28.11.2013

Interview mit dem Projekt "Wie wollt ihr euch erinnern?"

Die Fragen beantwortete Herr Dr. Oliver von Wrochem, Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

"Wie wollt ihr euch erinnern?" ist ein Projekt der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zur Beteiligung Jugendlicher an der Gestaltung und Ausstattung des Informations- und Dokumentationszentrums Hannoverscher Bahnhof und dessen Bildungsangeboten am Lohseplatz in der HafenCity Hamburg. Das Partizipationsprojekt bot von Oktober 2011 bis Juni 2012 insgesamt 34 Jugendlichen die Möglichkeit, sich sowohl an der Konzeption des Gedenkortes als auch an der Entwicklung von pädagogischen Angeboten zu beteiligen, um so anderen Jugendlichen den Zugang zu diesem Ort zu erleichtern. Das Projekt wurde am 18. Juni 2013 in Kiel als Preisträger im Wettbewerb "Aktiv für Demokratie und Toleranz" 2012 des BfDT ausgezeichnet.

Herr Dr. Oliver von Wrochem, Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, war so freundlich uns einige Fragen zu beantworten.

Wie kam das Projekt „Wie wollt ihr euch erinnern?“ zustande? Wer bzw. welche Organisationen waren daran beteiligt?

Impulsgeber und Initiator war der Landesjugendring Hamburg, die konkrete Durchführung lag in den Händen eines siebenköpfigen Teams unter Leitung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Hamburger Kulturbehörde unterstützte das Projekt wesentlich. In einer öffentlichen Ausschreibung von Mai bis August 2011 bewarben sich mehr als 70 Jugendliche von 19 Schulen aus dem Großraum Hamburg. 34 Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren beteiligten sich am Projekt, das im Oktober 2011 begann. Möglich wurde das Projekt mit Hilfe finanzieller und ideeller Förderer, darunter die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, das Amt für Wiedergutmachung der Sozialbehörde, die Moses Mendelssohn Stiftung, die Körber-Stiftung, der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die NORDMETALL-Stiftung, die HafenCity Hamburg GmbH, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, die Jüdische Gemeinde in Hamburg und die Rom und Cinti Union e.V. Ein 20-köpfiger Beirat aus Politik, Wissenschaft und Kultur begleitete die konzeptionelle Arbeit.

Was erhofften sich die Initiatoren von dem Partizipationsprojekt?

Im Mittelpunkt des geplanten Informations- und Dokumentationszentrums am ehemaligen Deportationsbahnhof Hannoverscher Bahnhof am Lohseplatz in der HafenCity wird die Ausstellung "In den Tod geschickt" stehen. Neben der Ausstellung sind ein Seminarraum sowie weitere Möglichkeiten für pädagogische Angebote vorgesehen. Die Initiatoren wollten die Wahrnehmung des Nationalsozialismus in der Generation heutige 16 bis 18 Jähriger und deren Vorstellungen zur gegenwärtigen Erinnerungskultur bei der Konzeption und Gestaltung des geplanten Gedenkortes und an der Entwicklung von pädagogischen Angeboten berücksichtigen, um so anderen Jugendlichen den Zugang zu diesem Ort zu erleichtern. Jugendgerechte Konzepte sollen Besucher/-innen zum Nachdenken anregen sowie über das Deportationsgeschehen aufklären. Zentrales Interesse war, den (Gedenk-)Ort inhaltlich und medial so zu gestalten, dass sich kommende Generationen aus Interesse (und nicht aus Pflichtgefühl) der nationalsozialistischen Vergangenheit zuwenden.

Wie kamen die Initiatoren auf die Idee Jugendliche an der Gestaltung und Ausstattung des Informations- und Dokumentationszentrums zu beteiligen? Wie kamen das Projekt und die Projektinhalte bei den Jugendlichen an?

Die Initiatoren hatten sich gefragt, was junge Menschen an Erinnerungsorten anspricht. Aus dieser Motivation heraus war es naheliegend, Interessen und Wünsche von Jugendlichen gleich in den Planungsprozess aufzunehmen. Das Ziel des Projekts bestand darin, Jugendliche selbst Ideen und Vorschläge für die Vermittlung des historischen Geschehens an Besucher/-innen, insbesondere Jugendliche, entwickeln zu lassen, um die geplante Gedenkstätte als Ort lebendigen Erinnerns zu gestalten. Da die Jugendlichen die Inhalte mitgestalten konnten, kam das Projekt bei ihnen sehr gut an.

Welche Ergebnisse und Erfolge konnten mit dem Projekt erzielt werden?

