16.06.2009

Rede des Beiratsmitglieds Ingo Weiss fĂĽr das BĂĽndnis fĂĽr Demokratie und Toleranz zum Festakt zum Tag des Grundgesetzes am 24. Mai 2009 in Berlin

Foto: Ingo Weiss; Dagmar Stratenschulte
Es gilt das gesprochene Wort!


Sehr geehrte Frau Bundesministerin Zypries,
sehr geehrter Herr Bundesminister Dr. Schäuble,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestages und verschiedener Landesparlamente,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Beirat,
sehr geehrte Gäste des Festakts,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Jugendkongresses,

ich bin der Bitte, Ihnen heute als Beiratsmitglied die Arbeit und Aktivitäten des Bündnisses für Demokratie und Toleranz vorzustellen, gerne nach gekommen. Es ist für mich eine große Ehre und zugleich auch eine Chance, als Vertreter des Sports einige Gedanken vorzutragen, die mich zum Themenkomplex Demokratie, Toleranz und soziale Integration in unserer Gesellschaft in diesen Tagen bewegen. Ich bin ehrenamtlich als Vorsitzender der Deutschen Sportjugend Mitglied des Präsidiums des Deutschen Olympischen Sportbundes und Präsident des Deutschen Basketball-Bundes. Beide Organisationen kooperieren seit einigen Jahren erfolgreich mit dem Bündnis.

Im Beirat des Bündnisses vertrete ich also die Zivilgesellschaft. Wir sind insgesamt 21 Kolleginnen und Kollegen in diesem Gremium. Vertreten sind dort neben der Zivilgesellschaft die Gründungsressorts und alle Fraktionen des Deutschen Bundestages, Wirtschaft und Wissenschaft. Der Beirat tritt bis zu viermal jährlich zusammen, um die Schwerpunkte der Arbeit des Bündnisses festzulegen.

Die konzeptionelle und inhaltliche Planung und Umsetzung der Arbeit liegt in den Händen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Bündnisses, die sich mit großem Engagement und fundierter Sachkenntnis für die Belange des Bündnisses einsetzen. Dafür möchte ich mich im Namen des Beirats ganz herzlich bei Ihnen, dem Geschäftsführer des Bündnisses, Herr Dr. Rosenthal, bedanken. Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die tragenden Säulen des Bündnisses, ohne die eine erfolgreiche Arbeit nicht möglich wäre.

Anrede,
Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird von vielen Faktoren bestimmt, und nicht überall funktioniert es konfliktfrei. Aktuell spüren wir die ersten Auswirkungen einer großen weltweiten wirtschaftlichen Krise, die alle Lebensbereiche und den Alltag erfasst und sicherlich auch den sozialen Zusammenhalt belasten wird. Sie zu bewältigen - ökonomisch und sozial – wird eine große Kraftanstrengung erfordern. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingen wird. Ich bin deshalb zuversichtlich, weil ich weiß und tagtäglich erfahre, dass es viele Menschen gibt, die bereit sind, sich zu engagieren und Verantwortung für das soziale Miteinander zu übernehmen – auch jenseits der Organisationen, Berufe und Zuständigkeiten, in die der Einzelne eingebunden ist.

Natürlich trifft das nicht auf alle Mitglieder unserer Gesellschaft zu. Es gibt verstärkt auch die Tendenz, sich vor den wachsenden Anforderungen einer komplexer werdenden Gesellschaft zurück zu ziehen, in die „innere Emigration“ zu gehen, Realität überwiegend virtuell wahrzunehmen und sich – überzeichnet dargestellt – im wahrsten Sinne des Wortes „einzuigeln“. Darüberhinaus gibt Kräfte, die Unzufriedenheiten schüren und für ihre Zwecke missbrauchen und daraus folgend die demokratischen Grundwerte in Frage stellen.

Um die verschiedenen gegenläufigen Kräfte ausgleichen zu können, ist aus meiner Sicht eine Voraussetzung von zentraler Bedeutung: es muss attraktive Orte und Gelegenheiten geben, sich real von Mensch zu Mensch zu begegnen, um sich kennen zu lernen, auszutauschen, Unterschiede zu erkennen und Gemeinsamkeiten herauszufinden.

Diese Orte ermöglichen es, Zusammenhalt zu erfahren und geben dadurch auch dem Einzelnen Halt. An diesen Orten werden Haltungen und Orientierungen (weiter-)entwickelt und konkrete Mitwirkungsmöglich-keiten an der Gestaltung des jeweiligen sozialen Umfeldes eröffnet. Wissenschaftliche Studien belegen, dass menschenfeindliche Einstellungen bei Jugendlichen umso weniger verbreitet sind, je mehr konkrete Beteiligungsmöglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen. Ich bin davon überzeugt, dass ein zentraler Grund für die Erfolgsgeschichte - und die nach wie vor große Zugkraft - des organisierten Sports darin zu sehen ist, dass er Gemeinschaften bildet, die sich selbst organisieren, gemeinsam Ziele entwickeln und auf diesem Wege eben auch ein breites Feld für Beteiligung am gesellschaftlichen Leben eröffnen.

Diese Zusammenhänge begründen das zentrale Ziel des Bündnisses für Demokratie und Toleranz, Beteiligungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu fördern und das große Anliegen des organisierten Sports, in dieser Gemeinschaft seine vielfältigen Möglichkeiten aus einer langen demokratischen Tradition heraus dafür verstärkt zu nutzen.

