10.06.2010

Festakt/ Auszeichnung "Botschafter" 2005

Preisträger




Interner LinkKreuzberger Musikalische Aktion e.V., Berlin


Die Kreuzberger Musikalische Aktion setzt sich seit 1987 mit einem gewaltpräventiven Ansatz für interkulturelles Lernen sowie die kulturelle Integration von Kindern und Jugendlichen ein. Mit attraktiven Angeboten wie HipHop, Break- und Streetdance oder Internet-Workshops werden die Kinder und Jugendlichen von der Straße geholt und über die Jugendkulturarbeit stabilisiert; vor allem wird ihnen Selbstwert vermittelt. Durch dieses Konzept der offenen Projektarbeit wird verhindert, dass die Jugendlichen lediglich „abhängen".

Das herausragendste Projekt der KMA ist der „Star Truck gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt". Seit 2001 bietet die Aktion mit einem Musik-LKW Workshops in Berlin und Brandenburg an. In über 25 Städten Brandenburgs machte der „Star Truck" bereits Station, um vor Ort durch das Medium Musik interkulturelle Kontakte auf- und Fremdenfeindlichkeit abzubauen. Jugendliche Teilnehmer dieser Veranstaltungen in brandenburgischen Städten wurden dabei auch nach Berlin eingeladen, um aufgebaute Kontakte und Erfahrungen zu vertiefen und auszubauen.
Ein weiteres, außergewöhnliches Projekt wurde 2003 mit dem Workshop „Lesen und Schreiben lernen mit HipHop" ins Leben gerufen. Ziel dieses Workshops ist es, besonders auffällige Jugendliche mit starken Lese- und Schreibschwierigkeiten über das Thema Schreiben von Rap-Texten und das Lesen von bekannten Texten zum Lesen und Schreiben zu motivieren.

Zu dem ständigen Angebot an Freizeitaktivitäten, das ca. 700 Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher sozialer, kultureller und nationaler Herkunft erreicht, kommen zahlreiche weitere kulturelle jugendgerechte Events hinzu wie Konzerte, Feste, Schulkurse oder der legendäre Kinderkarneval in Kreuzberg.

Interner LinkPreisträger: Kreuzberger Musikalische Aktion e.V., Berlin







Sozialdienst fĂĽr FlĂĽchtlinge des Diakonieverbunds Gera (ThĂĽringen)


Die Mitarbeiterinnen des Diakonieverbundes Gera e.V., Sozialdienst für Flüchtlinge, engagieren sich in besonderer Weise für ein Klima der Offenheit und Toleranz in Gera. Unter Einbeziehung breiter gesellschaftlicher Kräfte haben sie ein „Netzwerk zur sozialen Arbeit mit Flüchtlingen" aufgebaut. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung Gera und vielen ehrenamtlichen Helfern und unterstützt durch den Europäischen Flüchtlingsfonds, initiierten sie in den vergangenen Jahren mehrere Projekte, die auf die Akzeptanz von Migranten und eine bessere Teilhabe der Flüchtlinge am gesellschaftlichen Leben gerichtet sind. Dieser Ansatz geht weit über die eigentliche Aufgabe der Flüchtlingsbetreuung hinaus und ist eingebettet in den Versuch, vielfältige Begegnungen mit Zuwanderern zu ermöglichen - bei einem Ausländeranteil von nur 1,3% sind die Vorbehalte gegenüber Fremden groß.

Eins der Projekte ist das Buch „Flüchtlings Leben". Die Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes hatten Flüchtlinge gebeten, etwas über ihr Leben, ihre Ängste und Sorgen, ihre Erwartungen und Freuden aufzuschreiben - in Deutsch oder in ihrer Muttersprache. Einige der Berichte wurden - zusammen mit Bildern aus dem Alltag der Flüchtlinge und Informationen über ihren rechtlichen Status und die Rahmenbedingungen ihres Lebens in Deutschland - zunächst in einer Ausstellung präsentiert. Die Ausstellung trägt den Titel „Ich möchte nur als Mensch behandelt werden". Die Resonanz der Geraer Bevölkerung war ausgesprochen positiv und übertraf die Erwartungen. Es gab zahlreiche Anfragen, aber auch Angebote zur Unterstützung der Flüchtlinge. Neue Ehrenamtliche konnten gewonnen werden. Durch diese Resonanz angespornt, konnte das Buch realisiert werden: ein Band mit bewegenden Berichten und Fotoserien.