Ergebnisse
Die Jugendlichen setzten sich in insgesamt sieben zweitägigen Workshops in einer Mischung aus historischer Wissensvermittlung und kreativer Arbeit mit dem geplanten Informations- und Dokumentationszentrum und der geplanten Ausstellung auseinander. Dabei befassten sie sich sowohl mit den Perspektiven der Opfer als auch mit denen der Täter sowie Zuschauer/-innen der Deportationen und formulierten den Wunsch nach emotionalen Formen der Annäherung an das Thema Nationalsozialismus. Da die Ideen von den Jugendlichen selbst entwickelt wurden, drücken sie die Perspektive der beteiligten Jugendlichen auf das historische Geschehen und für junge Menschen ansprechende Erinnerungsformen aus. Die erarbeiteten Projektideen können sinnvoll in den Gedenkort eingebunden werden:

Hip-Hop/Musik: Die Jugendlichen setzten sich mit Musik unterschiedlicher Genres zu politischen Fragen auseinander und verfassten einen Hip-Hop-Song, der das Thema Deportationen behandelt und sich auf innovative Weise mit den Gefühlen der Opfer, aber auch mit der Rolle der Täter und Mitläufer auseinandersetzt. Der Gruppe war wichtig, dass das Hip-Hop-Stück Perspektiven von Opfern, Tätern und Mitläufern aufnimmt und Diskussionen über die Deportationen aus Hamburg anstößt.

Film: Grundlage des Dokumentarfilms über das Projekt "Wie wollt ihr euch erinnern?" bildete Material, das während des Projekts von einem Filmer aufgezeichnet wurde: Interviews mit den Jugendlichen, Eindrücke aus der Kleingruppenarbeit, Auszüge aus Gesprächen mit Experten/-innen sowie mit den Zeitzeugen/-innen und historische Fotografien/Filmausschnitte. Die Arbeitsgruppe wertete das Material aus, entwarf eine Kapitelabfolge, schlug eine Schnittliste vor und gab dem Film als Erzähler ihre Stimmen.

Blick zurück – Erinnerungsclips: Bei den Erinnerungsclips handelt es sich um kurze Videoclips, in denen sich Jugendliche zum Thema Gedenken äußern. Es ist jeweils eine Person zu sehen, die darüber Auskunft gibt, an wen sie sich erinnert und warum sie die Erinnerung an die Deportierten während des Nationalsozialismus bis heute für wichtig hält. Die Erinnerungsclips sollen im Dokumentationszentrum gezeigt werden, mit der Möglichkeit für Jugendliche diese Clips zu kommentieren und weitere eigene Clips zu produzieren.

Accessoires: Mit Hilfe von Merchandise-Artikeln soll die Aufmerksamkeit auf den entstehenden Gedenkort gelenkt und Neugier geweckt werden. Die Jugendlichen entwarfen Jutebeutel mit dem Spruch "Erinnere Dich" in verschiedenen Sprachen. Der mehrsprachige Aufdruck soll Menschen unterschiedlicher Herkunft ansprechen, zum Nachdenken anregen und mit dem Hinweis auf die Website des Gedenkortes Hannoverscher Bahnhof Interesse wecken. Eine weitere Idee der Arbeitsgruppe bestand in der Produktion von Stoffarmbändern, wie sie bei Festivals verteilt werden, mit dem Slogan "Erinnere Dich" bzw. "Remember".

Biografiewürfel: Die "Biografiewürfel" werden auf den Tischen, am Boden oder auf Regalen des Informations- und Dokumentationszentrums ausgelegt. Die verschiedenen Seiten des Würfels zeigen Lebensphasen und biographische Daten aus dem Leben von Menschen, die aus Hamburg deportiert wurden. Auf einer Seite des Würfels finden sich allgemeine biographische Angaben, zwei weitere Seiten beschreiben die Verfolgung während des Nationalsozialismus sowie den Werdegang nach 1945.

Mobiler Stand: Der "Mobile Stand" ist als Wanderausstellung gedacht, die bis zur Fertigstellung des Gedenkortes auf diesen hinweisen soll und temporär an unterschiedlichen Orten aufgebaut werden kann. Die Grundidee ist es, mit kreativen Ansätzen wesentliche Inhalte des geplanten Gedenkortes bekannt zu machen und das historische Geschehen der Deportationen schon vor der Realisierung des Gedenkortes im Bewusstsein der Hamburger Bevölkerung zu verankern.