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz, vor nunmehr neun Jahren von der Bundesregierung gegründet, sieht sich vor allem als „zentraler Ansprechpartner und Impulsgeber der Zivilgesellschaft“. Es erfüllt diese Aufgaben von Beginn an dadurch, dass es gesellschaftliche Problemlagen aufgreift und die handelnden Akteure zusammenbringt oder sie als „Task Force“ vor Ort konkret bei der Bewältigung von Einzelfällen unterstützt. Aus seiner spezifischen, an den Aufgaben gewachsenen Kompetenz heraus, gibt das Bündnis entscheidende Impulse für Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung.

Ich möchte diese Funktionsweise des Bündnisses gerne anhand von einigen Beispielen exemplarisch erläutern, detaillierte Informationen finden Sie im vorliegenden Geschäftsbericht.

Als Beispiel für die besondere Rolle des Impulsgebers und für eine gelungene regionale Vernetzung kann die bundesweite Veranstaltung „Vereine stark machen – was tun gegen Rassismus und Diskriminierung im Amateurfußball?“ gelten, die im November 2007 in Halle stattfand. Diese Veranstaltung wurde gemeinsam mit der Koordinationsstelle für Fanprojekte – KOS, die bei der dsj angesiedelt ist sowie dem dsj-Projekt „Am Ball bleiben“ durchgeführt und war ein Impuls, um das Problembewusstsein in Fußballvereinen zu stärken, und gleichzeitig erste Lösungsansätze zu erarbeiten. Aufgrund der Anregung verschiedener Teilnehmer wurde das Konzept auf regionaler Ebene fortgeführt. Von November 2008 bis Februar 2009 fand die sehr erfolgreiche Regionaltour „Vereine stark machen“ in Zusammenarbeit mit DFB, seinen Landesverbänden, der dsj und dem Bündnis für Demokratie und Toleranz statt. Die vier Veranstaltungen dienten über dem inhaltlichen Impuls hinaus auch der regionalen Vernetzung von Akteuren aus Fußballvereinen und Initiativen jenseits des Sports.

Ein weiterer Schwerpunkt im vergangen Jahr war das Engagement des Bündnisses im Bereich Gewaltprävention. In der Veranstaltung „Mut gegen Gewalt – Prävention im Quartier“, die im November 2008 gemeinsam mit der Stadt Bremerhaven durchgeführt wurde, konnten eine ganze Reihe vorbildlicher Projekte vorgestellt werden.

Unter anderem „Balu und Du e.V.“, ein Kölner Mentorenprogramm für Grundschüler, oder das „Braunschweiger Modell“, das die gezielte Vernetzung von verschiedenen Maßnahmen zur Gewaltprävention zum Ziel hat. Diese Beispiele sind als Best-Practice-Modelle zu verstehen und konnten mit einem Blick auf Transfermöglichkeiten in der damaligen Veranstaltung reflektiert und für zukünftige Maßnahmen aufgearbeitet werden.

Desweiteren lag in 2008 eine der Haupttätigkeiten des Bündnisses in der Bekämpfung von stereotypen Vorurteilen und dem oftmals latent aber auch offen gezeigten Antisemitismus. Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung fand im Dezember 2008 die Zukunftswerkstatt „Heute das Morgen bedenken – Die Zukunft der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus“ statt.

Die Teilnehmer entwickelten dort konkrete Forderungen, unter anderem auch im Hinblick auf eine verbesserte Vernetzung zwischen staatlicher Stellen und der Zivilgesellschaft. Das BfDT hat diese Impulse aufgenommen und mit verschiedenen Vertretern „der Politik“ erörtert.

Neben der Arbeit in diesen Bereichen möchte das Bündnis in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Partnern ausbauen.

Dazu gehört die für Juni geplante Veranstaltung „Das ist ja bei Euch auch so?! Miteinander reden – Gemeinsam Vorurteile abbauen“, die einen Dialog zwischen Juden und Muslimen mit dem Ziel anregen soll, Vorurteile und Vorbehalte abzubauen.

In der für Juni 2009 geplanten Veranstaltung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung: Wie seht ihr uns?! sollen sich Jugendliche mit Migrationshintergrund und im Personalbereich tätige Entscheidungsträger über ihre gegenseitige Wahrnehmung, Ihre Erwartungen und Vorurteile austauschen um dann gemeinsam praxisorientierte Handlungsstrategien zu erarbeiten.

Anrede,
Abschließend möchte ich einen kleinen Ausblick auf das nächste Jahr geben. Nach dem Jubiläum des GG in diesem Jahr gibt es auch nächstes Jahr einen Grund zum Feiern: das Bündnis wird 10 Jahre alt.

Wir sind weit davon entfernt, uns von den bisherigen Kernaktivitäten des Bündnisses, dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Antisemitismus, zurückzulehnen und nachlassen zu können. Das Bündnis hat sich bewährt und weiterentwickelt. Gerade die Weiterentwicklung der vergangenen zwei Jahre zeigt auf, welche Bedeutung das BfDT für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat. Als neues Beiratsmitglied wünsche ich mir, dass diese positive Entwicklung weitergeht und die notwendigen Rahmenbedingungen und Ressourcen dafür bereitgestellt werden können.

Davon profitieren alle, die Partner des Bündnisses, das Bündnis selbst und die Gesellschaft im Ganzen. Wie es im „Neu-Deutschen“ so schön heißt, eine „Win-Win“ Situation für alle.

Ich danke Ihnen fĂĽr Ihre Aufmerksamkeit und wĂĽnsche Ihnen viel SpaĂź und gute Unterhaltung beim Festakt zum Tag des Grundgesetzes.


Download-IconRede des Beiratsmitglieds Ingo Weiss fĂĽr das BĂĽndnis fĂĽr Demokratie und Toleranz zum Festakt zum Tag des Grundgesetzes am 24. Mai 2009 in Berlin