18.09.2014

Botschafterin fĂŒr Demokratie und Toleranz – Jana MĂŒller vom Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau

Jana Müller vom alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau mit der Zeitzeugin Doris Grozdanovicova und BfDT-Beiratsmitglied Prof. em. Dr. Wolfgang Benz sowie Moderatorin Shelly Kupferberg (Foto: BfDT)Jana MĂŒller mit der Zeitzeugin Doris GrozdanovičovĂĄ, BfDT-Beiratsmitglied Prof. Wolfgang Benz sowie Moderatorin Shelly Kupferberg beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes
Jugendgruppe des AJZ in Begleitung des Zeitzeugen Franz Rosenbach in der GedenkstÀtte Auschwitz (Foto: AJZ)
ZeitzeugengesprÀch mit Fruma Kucinskiene und Dr. Alexej Heistver im AJZ (Foto: AJZ)
Recherche einer SchĂŒlerin fĂŒr das Projekt "Was mit Unku geschah" (Foto: AJZ)
Filmaufnahmen mit Fania Brancovskaja im Partisanenwald nahe Vilnius (Foto: AJZ)
Private Momente mit Ewa Walecka-Kozlowska (und Krystyna Mihulka) in Lublin (Foto: MĂŒller, rechts)
Jana MĂŒller ist SozialpĂ€dagogin im Alternativen Jugendzentrum e.V. (AJZ) Dessau. Sie engagiert sich seit Mitte der 1990er-Jahre ĂŒberwiegend ehrenamtlich in der politisch-historischen Bildung und in Projekten gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Antiziganismus.

Interview mit Jana MĂŒller:

Beschreiben Sie kurz, was Sie machen?

Ich bin im Bereich der Erinnerungskultur an die Opfer des Nationalsozialismus aktiv. Die Hauptzielgruppe ist die junge Generation. Im Mittelpunkt der AktivitĂ€ten stehen die Begegnung mit Überlebenden des Holocaust und Naziterrors, Studienreisen in GedenkstĂ€tten, lokalhistorische Forschungsprojekte und die Ausgestaltung von Gedenkveranstaltungen. Ich arbeite sehr stark produktorientiert, das heißt, die Jugendlichen produzieren z.B. Filme oder Ausstellungstafeln, mit deren Einsatz in Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen ein grĂ¶ĂŸerer Kreis von Menschen aller Generationen erreicht wird. Die wichtigsten Partner/-innen bei dieser Arbeit sind die Überlebenden. Von Anfang an haben wir im AJZ Dessau ZeitzeugengesprĂ€che, Interviews und die Begleitung von Zeitzeug/-innen in ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager filmisch festgehalten. Dadurch ist ein umfangreicher Archivbestand gewachsen, den Fotos und Dokumente ergĂ€nzen.

Warum ist die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Antiziganismus gerade in Ihrer Region so wichtig?

Dessau-Roßlau steht in einer besonderen historischen Verantwortung. Hier waren die Nationalsozialisten bereits vor 1933 an der Macht. In Dessau befand sich die HauptproduktionsstĂ€tte des Giftgases Zyklon B. Bereits Anfang 1938 wurden die Sinti aus Roßlau ausgewiesen und in das "Zigeunerlager Holzweg" in Magdeburg gezwungen, von wo die meisten im MĂ€rz 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Mit den Junkerswerken war Dessau ein Zentrum der RĂŒstungsproduktion. Menschen aus ganz Europa wurden zur Zwangsarbeit hierher verschleppt. Eine große Ehrengrabanlage, darunter GrĂ€ber von in Dessau geborenen Kindern, auf einem Friedhof der Stadt zeugt von dem Leid insbesondere der "Ostarbeiter". Was hier fĂŒr den Vernichtungskrieg der Nazis produziert wurde, brachte Tod und Elend ĂŒber Europa. Das alles muss man wissen, um zu verstehen, warum Dessau stark zerstört wurde und den Neonazis, die jedes Jahr um den 7. MĂ€rz durch die Stadt marschieren und die Geschichte verdrehen, entgegenzutreten.
Mit den Morden an Alberto Adriano (2000) und Hans-Joachim Sbrzesny (2008) sowie den bis heute offenen Fragen um den Tod von Oury Jalloh haben wir auch eine aktuelle Verantwortung. Insgesamt bin ich der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Antiziganismus bundesweit und, wie uns die letzten Jahre immer deutlicher vor Augen gefĂŒhrt haben, europaweit notwendig ist.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Arbeit mit Zeitzeug/-innen und deren Austausch mit Jugendlichen gemacht?

