15.10.2012

„Dorfakademie“ Höhenland

Interview mit Ingrid Seiffarth

Der Verein LandblĂŒte e.V. hat im Jahr 2009 in dem Brandenburgischen Dorf Höhenland die „Dorfakademie Höhenland“ gegrĂŒndet.
Weil insbesondere Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien im lĂ€ndlichen Raum kaum Möglichkeiten haben, an Bildungs-, Sport- und Kulturveranstaltungen der umliegenden StĂ€dte teilzunehmen, bietet die „Dorfakademie“ ein Programm mit Workshops, Trainings und Projektarbeit fĂŒr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, mit dem die fehlenden Bildungs- und Freizeitangebote des Dorfes kompensiert werden. 
Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten einen Studierendenausweis, der nach jeder Vorlesung abgestempelt wird. Wenn sie mindestens sechs Vorlesungen und Workshops besucht haben, erhalten sie ein „Diplom“.
Frau Ingrid Seiffarth beantwortete uns Fragen rund um die Dorfakademie. 

Wie begann Ihre Arbeit im Jahr 2009?



Ingrid Seiffarth
Die Dorfakademie Höhenland ist aus Weiterbildungsangeboten entstanden. Wir haben anfangs Weiterbildungen fĂŒr junge Erwachsene und Erwachsene angeboten. 2009 haben wir festgestellt, dass die etwas JĂŒngeren auf der Strecke bleiben. Deshalb haben wir uns ĂŒberlegt, wie wir diese Altersgruppe mal an einen Tisch bekommen könnten.

Wir sind zwar ein eingetragener Verein und freier TrÀger der Jugendhilfe aber unser Problem war die Finanzierung.
Also haben wir unsere ungenutzten Potentiale, also unsere Nachbarn, Freunde und ansĂ€ssige Firmen gefragt, ob sie uns als Dozenten fĂŒr eine Dorfakademie zur VerfĂŒgung stehen.
Das hat großartig funktioniert. Ich nenne einfach mal ein Beispiel: Wir haben einen Rechtsanwalt in unmittelbarer NĂ€he. Er hat ĂŒber Kinderpflichten und -rechte in der Schule und zuhause referiert. Das Ganze ist in der Regel unentgeltlich, bis auf wenige Ausnahmen, in denen wir Fahrtkosten bezahlen, wenn jemand von weiter herkommt.

Es war also ausschlaggebend fĂŒr das Projekt Dorfakademie, dass es fĂŒr die JĂŒngeren kaum Angebote gab?



Ingrid Seiffarth
Richtig. Die nÀchste Kreisstadt ist zwar nur 11 km entfernt, die Kinder gehen aber in der Regel in die Ganztagsschule im Umland, die geht bis 16.30 Uhr. Bis sie Zuhause sind ist der Bus um 17 Uhr in die Kreisstadt schon abgefahren und die letzte Möglichkeit aus der Kreisstadt wieder nach Hause zu kommen ist der Bus um 19.00 Uhr.
Das heißt, vor allem die jungen Erwachsenen, die an die Volkshochschule wollen, weil sie beispielsweise arbeitslos sind und sich irgendwie weiterbilden möchten, die kommen hier nicht weg. Die Dorfakademie gibt es auch, damit sich diese jungen Menschen weiterbilden können, so wie sie Lust und Laune haben und es ihnen Spaß macht. Spaß ist uns nĂ€mlich sehr wichtig. Kinder und Jugendliche sollen etwa lernen ohne zu merken, dass sie lernen, d.h. es gibt sehr viele Workshops, bei denen sie experimentieren können.

Ein weiteres großes Ziel war die Einbindungen der Kinder und Jugendlichen in den Prozess der Demokratie. Hier ein Beispiel:
Am Kindertag haben Erwachsene sich gefragt, wie wir denn den Kinder der Umgebung eine Freude machen könnten. Aber die Mitglieder unserer Initiative haben zuallererst die Kinder und Jugendlichen gefragt: „Was wĂŒrde euch denn Spaß machen?“ Und: „Wo wollt ihr euch einbringen?“

So haben sich die Kinder und Jugendlichen beraten, haben drei aus ihrer Mitte gewÀhlt und die gingen zur Gemeindevertretung. Dort haben sie ihre Ideen vorgeschlagen und erklÀrt, wo sie sich behilflich machen können.

Im Jahr 2011 hatte das Projekt Dorfakademie ĂŒber 1.000 Teilnehmer. Was ist der aktuelle Stand?



Ingrid Seiffarth
Das ist schon lange ĂŒberholt.
Also, in diesem Jahr waren alleine bei den Ferienspielen in sechs Wochen 728 Kinder bei uns.

Dann kam noch ein Projekt hinzu, das heißt „KrĂ€uter und mehr... Schule im GrĂŒnen“. Im Rahmen dieses Projekts gehen wir in die Schulen oder die Schulen kommen zu uns und wir lehren den Kindern das alte Wissen ĂŒber KrĂ€uter, gehen in den Wald und ĂŒber Wiesen, suchen alles zusammen und bestimmen die KrĂ€uter.
Wir machen uns dann daraus fĂŒr das Mittagessen Pesto oder wir gehen zum Bauern und holen frische Eier. So sehen die Kinder, was man verwenden kann und wie toll es schmeckt.

In diesem Jahr hatten wir ungefÀhr 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Es ist unglaublich.