Das Projekt hat einen wichtigen Beitrag für ein Klima der gegenseitigen Achtung in Gera geleistet. Flüchtlinge sind aus ihrer Rolle als Hilfesuchende herausgetreten und haben sich als Persönlichkeiten präsentiert, die mit ihren Erfahrungen, mit ihrer Sichtweise das Leben der Einheimischen bereichern können.

Preisträger: Sozialdienst für Flüchtlinge des Diakonieverbunds Gera







Von Sinti fĂĽr Sinti und Freunde, Hildesheim (Niedersachsen)


„Latscho Dibes" („Guten Tag") nennt sich die deutschlandweit einzige Sinti-Radiosendung. Im Jahr 2000 wurde sie vom Verein Hildesheimer Sinti e.V. gegründet und läuft seitdem jeden dritten Sonntag 14 -15 Uhr auf Radio Flora Hannover.

„Latscho Dibes" soll unterhalten, aber vor allem Sprachrohr für die Sinti in Niedersachsen und in ganz Deutschland sein. Hierbei setzt das Team auf eine ausgewogene Mischung: Das Programm reicht über Interviews und Nachrichten bis hin zu Literatur-Vorstellungen, wobei auch die Musik in vielfältiger Weise nicht zu kurz kommt.

Mit Themenschwerpunkten wie der Entschädigung der Zwangsarbeiter, der Diskriminierung der Sinti oder dem kommunal- und regionalpolitischen Umgang mit Sinti will die Magazinsendung den Nachwuchs fördern. „Latscho Dibes" ist eine von 61 unterschiedlichen Sendungen bei Radio Flora, die in eigener Regie und mit eigener Redaktion produziert wird. „Hier spiegelt sich die Vielfalt der Meinungen unterschiedlichster gesellschaftlicher Kräfte wider", beschreibt sich der Sender selbst.

Moderiert wird das Musik- und Kulturmagazin - seit August 2004 auch auf Radio Tonkuhle auf Sendung - unter anderem von drei Hildesheimer Schülerinnen. Zu den Interviewpartnern der drei Nachwuchsjournalistinnen zwischen zehn und 15 Jahren gehören große Namen wie Entertainer Michael Schanze, Finanzminister Hartmut Möllring, Liedermacher Konstantin Wecker, Sänger Roland Kaiser, Sängerin Jeanette Biedermann und viele andere.
Ob Interviews, Kultur-Vorschläge oder durchmischte Musik - das Radio-Team will eine Sendung von Sinti für Sinti und Freunde machen und mit seinen Themen den Finger in die Wunde legen.

Preisträger: Von Sinti für Sinti und Freunde, Hildesheim







Bertha Leverton, eine Botschafterin der KINDER, London (GroĂźbritannien)


Im warmen Englisch schwingt bayerischer Dialekt mit, wenn Bertha Leverton von ihrem bewegten Leben spricht, das am 23. Februar 1923 in München begann. Sie ist eines der etwa 10.000 jüdischen Kinder, denen sich kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Möglichkeit bot, aus Deutschland zu fliehen und nach England zu gelangen. Dort von Pflegeeltern angenommen, sahen 80% ihre leibhaftigen Eltern nicht wieder.

1988 begann Bertha Leverton, sich mit der Geschichte des sog. „Kindertransportes" zu befassen. Sie organisierte eine „Reunion" von ebenfalls aus Deutschland geflüchteten Kindern, wie sie sich auch heute noch nennen, an der sich 1000 Kinder beteiligten. Aus Scham über die eigene Vergangenheit hatten viele von ihnen nicht über ihre Vergangenheit gesprochen. Das zweite Treffen wurde bereits von 4000 Überlebenden besucht.

