich um einen rassistischen Anschlag handelte, gab es ein ganz großes Aufatmen auf der Keupstraße.
Botschafterin für Demokratie und Toleranz: Meral SahinBotschafterin für Demokratie und Toleranz: Meral Sahin
Es gab wieder erste Hoffnungen, dass das schlechte Image bereinigt wird und dass wir wieder eine Straße mitten in Köln werden. Wir haben uns dann auch untereinander vernetzen können und haben Freundschaften aufgebaut und gemeinsam ein Festival auf die Beine gestellt.

Woher kam die Idee für das „Birlikte"-Fest? Mit welchen Akteuren aus Zivilgesellschaft, Politik und Religion kooperierten Sie dabei?
Das „Birlikte“-Fest war eigentlich schon lange im Interesse der Straße, schon seit 2010 versuchen wir es zu veranstalten. Es hat aber damals nicht so gut gefruchtet, weil wir nicht gut vernetzt waren. Erst durch die Zusammenarbeit mit Schauspiel Köln, die ein Theaterstück über die Keupstraße und die Geschehnisse hier machen wollten, konnten wir uns richtig vernetzen und das Festival so groß werden.
Natürlich hat auch die Stadt Köln geholfen, aber durch das Engagement von Schauspiel Köln haben alle weiteren Akteure den Anreiz bekommen, sich auch zu beteiligen.

Haben sich Ihre Erwartungen an das „Birlikte – Zusammenleben“-Fest 2015 erfüllt?
Absolut, mehr als das. Ich bin überaus glücklich, es hat sogar besser funktioniert als 2014. Ich dachte, dass das letzte Jahr nicht zu toppen sei, aber es ging sogar noch einen Schritt weiter: 80.000 Besucher, die alle interessiert und gleichgesinnt sind – das hat man einfach an der Atomsphäre gespürt. Man kriegt eigentlich Angst, es nochmal zu veranstalten, weil man denkt, es kann nicht schöner werden, aber siehe da: 2015 war noch besser. Dadurch wird die Erwartungshaltung für die nächsten Jahre immer größer und es entsteht ein Druck. Aber ich bin jederzeit bereit, meine ganze Kraft darin zu investieren, weil es das definitiv wert ist.

Welche Visionen haben Sie für die Zukunft?
Es wäre schön, wenn das „Birlikte“-Fest nicht nur in der Keupstraße stattfinden würde, sondern in ganz Deutschland. Wenn wir es schaffen würden, zur gleichen Zeit in x-Städten und x-Sprachen gleichzeitig „Birlikte“ zu veranstalten. Es wäre toll, wenn Menschen überall in Deutschland daran teilnehmen könnten und man die Leute auffordern könnte, gemeinsam gesellschaftlich zu denken. Das, was auf dieser Straße hier passiert ist, betrifft nicht nur uns, sondern ganz Deutschland. Man sollte also gemeinsam ein Zeichen dagegen setzen, sich den immer größer werdenden Problemen nicht zu entfremden, sondern dagegen lenken.

Für ihren beeindruckenden ehrenamtlichen Einsatz zeichnete das Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) Frau Meral Sahin am 23. Mai 2015 beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes als Botschafter für Demokratie und Toleranz aus.

Einen Film über Meral Sahin als Botschafterin für Demokratie und Toleranz 2015 finden Sie Interner Linkhier.