15.02.2018

"Ihr seid nicht allein! Meldet euch bei uns, wir sind da."

Interview mit Pazit Sarit Schraga vom J├╝dischen Forum f├╝r Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA)

Pazit Sarit Schraga engagiert sich im J├╝dischen Forum f├╝r Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Sie wirkt am Modellprojekt ÔÇ×Be'Jachad - Gemeinsam.Gegen HassÔÇť mit, in dessen Rahmen die InternetplattformInterner Linkwww.gemeinsam-gegen-hass.de konzipiert wurde. Dar├╝ber k├Ânnen sich Jugendliche, die von antisemitischen Anfeindungen betroffen sind, an das JFDA wenden, um anonymisiert Rat und Unterst├╝tzung einzuholen und ihre Erlebnisse zu teilen. Im Gespr├Ąch erz├Ąhlt Pazit Sarit Schraga von ihren Erfahrungen in der Bildungsarbeit und von den Zielen des neuen Projekts.

Be’Jachad: www.gemeinsam-gegen-hass.de (Bild: JFDA)BeÔÇÖJachad: www.gemeinsam-gegen-hass.de (Bild: JFDA)

Was bedeutet ÔÇ×BeÔÇÖJachadÔÇť und welche Idee verbirgt sich hinter diesem Projekt?

Das Projekt ÔÇ×BeÔÇÖJachadÔÇť (Hebr├Ąisch f├╝r: ÔÇ×GemeinsamÔÇť) thematisiert antisemitische Gewalt und Diskriminierung sowie andere Erscheinungsformen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Netz und in den sozialen Medien.

Auf der Internetplattform Interner Linkwww.gemeinsam-gegen-hass.de k├Ânnen sich betroffene Jugendliche und solche, die ihnen helfen m├Âchten, an das JFDA wenden und bekommen nach Wunsch anonymisiert Rat oder Unterst├╝tzung. Dar├╝ber hinaus wird es f├╝r sie immer mehr M├Âglichkeiten geben, ihre Erlebnisse in Form diverser Medienprojekte darzustellen.

Dabei stehen ihnen fachkundige JFDA-Mitarbeitende zur Seite. Bei der Plattform handelt es sich also um ein wachsendes Konzept, welches wir gemeinsam mit dem Jugendlichen gestalten wollen, um damit auch gleichzeitig ein Netzwerk aufzubauen, das ihnen langfristig bundesweit Ansprechpartner*innen sowie eine entstehende Community bietet.

Wie kam es zu der Idee von ÔÇ×BeÔÇÖJachadÔÇť?

Der zweite Bericht des Unabh├Ąngigen Expertenkreises Antisemitismus kam im April 2017 zur besorgniserregenden Konklusion, dass die ├╝berw├Ąltigende Mehrheit der befragten J├╝dinnen und Juden Antisemitismus im Netz als gro├čes bis sehr gro├čes Problem wahrnimmt und sich bedroht f├╝hlt. Das spiegelte auch die Erfahrung des JFDA in der Arbeit mit Betroffenen wider. Ob in den klassischen sozialen Medien oder beispielweise in immer h├Ąufiger vorkommenden ÔÇ×Whats-AppÔÇť-Hausaufgabengruppen; mitunter gedeiht in den sozialen Medien ein durch Ressentiments und Vorurteile gepr├Ągtes Milieu, welches unmoderiert zum Nachteil einzelner junger J├╝dinnen und Juden oder auch anderen Angeh├Ârigen von kleinen Minderheitengruppen seinen Lauf nehmen kann.

Wieso ist es gerade f├╝r j├╝dische Jugendliche von gro├čer Bedeutung eine Anlaufstelle zu haben, die ihnen hilft, mit derartigen Erfahrungen umzugehen?

Grunds├Ątzlich ist es nat├╝rlich f├╝r alle Jugendlichen, ganz gleich welcher Herkunft, von gro├čer Bedeutung Anlaufstellen zu haben, die ihnen bei der Bew├Ąltigung der jeweiligen Problematik behilflich sind.

Die Erfahrung zeigt, dass sich viele J├╝dinnen und Juden bei j├╝dischen Beratungsstellen verstandener f├╝hlen. Gleiches gilt auch f├╝r viele junge Juden, die in ihren jeweiligen Klassen oft die einzigen ihrer Herkunft
sind und sich deswegen bei antisemitischen Vorf├Ąllen alleine f├╝hlen und h├Ąufig nicht wissen, an wen sie sich konkret wenden k├Ânnen, sofern sie sich denn ├╝berhaupt trauen, sich zu offenbaren.

Insoweit brauchen j├╝dische Jugendliche Beratungsstellen, die sie aus einem besonderem sensibilisierten Verst├Ąndnis heraus unterst├╝tzen. Das J├╝dische Forum m├Âchte mit der speziell auf die Bed├╝rfnisse von j├╝dischen Jugendlichen ausgerichteten Plattform einen sicheren Anlaufhafen f├╝r ihre Sorgen und Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Umgang mit Antisemitismus schaffen.