Wenn die Kinder an 6 Seminaren oder Workshops teilnehmen, bekommen sie ein Diplom, was muss man sich darunter vorstellten?



Ingrid Seiffarth
Das ist natĂŒrlich als kleine Belohnung gedacht. Wer sich einbringt und anwesend ist, der will ja auch etwas mit nach Hause nehmen können. Das Diplom ist auch auf stĂ€rkeres Papier gedruckt und richtig hĂŒbsch. „FĂŒr deinen Einsatz“ steht auf dem Diplom. Es ist eine Anerkennung fĂŒr die Leistung, die sie ja in der Tat vollbracht haben.
Die Jugendlichen, die mit 12 bei uns angefangen haben, sind mittlerweile schon 15 oder 16 Jahre alt und haben nicht mehr so großes Interesse an den Seminaren und Angeboten fĂŒr die Kleinen. DafĂŒr engagieren sie sich und halten selbst Seminare fĂŒr die JĂŒngeren.

Das Kursprogramm wird von Ehrenamtlichen realisiert. Was sind das fĂŒr Menschen, die sich ehrenamtlich bei Euch engagieren? Gibt es eine gewisse Altersstruktur?



Ingrid Seiffarth
Bei uns kann sich prinzipiell jeder engagieren. Aber es ist so, dass bei uns eine Altersgruppe fehlt. Das sind Menschen zwischen 22 und 35 Jahren. Warum fehlen die uns? Die JĂŒngeren sind in der Ausbildung und hier sind keine Betriebe, das heißt, sie sind irgendwo außerhalb. Und bleiben in der Regel auch da. Das ist das große Problem, das jeder auf dem Land hat.
In der Regel engagieren sich Frauen, wir haben nur wenige MĂ€nner und die meisten Engagierten sind zwischen 35 und ĂŒber 60 Jahren.

Wie macht ihr potentielle Ehrenamtliche auf euch aufmerksam?



Ingrid Seiffarth
Man muss auf sie zugehen. Man muss zu den Menschen sagen: „Sag mal du machst doch das und das“, „Hast du nicht mal Lust?“, „Die Kinder wĂŒrden sich freuen.“ und „Du hast doch ein Enkelkind, bring das doch mit“.
Wenn ich weiß, dass die Leute noch ein Jahr bis zur Rente haben, dann stehe ich vor der TĂŒr. Und fĂŒr die ist das auch sehr wichtig. Sie fallen dann in ein Loch und hier ist ja nichts... Wir haben hier keine Kneipe, kein Nichts. Nicht einmal einen Treffpunkt. Es gibt nur unseren Verein und da sorgen wir natĂŒrlich dafĂŒr, dass es Kaffee und Kuchen gibt oder dass es ein Spieleabend fĂŒr Erwachsene stattfindet. Die Orte, an denen sich frĂŒher alle Leute getroffen haben, etwas miteinander gemacht haben, die sind alle weg.

Gibt es gerade aktuelle Neuerungen, Veranstaltungen oder Events in der Dorfakademie?



Ingrid Seiffarth
Wir bauen in diesem Jahr um. Mit neuer Heizung, Wasserleitungen, Elektrik, Toilette, KĂŒche und wenn das fertig ist, dann wollen wir ab dem nĂ€chsten Jahr ein Projekt machen, das heißt „Wegweiser 17+“.

Wir haben hier viele Jugendliche die noch nicht wissen, wohin mit sich und wir haben die Idee Handwerksunternehmen und kleine Unternehmen der Region zu bewegen, zu uns zu kommen. Sie können ihre Firmenphilosophie, ihre Ausbildung und ihre Firmenstrategie vorstellen. Es sollte sich dann fĂŒr die jungen Leuten die Möglichkeit bieten, mal in der Firma vorbei zu kommen und sich alles vor Ort anzuschauen. Wir passen unser Seminarprogramm dann den jeweiligen Erfordernissen der Firmen an die jungen Menschen an. Als in diesem Jahr ein FahrradhĂ€ndler seinen Beruf vorstellte und die Jugendlichen sich selbst an FahrrĂ€dern ausprobieren durften, hat sich ein Junge besonders geschickt angestellt. Er kann in diesem Betrieb im nĂ€chsten Jahr sein Praktikum machen.

Zum Abschluss möchte ich gerne noch etwas sagen. Wir haben so viele UnterstĂŒtzer, die meisten von ihnen arbeiten und engagieren sich in ihrer Freizeit bei uns. Es ist bei Weitem nicht ausreichend sich bei ihnen zu bedanken, aber man sollte ihnen Anerkennung schenken.
Wir waren im letzten Jahr bei Herrn Gauck eingeladen, sowohl als Verein, als auch als Privatpersonen, das war schon eine riesige Anerkennung und UnterstĂŒtzung.

Aber in der Gemeinde ist es immer noch ein bisschen zu wenig. Hier wĂŒnschte man sich manchmal etwas mehr Beachtung und Anerkennung. Wir laden die Gemeindevertreten immer zu unseren Sitzungen ein, aber es war bisher noch keiner der Verantwortlichen dabei.
Das Engagement ist sehr wichtig fĂŒr die Gemeinde, damit man weiß, wo es hingeht.

Auch ohne unseren vielen Kooperationspartner wÀre das alles nicht möglich.

Interner Linkhttp://vereinlandbluete.de/