Über ihr Engagement veröffentlichte Leverton das Buch „I came alone", und sie wirkte an dem oscarprämierten Film „Kindertransport in eine fremde Welt" mit. Mit diesem Buch und dem Film im Gepäck, veranstaltet sie seit Jahren in Deutschland Workshops und Diskussionsveranstaltungen mit Schülern und Lehrern, die oft tief bewegt auf die Dokumente reagieren. Mit ihrer freundlichen, sympathischen Art gelingt es Leverton jedoch, Berührungsängste abzubauen und weitergehendes Interesse zu wecken. So auch bei 17 SchülerInnen der 11. Klassen des Berliner Lichtenberg-Gymnasiums. Seit vier Jahren ist der Kindertransport 1938/39 ihr Projekt. Im Juni diesen Jahres begeben sich die SchülerInnen auf Klassenfahrt nach London, wo sie u.a. britische Zeitzeugen und die Freie Jüdische Schule besuchen werden.

Gemeinsam mit diesen SchülerInnen bemüht sich die inzwischen 82-jährige Bertha Leverton, an einem Berliner Bahnhof einen begehbaren Glaskoffer mit Erinnerungsstücken der Kinder aufzustellen, als Symbol für die Abreise der jüdischen Kinder aus Deutschland. Ein Zwillingsprojekt - so wie es ihn seit zwei Jahren, symbolisch für die Ankunftsstelle der Kinder, in London an der Liverpoolstreet Station gibt.

Die SchülerInnen dokumentieren ihr Projekt filmisch. Hierfür erstellten sie unter Anleitung des Offenen Kanals Berlin ein Drehbuch und erhielten Grundkenntnisse in der Kameraführung. In Radiosendungen erklären sie zudem ihre Projektmotivation und rufen andere Jugendliche zu ähnlichen Aktivitäten auf. Sie führen Befragungen in verschiedenen Berliner Bezirken zum Holocaust durch und geben ihre Eindrücke in Zeitungsartikeln wieder.

Preisträgerin: Bertha Leverton, eine Botschafterin der KINDER, London







Interner LinkVerdener Initiativen gegen Rechtsextremismus (Niedersachsen)


In Verden (Niedersachsen) und Umgebung sind seit etwa einem Jahr Rechtsextreme verstärkt in der Öffentlichkeit präsent. Höhepunkt des zivilgesellschaftlichen Protests dagegen war ein Aktionstag am 2. April mit 5.000 Teilnehmern.

Die braune Szene (NPD und Kameradschaften) versucht vor allem, in den Schulen Fuß zu fassen. Die NPD-Jugendorganisation, deren stellvertretender Bundesvorsitzender in der Region wohnt, will u. a. durch das Verteilen ihrer Jugendzeitschrift vor Schulhöfen Anhänger gewinnen. Gleichzeitig wurden andersdenkende SchülerInnen angegriffen, und es wurde eine Informationsveranstaltung der GEW gewaltsam gestört. Eine logistische Basis dieses offensiven Vorgehens ist der „Heisenhof", ein ehemaliges Bundeswehrgelände, das der bekannte Rechtsextremist und Rechtsanwalt Rieger gekauft hat. Die Bemühungen des Landkreises, dessen Nutzung als politisches Zentrum zu unterbinden, waren bisher nicht erfolgreich.