Uns war es wichtig, ein besonders niederschwelliges Portal zu konzipieren, welches durch eine simple Live-Chat Funktion sowohl auf dem Smartphone als auch auf dem Desktop h├╝rdenfrei zug├Ąnglich ist.

Sie selbst engagieren sich seit 2017 im J├╝dischen Forum f├╝r Demokratie und gegen Antisemitismus. Welche sind Ihre pers├Ânlichen Beweggr├╝nde, Menschen mit ihrer Erfahrung antisemitischer Anfeindungen nicht alleine zu lassen?

Nun, das hat wie bei vielen J├╝dinnen und Juden mit der eigenen Identit├Ąt, der Familienhistorie und der Beziehung zu Deutschland zu tun.

Mein Vater ist als Kind gewarnt und daher in letzter Minute mit etlichen kleinen Geschwistern und der Gro├čmutter vor den Nazis nach Sibirien geflohen, wo sie das Ende des Krieges versteckt abgewartet haben, bevor ihr Leben gl├╝cklicherweise wieder neu beginnen konnte. Ich hatte das Gef├╝hl, dass er sich jedoch Zeit seines Lebens nie vollends traute, er selber zu sein und sich immer zur├╝ckgenommen hat. Das hat mich w├╝tend und traurig gemacht und ich hatte als Heranwachsende dieses gro├če Ungerechtigkeitsgef├╝hl und konnte nicht verstehen, warum manche Menschen so sein durften, wie sie schon waren und andere so tun mussten, als seien sie jemand anderer bzw. als gebe es sie gar nicht. (Ganz egal ob gerade 1937, 2018 oder 3421 ist).
Meine Eltern haben eine gewisse innere Furcht nie abgelegt und so durfte ich niemandem erz├Ąhlen, wo ich herkomme und wer ich bin. Das war f├╝r mich viele Jahre der Normalzustand, der sich noch ins Erwachsenenalter hineintrug und r├╝ckblickend betrachtet so anf├╝hlte, als w├╝rde man in der ├ľffentlichkeit ein Versteck mit sich herumtragen.

Ich habe im Verlauf der Jahre gelernt damit umzugehen und das Versteck wann immer ich es m├Âchte abzustreifen und mich damit gut zu f├╝hlen, wie oder wer ich bin. J├╝disch-sein ist nur ein Baustein von vielen, aber f├╝r mich ein essentieller, der in mir pers├Ânlich etwas pr├Ągt was schwer auszusprechen, sondern leichter zu leben ist. Und so engagiere ich mich vom ganzen Herzen f├╝r Menschen, die auf welche Art und Weise auch immer mit Angriffen auf ihre Identit├Ąt leben m├╝ssen und freue mich, wenn ich dazu beitragen kann, dass sie authentischer und freier einfach sein d├╝rfen.

Auf der Website Interner Linkwww.gemeinsam-gegen-hass.de finden Jugendliche in Zukunft Gleichaltrige, die ebenfalls von antisemitischer Hassrede betroffen sind und mit denen sie sich austauschen k├Ânnen. Welche Angebote k├Ânnen die Jugendlichen au├čerdem im Rahmen von Be┬┤Jachad in Anspruch nehmen?

Zun├Ąchst gehen wir mit einer reinen Landingpage online, die eine rasche und niedrigschwellige Live-Chat Beratung erm├Âglichen soll. Die erste Botschaft, die wir den Jugendlichen senden wollen: Ihr seid nicht allein! Meldet euch bei uns, wir sind da.

Im Laufe der n├Ąchsten Monate bauen wir unsere Plattform immer weiter aus und erweitern sie mit diversen n├╝tzlichen Tools wie animierten Erkl├Ąrfilmen, Begriffsglossaren zum Thema Hatespeech. Dar├╝ber hinaus werden sich Jugendliche untereinander ortsunabh├Ąngig auf verschiedenartige Weise vernetzten k├Ânnen, um sich entweder auszutauschen oder miteinander Projekte zu gestalten. Hierbei k├Ânnen sie nach Bedarf von JFDA-Mitarbeitenden oder Kooperationspartner/-innen fachliche Unterst├╝tzung bekommen. Ob durch Tanz, Theater oder Poetry Slam, Hip-Hop oder Breakdance - der Fantasie kann freier Lauf gelassen werden.
Wir freuen uns auf viele spannende Ideen und Projekte.

Was w├╝nschen Sie sich f├╝r die Zukunft?


Dass sich Menschen, gleich welchen Alters, in der gef├╝hlten Anonymit├Ąt des Netzes in die Situation derjenigen hineinversetzten, gegen die sie mit Hasskommentaren vorgehen und sich ├╝berlegen, wie sie sich f├╝hlen w├╝rden, wenn man sie selbst damit konfrontierte.

Sie finden das Portal unter:
Interner Linkwww.gemeinsam-gegen-hass.de