Bei der Preisverleihung in Berlin haben wir erlebt, dass man eine Stecknadel hĂ€tte zu Boden fallen hören können, als die TheresienstadtĂŒberlebende Doris GrozdanovičovĂĄ sprach und wie beim anschließenden Empfang Jugendliche und Erwachsene das GesprĂ€ch mit ihr suchten. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen, dass die Begegnung mit einem Zeitzeugen höchste Aufmerksamkeit und Interesse erzeugt. HĂ€ufig sagen mir SchulpĂ€dagog/-innen nach ZeitzeugengesprĂ€chen, sie wĂŒnschten sich dieses Interesse ihrer SchĂŒler/-innen im regulĂ€ren Unterricht. Manchmal sprechen mich auf der Straße junge Erwachsene, die zum Teil jetzt schon selbst Kinder haben, an und erkundigen sich, was der Zeitzeuge oder die Zeitzeugin, dem sie vor Jahren begegnet sind, macht. Das bestĂ€rkt mich in der Hoffnung, dass sie ihren Kindern von der Begegnung, die ihnen offensichtlich prĂ€gend im GedĂ€chtnis geblieben ist, erzĂ€hlen und auf diese Art die Erinnerung weitergetragen wird. Die Zeitzeug/-innen hĂ€lt die Begegnung mit der jungen Generation fit und sie haben meist modernere Ansichten als andere ihrer Generation, deshalb finden sie auch den Zugang zu Jugendlichen, die ihre Enkel oder sogar Urenkel sein könnten. Die Überlebenden interessieren sich fĂŒr das Leben und die Ansichten der jungen Menschen. Mit großer SensibilitĂ€t erzĂ€hlen sie ihre Überlebensgeschichten ohne grausame Erlebnisse detailliert zu beschreiben. Sie wollen die junge Generation nicht mit der Vergangenheit belasten, sondern bringen ihr großes Vertrauen bei der Gestaltung der Gegenwart und Zukunft im Sinne der Menschenrechte entgegen.

Woran arbeiten Sie zurzeit intensiv?

Eine permanente Aufgabe und Herausforderung sind die Pflege, Auswertung und Sicherung des Archivbestandes, bei der mich engagierte Jugendliche hervorragend unterstĂŒtzen. Seit zehn Jahren nimmt eine Delegation des AJZ an den Gedenkveranstaltungen der "Liquidierung des Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau" teil. In dessen Rahmen haben wir dieses und letztes Jahr in Kooperation mit der Internationalen JugendbegegnungsstĂ€tte Oswiecim und dem Verband der Roma in Polen ein Seminar zum Thema "Sinti und Roma – Kultur, Geschichte und Gegenwart" durchgefĂŒhrt. Im September wird das Thema "Vertragsarbeiter in der DDR" in Form einer Ausstellung mit SchĂŒler/-innenprogrammen im Mittelpunkt stehen. Außerdem arbeite ich mit jungen Leuten an dem Projekt "Zeitzeugenpatenschaft". So schmerzlich es ist, aber die Möglichkeiten von ZeitzeugengesprĂ€chen nehmen ab und so kam mir die Idee, dass Jugendliche die Patenschaft ĂŒber die Zeugnisse von Überlebenden aus unserem Archiv ĂŒbernehmen und das Material fĂŒr den Einsatz an Schulen aufbereiten. Als Mitglied des Fördervereins der GedenkstĂ€tte Langenstein-Zwieberge unterstĂŒtze ich die "Gruppe der Zweiten Generation" bei der Aufbereitung der von ihnen mit ihren VĂ€tern gefĂŒhrten Interviews fĂŒr den zukĂŒnftigen Einsatz in der GedenkstĂ€tte. Im Mittelpunkt der Interviews, die ich selbst zurzeit fĂŒhre, stehen HolocaustĂŒberlebende aus der ehemaligen Sowjetunion, die heute in Deutschland leben. Ich hoffe, dass im Mai nĂ€chsten Jahres Begegnungstage mit diesen Zeitzeug/-innen hier in Dessau-Roßlau stattfinden können. Mit der Stiftung GedenkstĂ€tten Sachsen-Anhalt, der Landeszentrale fĂŒr politische Bildung Sachsen-Anhalt und der JĂŒdischen Gemeinde zu Dessau habe ich bereits Kooperationspartner fĂŒr dieses Vorhaben gewonnen.