Wegweiser: Wegweiser sollen den Gedenkort innerhalb der Stadt bekannter und sichtbar machen. Sie sollen an Orten aufgestellt werden, die im Zusammenhang mit den Deportationen der Hamburger Juden sowie Roma und Sinti stehen. Auf den Wegweisern sind Tafeln angebracht, die Informationen zum jeweiligen Ort sowie zum Hannoverschen Bahnhof beinhalten. Von jedem Wegweiser aus ist zudem die Entfernung zum ehemaligen Hannoverschen Bahnhof und zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme, angegeben. Zusätzlich erstellten die Jugendlichen eine Broschüre unter anderem mit Vorschlägen für Rundwanderwege.

Audio: Die Jugendlichen entwickelten audiogestützte Ideen für den Erinnerungsort. Sie erarbeiteten ein Konzept zur Gestaltung der Eingangssituation für die Ausstellung des Informations- und Dokumentationszentrums: Alle Besucher/-innen sollen durch einen abgedunkelten Raum gehen. In diesem "Tunnel" soll es eine Ton-Installation aus Zitaten und Tagebucheinträgen von Überlebenden unterschiedlichen Alters und Geschlechts geben. Diese Stimmen sollen aus allen vier Ecken des Raumes gleichzeitig zu hören sein, die sich in der Mitte des Raumes überlagern und entsprechend lauter werden, wenn man sich einer Ecke nähert. Diese Idee zielt auf einen emotionalen Einstieg in das Thema.

Erfolge
Im Juni 2012 präsentierten die Teilnehmenden des Projekts ihre Ideen und Konzepte für die Gestaltung des neuen Gedenkortes im Museum für Hamburgische Geschichte der Öffentlichkeit sowie Medienvertretern und fanden eine große Aufmerksamkeit. Auch wurden die Jugendlichen von der Presse mehrfach befragt und es gab Radio- und Fernsehbeiträge über das Projekt. Auf Tagungen, unter anderem der Körber-Stiftung und auf dem Historikertag 2012 haben Jugendliche über ihre Erfahrungen berichtet, auch am Kirchentag 2013 in Hamburg haben Jugendliche das Projekt vorgestellt. Sie haben auch an dem Film der Bundeszentrale für politische Bildung "Erinnern, aber wie? Herausforderungen der Gedenkstättenpädagogik von morgen" mitgewirkt. Im November 2012 erschien eine Dokumentation, die Inhalte und Ergebnisse des Projekts zusammenfasst. Im Dezember 2013 wurde das Projekt "Wie wollt ihr euch erinnern?" vom "Bündnis für Demokratie und Toleranz" als vorbildlich bewertet und mit dem Preis "Aktiv für Demokratie und Toleranz" ausgezeichnet. Jugendliche des Projekts wurden zudem eingeladen, im Januar 2013 an der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages, der 4. Internationalen Holocaust-Konferenz, dem Kirchentag in Hamburg im Mai 2013 und an der Tagung "Demokratisch handeln", vom 04.-07. Juni 2013 mitzuwirken.

Wird das Projekt weitergefĂĽhrt? Sind Jugendliche immer noch an der Gestaltung beteiligt oder in Ideenfindungsprozesse einbezogen?

Jugendliche sind auch nach dem offiziellen Projektabschluss eingeladen, die weitere Projektentwicklung eng zu begleiten. Es ist geplant, den "Mobilen Stand" vor Fertigstellung des Dokumentationszentrums im Jahr 2015 unter weiterer Mitarbeit von Jugendlichen zu realisieren. Ein zukünftiger Transfer der Projektergebnisse ist gesichert, da Mitglieder des Projektbeirates auch in der Kommission sitzen, die den weiteren Planungsprozess der Entwicklung des Gedenkortes Hannoverscher Bahnhof begleitet. So können die Ergebnisse des Beteiligungsprojekts bei der Gestaltung und der Bespielung des Gedenkortes berücksichtigt werden. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme erarbeitet in Kooperation mit anderen Trägern zurzeit pädagogische Materialien, die sich mit den Themen Erinnerungskultur und Deportation am Beispiel des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs befassen. Auch hier gehen die Ideen der Jugendlichen mit ein.

Gibt es wichtige Informationen, Termine oder Neuigkeiten, die Sie unseren Lesern/-innen gerne mitteilen möchten?

Für den Kirchentag ist eine kleine Ausstellung entwickelt worden, die ab Anfang August 2013 erneut am Lohseplatz zu sehen sein wird. Sie behandelt den historischen Hintergrund der Deportationen am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, den politischen Prozess der Entstehung einer Gedenkstätte am Lohseplatz und das Partizipationsprojekt "Wie wollt ihr euch erinnern?".