25.07.2019

Interview mit dem BfDT-Botschafter 2019 YouthNet - Jugendnetzwerk fĂĽr MĂĽnchen

Interner LinkYouthNet ist ein interkulturelles und interreligiöses Netzwerk für München, in dem sich Jugendliche mit christlichem, muslimischem, jüdischem, ezidischem und anderem Hintergrund begegnen. Sie sind entweder in München geboren, dorthin umgezogen oder nach München geflüchtet. Das Ziel des Vereins ist der gemeinsame Austausch, das kreative Arbeiten und der Umgang in einer offenen und kulturell gemischten Gemeinschaft. Im Interview können Sie nachlesen, wie es YouthNet gelingt, Zusammenhalt zu stärken und ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Teilnehmenden auch nachhaltig aufrechtzuerhalten.
YouthNet © PinakothekYouthNet © Pinakothek

Seit Anfang 2017 gibt es YouthNet als Projekt des Lichterkette e.V., welcher 1992 als Gegenreaktion auf vermehrte ausländerfeindliche Angriffe in Deutschland gegründet wurde. Wie kam es zur Idee von YouthNet?

Seit der Gründung 1992 von Lichterkette e.V., welche mit der beeindruckenden Demonstration von mehr als 400.000 Münchner/-innen ein Zeichen gegen Rassismus und Menschenhass setzte, arbeitet der Verein an einem konsequenten Ziel: Der Förderung des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft in München und der Integration von Menschen mit Flucht- und Migrationsbiographie in die Münchner Stadtgemeinschaft. Hierzu werden Programme unter dem eigenen Dach betrieben und externe, soziale Einrichtungen gefördert. YouthNet ist ein eigenständiges Projekt, welches unter dem Dach des Lichterkette e.V. selbstständig und finanziell unabhängig arbeitet und sich in seiner Zielsetzung ähnlich ist. Die Idee entstand, als die Gründerin von YouthNet, Eva Rapaport ihr Elternhaus 2015 einem sozialen Verein zur Betreuung unbegleiteter, minderjähriger Geflüchteter zur Verfügung stellte und sofort den Bedarf von schneller Integration erkannte. Auch die große Chance für Münchner Jugendliche unterschiedlicher Herkunft und Religion auf Augenhöhe mit den jungen Geflüchteten in Projektgruppen zu arbeiten und dabei gegenseitige Vorurteile abzubauen und durch Gemeinsamkeit Bereicherung zu erleben, war die zentrale Grundidee, welche zur Entwicklung der Programme von YouthNet führte. Unser zentrales Wirken dient der aktiven Integrationsfähigkeit und dem toleranten Miteinander aller Jugendlichen in einer modernen, heterogenen Gesellschaft.

Jedes Jahr schließt YouthNet ein Projekt ab und startet sogleich ein Neues. Dabei kommen und gehen viele Jugendliche – manche bleiben länger und absolvieren ein Mentor/-innentraining. Welche konkreten Akteur/-innen bilden das Netzwerk, und wen erreichen Sie insbesondere durch Ihr Angebot?

YouthNet wird von drei Personen betrieben, welche sich in ihrer Kompetenz ergänzen. Sämtliche Mentoren/-innen - mittlerweile 19 Jugendliche - sind mit dem Netzwerk zum Teil seit 2017 eng verbunden und somit der Hauptpfeiler für das Netzwerk. Sie leiten Programme und unterstützen neue Teilnehmer/-innen. Auch zahlreiche, ehemalige Teilnehmer/-innen sind weiterhin aktiv. Externe, professionelle Trainer/-innen leiten unterschiedliche Workshops. YouthNet wendet sich prinzipiell an alle Jugendlichen im Alter von 15-20 Jahren, welche in München leben. Über Schulen, Jugendorganisationen, soziale Einrichtungen, Religionsgemeinschaften und private Netzwerke rekrutieren wir jährlich neue Teilnehmer/-innen. Unsere Zielgruppe ist bewusst nicht enger definiert. Durch unsere Offenheit und Recherche gewinnen wir Jugendliche der unterschiedlichsten Herkunft. Somit repräsentiert jede Projektgruppe einen Teil der ethnisch-religiösen Vielfalt unserer gemeinsamen Stadt.