Um dem Treiben der Rechtsextremen etwas entgegen zu setzen, hatte die Stadt Verden am 2. April zu einem Aktionstag aufgerufen. „Die zunehmende rechtsextreme Gewalt in unserer Region und die rechtsextreme Propaganda vor unseren Schulhöfen bedroht unsere Demokratie und ihre persönlichen Menschenrechte", hieß es u. a. im Aufruf des Verdener Bürgermeister Lutz Brockmann an die Mitbürgerinnen und Mitbürger. 5000 protestierten mit friedlichen Mitteln und einem wahren Veranstaltungsreigen, getragen von 100 Vereinen und Initiativen, gegen rechte Hetzparolen. Die Stadt präsentierte auf einer Kulturmeile 100 Infostände; es gab Theateraufführungen, Konzerte, Zeitzeugengespräche und eine ökumenische Andacht. Zeitgleich fand in der Stadt eine Kundgebung der Rechtsextremen unter dem Motto „Sozialabbau, Rentenklau - nicht mit uns" statt, die mit 200 Teilnehmern einen geringeren Zuspruch hatte als erwartet. Die Verdener zeigten klar die Grenzen ihrer Toleranz, indem sie die Rechten durch menschenleere Straßen laufen ließen und lieber zum Aktionstag gingen, um dort „die Lebensfreude der demokratischen Kultur zu zeigen" (Aufruf).

Preisträger: Interner LinkVerdener Initiativen gegen Rechtsextremismus







Interner LinkWunsiedler Bürgerinitiativen „Wunsiedel ist bunt – nicht braun“ (Bayern)


Seit 2001 wird die 7.000 Einwohner-Stadt Wunsiedel durch das europaweit größte Nazi-Treffen okkupiert. Nachdem der Kriegsverbrecher und Hitlerstellvertreter Rudolf Hess 1987 in der oberfränkischen Kleinstadt beigesetzt wurde, veranstalten Rechtsextreme und Neonazis jährlich am Wochenende nach Hess´ Todestag eine großangelegte Gedenkveranstaltung.

Mit bunten und kreativen Aktionen wehren sich nun zahlreiche Wunsiedler Bürger gegen den braunen Aufmarsch, der nach vorherigen Verboten seit 2001 gerichtlich erlaubt ist. Vereint unter dem Motto „Wunsiedel ist bunt - nicht braun" protestierten am 21. August 2004 alle Kreise der Bevölkerung, von den Bauern über Geschäftsleute bis zur kirchlichen „Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus" und Erwachseneninitiative „Wunsiedel ist bunt". Den engagierten Bürgern ist auch die 2004 ins Leben gerufene Bürgerinitiative zu verdanken.

Eine Bilderausstellung „Heß - wir klagen an", die von Jugendlichen erstellt wurde, dokumentierte die Greueltaten des NS-Regimes. Einem ökumenischen Freiluft-Gottesdienst folgte die Luftballon-Aktion, bei der 3000 bunte Ballons als sichtbares Zeichen des Protests aufstiegen. Erstmals wurde die aus anderen Orten bekannte „Kehraus"-Aktion realisiert: In Straßenarbeiter- oder Müllmännerbekleidung folgten Einwohner einem Teil des braunen Aufmarsches und symbolisierten mit Besen in der Hand, dass sie das neonazistische Gedankengut wieder aus der Stadt kehren. Schließlich stellten sich weit über 100 Wunsiedler Bürger/innen unter Führung des Ersten und Zweiten Bürgermeisters dem rechtsextremem Marsch aus mehr als 4000 Teilnehmern in einer Straßenblockade entgegen.

Die erfolgreichen Aktionen in 2004 sollen keine Eintagsfliege bleiben. Deshalb haben die Stadtspitze, die Jugendinitiative und die neugegründete Bürgerinitiative für 2005 ein umfangreiches Programm u. a. mit Vorträgen, Zeitzeugengesprächen und Ausstellungen vorbereitet; Höhepunkt soll ein „Tag der Demokratie" am 20. August sein.
Die Wunsiedler haben mit ihrem Protest in 2004 verhindert, dass das Bild ihrer Stadt in der Öffentlichkeit durch den Nazi-Aufmarsch bestimmt wird. Wunsiedel ist ein nachahmenswertes Beispiel, wie sich Städte gegen wiederkehrende rechtsextreme Demonstrationen zur Wehr setzen können.

Preisträger: Interner LinkWunsiedler Bürgerinitiativen „Wunsiedel ist bunt – nicht braun“