17.02.2010

Handbuch des Antisemitismus

Prof. Wolfgang Benz im Interview

Foto: Prof. Dr. Wolfgang Benz
"Handbuch des Antisemitismus" von Prof. Dr. Wolfgang Benz (Hrsg.), De Gruyter 2009, ISBN 978-3-598-24072-0
„Grundlegend“, „hochaktuell“ und „beeindruckend“ titelten zahlreiche Rezensenten über das „Handbuch des Antisemitismus – Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart“. Der Umfang und die Ausführlichkeit der geplanten 7-bändigen Serie lassen schon jetzt vermuten, dass es den Status eines Standardwerks erlangen wird. Tatsächlich ist das Handbuch, das von Prof. Dr. Wolfgang Benz herausgegeben wird, bisher einmalig. Benz ist der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin und Beiratsmitglied des Bündnisses für Demokratie und Toleranz (BfDT). Mit dem Handbuch will er einen umfassenden Überblick über die vielfältigen Aspekte des Judenhasses geben. Der zweite Band wurde am 28. Januar in Berlin vorgestellt. Prof. Benz über Wissenschaft, gesellschaftliche Mechanismen und das älteste Vorurteil der Welt.

Herr Prof. Benz, Sie sind Herausgeber „Handbuch des Antisemitismus – Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart“. Wen möchten Sie erreichen?

Das Handbuch richtet sich an alle, die mit dem Thema Antisemitismus umgehen. Ihnen soll ein solides Nachschlagewerk an die Hand gegeben werden, in dem in sieben stattlichen Bänden all das zusammengefasst ist, was man zum Thema derzeit wissen kann und muss.

Gibt es vergleichbare Werke in der wissenschaftlichen Literatur?

In Amerika ist vor einigen Jahren ein zweibändiges Kompendium zum Antisemitismus erschienen, das allerlei Kritik auf sich gezogen hat. Sonst gibt es im Moment überhaupt nichts, nicht einmal etwas Vergleichbares.

Sie haben mit dem Handbuch in sieben Bänden ein wahres Mammutwerk lanciert. Wie erarbeiten Sie die Inhalte?


Es ist die Frucht der langen Beschäftigung mit dem Thema, dass sich ein weltweites Netzwerk gebildet hat. Ich weiß auf Anhieb, wer einen Artikel zum Antisemitismus in Australien schreiben muss. Außerdem gibt es die Sachverständigen im eigenen Haus.

Sie haben gesagt: „Der Antisemitismus ist das älteste religiöse, kulturelle, soziale und politische Vorurteil.“

Antisemitismus ist das Vorurteil gegen eine bestimmte Minderheit, gegen die Juden. Am Antisemitismus können wir auch die Mechanismen der Ausgrenzung ablesen: Wie wird eine Minderheit stigmatisiert, wie wird sie über die Stigmatisierung ausgegrenzt, wie stabilisiert sich die Mehrheit über die Ausgrenzung der Minderheit. Und damit hat die Ausgrenzung der Juden tatsächlich, nach einer über 2000-jährige Geschichte, paradigmatische Funktion.

Der Antisemitismus als ein kulturübergreifendes Phänomen existiert auch in Ländern, in denen gar keine Juden leben. Wie erklären Sie sich das?

Das ist relativ einfach zu erklären. Man braucht keinen Juden, um den Juden zu hassen. Der Jude ist ja auch nicht der Anlass des Antisemitismus. Er entsteht über ein konstruiertes Bild in den Köpfen der Mehrheit. Wir brauchen einen Sündenbock, eine böse, feindliche Minderheit, auf die wir unsere Frustration projizieren. Wir brauchen Schuldige außerhalb unserer eigenen Gesellschaft. Diese Stellvertreterfunktion erfüllt das Konstrukt des Juden in Japan genauso gut wie in anderen Ländern, in denen es keine Juden gibt.

Ist der Antisemitismus stets im Wandel, oder beruht er eher auf ĂĽberlieferten Vorurteilen?

Der Antisemitismus bedingt sich zum überwiegenden Teil aus überlieferten Klischees und Stereotypen. Aber er reichert sich immer wieder neu an. Ursprünglich waren das religiöse Motive, der klassische Antijudaismus. Im 19. Jahrhundert kam dann die Rassenideologie auf. Daher kommt auch das Wort Antisemitismus als scheinbar wissenschaftlich begründete, neue Lehre. Inzwischen ist über die Israelfeindschaft der Antizionismus als eine Spielart dazugekommen. So findet das alte Vorurteil immer wieder neue Ansatzpunkte. Trotzdem lehne ich es ab, vom neuen Antisemitismus zu sprechen. Der neue Antisemitismus wird alle 10 Jahre von den Politikern und den Medien entdeckt. Die Strukturen und Argumentationen sind aber immer dieselben, nur das äußere Bild ändert sich.

Was ist im Handbuch stärker betont: Historische Aspekte des Antisemitismus, neuere Erscheinungsformen oder die Lehren, die man für Gegenwart und Zukunft ziehen kann?

Alles gleichermaßen. Der erste Band enthält Artikel über Länder und Regionen. Dazu ist von Fachleuten alles zusammengetragen, von Anfang an. Im zweiten Band, den Biographien, geht es von spätantiken katholischen Kirchenlehrern bis zu Ahmadinedschad oder Neonazis unserer Tage. Im dritten Band geht es dann um Begriffe und Theorien, und so weiter bis zum siebten Band.

Wie bewerten Sie die Arbeit des BfDT im Hinblick auf Ihre Erfahrungen mit dem Handbuch?

Es ist natürlich Selbstlob, wenn ein Beiratsmitglied sagt: „Das machen wir ganz toll.“ Aber ich denke, Antisemitismus ist nun mal ein ganz wichtiges gesellschaftliches Problem. Es gibt so unendlich viele, die glauben, sie könnten es gut bekämpfen. Aber nicht alle sind auch hinlänglich ausgerüstet mit Kenntnissen über die Zusammenhänge und Methoden. Einfach nur dagegen sein, ist ein bisschen zu wenig. Deshalb schulen wir sie über das Bündnis, zum Beispiel durch die Sommerakademie gegen Antisemitismus, die das Zentrum jährlich durchführt. Nicht nur mit finanzieller, sondern auch unter aktiver Beteiligung des Bündnisses. Das ist unser gemeinsames Ziel: Dass wir diejenigen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, auch konditionieren durch Wissen, durch Bereitstellen von Werkzeugen und Know-How.


Interner LinkZentrum fĂĽr Antisemitismusforschung an der TU Berlin
Interner Link"Handbuch fĂĽr Antisemitismus" beim De Gruyter Verlag