In Ihren Projekten bieten Sie den teilnehmenden Jugendlichen abwechslungsreiche Programme, die meist aus dreiteiligen Basistrainings bestehen. Erzählen Sie kurz von Ihrer vielfältigen Tätigkeit und dem engagierten Alltag bei YouthNet!

YouthNet © S.BruckYouthNet © S.Bruck
Jedes Projektjahr besteht aus 14 Einheiten. Die Vorschulung in drei Teilen in den Bereichen Vorurteile, nonverbale Kommunikation und klares Sprechen läutet das Jahr ein. Hier arbeiten wir mit Fachtrainer/-innen. Wenig Theorie, zahlreiche Rollenspiele, Übungen aus den Bereichen Kommunikation und häufige Feedbacks sind unsere Methode. Das Hauptprogramm besteht aus neun Einheiten und startet mit Workshops zu Teamwork und vielfältiger Identität in Deutschland.
Das folgende, fünfteilige Kunstprojekt veranstalten wir zum zweiten Mal in Kooperation mit der Pinakothek der Moderne. Es hat stets einen anderen Fokus aus dem Bereich Fotografie. Für das Medium künstlerische Fotografie haben wir uns aus folgenden Gründen entschieden: Wir bieten den Jugendlichen die Möglichkeit auf diese Art das gegenseitige Vertrauen, den Respekt und die Offenheit für Menschen anderer Herkunft zum Ausdruck zu bringen. All dies haben sie sich während des Programms erarbeitet und diese Arbeit können sie nun in einem gemeinsamen, kreativen Prozess künstlerisch darstellen. Gleichzeitig erlernen die Jugendlichen das Fotografieren mit professionellen Kameras und die digitale Bildbearbeitung.
Die an den Hauptteil anschließende, große Ausstellung der geschaffenen Werke wird im Team aufgebaut. Jede/-r Teilnehmer/-in erhält die Möglichkeit, sich den geladenen Gästen zu präsentieren - sei es als Redner/-in, Moderator/-in, Diskussionsteilnehmer/-in.
Die Evaluation mittels ausführlicher Fragebögen und eine umfangreiche Feedbackrunde sind für unsere Weiterentwicklung essentiell und schließen das Jahr ab.

Im Interner LinkVideoportrait auf der BfDT-Homepage berichten Sie von einer Art virtuellem Raum, den Sie während Ihres Projekts entstehen lassen, und in dem es kein „Ich bin Christ, Jude, Moslem, ich bin geflüchtet, ich bin Münchener“ gibt. Es gibt nur ein „Ich bin jung, ich bin da, ich will mitmachen!“ Wie gelingt es, Zusammenhalt zu stärken und ein Gemeinschaftsgefühl auch nachhaltig aufrechtzuerhalten?

Dieses Gemeinschaftsgefühl entwickelt sich aus unseren Programmen, welche den Jugendlichen ihre Gleichheit während jedes Workshops deutlich bewusst machen. Es entsteht bereits im Vorprogramm dieses Gefühl einer Schwelle, die unsere Jugendlichen am Eingang überschreiten und die Gleichheit ist im Seminarraum deutlich spürbar. Unsere große Sympathie und Zuwendung für jede/-n Jugendliche/-n hilft ebenfalls.

Was wĂĽnschen Sie sich fĂĽr die Zukunft und wo sehen Sie YouthNet in fĂĽnf Jahren?

Ich wünsche mir für die Zukunft einen Staat, welcher den Mehrwert von Jugendlichen mit Fluchtbiografie für dieses Land begreift. Welcher im Interesse von uns allen diesen jungen Menschen mit Milde, Strenge, Fairness und Engagement begegnet und sie fördert, wenn sie förderungswillig sind. Welcher diejenigen, welche sich um Integration bemühen nicht in jahrelanger Angst vor Abschiebung lässt, sondern Chancen gibt und Zukunftsperspektiven. Welcher nicht nach nationaler Zugehörigkeit, sondern nach Bereitschaft und Engagement auswählt- für uns alle. Denn dies nimmt den Bürger/-innen die Angst vor den Fremden und fördert eine moderne, tolerante und leistungsfähige Gesellschaft.
YouthNet hat in fünf Jahren mehrere als Partner/-in agierende eigenständige Organisationen in verschiedenen Bundesländern. Diese arbeiten nach einer Einweisung durch uns selbstständig und gestalten die Programme nach ihren Möglichkeiten.