Neben den von Ihnen organisierten GedenkstĂ€ttenfahrten haben Sie auch privat zahlreiche Reisen zu Überlebenden nach Israel, Polen und weiteren LĂ€ndern unternommen. Was waren ihre prĂ€gendsten Momente?

Diese Frage kurz zu beantworten, fĂ€llt mir wirklich schwer, weil es so viele besondere Erlebnisse mit wunderbaren Menschen gab, die mich und meine Arbeit geprĂ€gt haben. Ich habe es immer als ein Privileg empfunden, wenn Überlebende mich privat eingeladen haben und ich ihre Familien kennenlernen durfte. Bis zu ihrem Tod 2011 besuchte ich z.B. mehrfach Ewa Walecka-Kozlowska, Überlebende von Majdanek und RavensbrĂŒck, in Lublin. Mit ihr zusammen zu kochen oder in der Altstadt von Lublin ein Bier zusammen zu trinken, sind unvergessliche Momente. Wir fuhren auch immer zum Friedhof, wo ihr in jungen Jahren verunglĂŒckter Sohn beigesetzt ist. Als wir das letzte Mal gemeinsam dort waren, spĂŒrte Ewa, dass ich sehr traurig war. Sie nahm meine Hand und sagte: "Jana, sei nicht traurig, wenn ich einmal sterbe, komme ich hier wieder mit meinem Sohn zusammen." Ihre Worte haben mir sehr geholfen, als ich zum ersten Mal an ihrem Grab Blumen niederlegte. Das GefĂŒhl der Dankbarkeit, mit Ewa befreundet gewesen zu sein und ihr Zeugnis weitergeben zu dĂŒrfen, war sogar stĂ€rker als die Trauer.
Bei meiner ersten Ankunft in Tel Aviv empfing mich Nachum Bandel, Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, mit seinem Sohn Zwika. Ich lebte eine Woche mit der Familie Bandel und sie zeigten mir viel in Israel. So manche Straße, ĂŒber die wir fuhren, hatte Nachum mit gebaut. Als Nachum bei uns in Dessau war, hatte er mir eine seiner Zeichnungen, die den Titel "Aus dem Dunkel ins Licht" trĂ€gt, geschenkt. Sie dokumentiert den Moment seiner Ankunft im damaligen PalĂ€stina. Die TiefgrĂŒndigkeit des Bildes wurde mir auf den Straßen Israels und im Kreise seiner Kinder und Enkelkinder sehr bewusst. Das sind nur zwei Beispiele von vielen. Insgesamt kann ich sagen, dass das Vertrauen und die Freundschaft, die mir persönlich entgegengebracht wurden und werden, eine enorme Energiequelle zur stetigen Fortsetzung der Erinnerungsarbeit fĂŒr mich sind.

Weitere Informationen zum AJZ Dessau finden Sie Interner Linkhier.