11.09.2008

DenkZeichen Erzgebirge

Preistr├Ąger im Wettbewerb "Aktiv f├╝r Demokratie und Toleranz 2007"

von Heike Liebsch
(Christliches Jugenddorfwerk Deutschland/Chemnitz e.V.)

Hintergrund
Im Ergebnis der Kommunalwahlen am 19.09.2004 zog die NPD sowohl in Stadt- als auch Kreisparlament mit jeweils knapp 10 % als viertst├Ąrkste politische Kraft ein. Dieses Wahlergebnis ist ein Signal f├╝r den latent wachsenden Einfluss rechtsextremer Positionen bis in die Mitte des kommunalen Gemeinwesens hinein.
Dies zeigt sich auch in einer zunehmend aktiven rechtsextremen Jugendszene im Landkreis, u.a. in sozialen Brennpunkten wie in Neubaustadteilen Freibergs sowie in der l├Ąndlichen Region, wo zudem kaum sozialp├Ądagogische Pr├Ąventivstrukturen vorhanden sind
Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland/Chemnitz (CJD) ist besonders in der Freiberger Region seit Anfang der 90er Jahre aktiv in Jugendprojekten gegen Extremismus, Rassismus und Antisemitismus engagiert, vor allem mit Projekten f├╝r arbeitslose Jugendliche und Langzeitarbeitslose

- zur Dokumentation regionaler j├╝discher Geschichte,
- mit umfangreicher ├ľffentlichkeitsarbeit, regionalen und ├╝berregionalen Ausstellungen, zahlreichen Publikationen,
- Weiterbildungsangeboten f├╝r schulische und au├čerschulische Jugendarbeit.

Im Mittelpunkt dieser Vorhaben stand dabei stets die Sensibilisierung besonders sozial benachteiligter Jugendlicher gegen Antisemitismus und Rassismus durch emphatisch intensive Begegnung mit regionaler Zeitgeschichte und deren Festigung demokratischer, zivilgesellschaftlicher Werte.
Seit 1992 widmet sich das CJD in seiner Au├čenstelle Freiberg der Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte der Juden in der Region. Wesentliches Augenmerk wird dabei auf die aktive Einbeziehung junger Menschen gelegt. In verschiedenen Jugendprojekten, zun├Ąchst finanziert durch XENOS, Civitas, Arbeits- und Sozialamt erhalten Jugendliche immer wieder die M├Âglichkeit, sich auf verschiedenen Ebenen mit dieser Thematik zu besch├Ąftigen und sich gleichzeitig pers├Ânlich durch Lernfelder und praktische Arbeitsbereiche weiter zu qualifizieren.
Das CJD in Freiberg ist damit ein regional anerkannter Partner und Anlaufpunkt f├╝r Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit/Antisemitismus und f├╝r die Multiplikatorenarbeit besonders in der politischen und schulischen Jugendarbeit.
Das CJD leistet mit seiner Arbeit dabei auch einen sehr konkreten Beitrag f├╝r die Ziele der im November 2004 im Landkreis Freiberg gegr├╝ndeten ÔÇ×Initiative gegen Extremismus", dem neben der Stadt Freiberg und vieler Kommunen des Landkreises auch Vereine und engagierte B├╝rger und B├╝rgerinnen angeh├Âren.
Durch die konkrete und langfristige Arbeit wurde aber auch deutlich, dass sich Tendenzen und Positionen im Bereich Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in bestimmten Bev├Âlkerungsgruppen verst├Ąrken und eine neue Qualit├Ąt erfahren. Gest├╝tzt wird diese Entwicklung durch Nichtwissen ├╝ber die tats├Ąchlichen Folgen des Nationalsozialismus. Oftmals waren Projektteilnehmer ├╝berrascht und eher bereit, ihre Position in Frage zu stellen, wenn sie mit konkreten Sachverhalten aus ihrer unmittelbaren Umgebung konfrontiert wurden. Hier setzt das Projekt ÔÇ×DenkZeichen Erzgebirge" an.

Ziel des Projektes

Die im Jahr 2005 geschaffene und bis Ende 2006 aus dem Bundesprogramm CIVITAS gef├Ârderte, seitdem im Wesentlichen auf ehrenamtlicher Basis t├Ątige CJD - Geschichtswerkstatt in Freiberg ist mit seiner inzwischen umfangreichen regionalgeschichtlichen Bibliothek und multimedialer Ausstattung als Ort von Projekttagen, Workshops und Ausstellungen zum zentralen Anlaufpunkt f├╝r Jugendliche, Sozialarbeiter, Lehrer und Ortschronisten im Landkreis geworden.
Mit dem Projekt ÔÇ×Geschichtswerkstatt DenkZeichen Erzgebirge" k├Ânnen die bisherigen umfangreichen Ergebnisse und Erfahrungen des CJD in der regionalen Geschichtsarbeit unter aktiver Beteiligung von Jugendlichen aufgearbeitet und multiplikatorisch genutzt werden. Au├čerdem wird b├╝rgerschaftliches Engagement zur Aufkl├Ąrung und Aufarbeitung durch Einsatz der Ergebnisse in der direkten Bildungsarbeit in Vereinen und Schulen gest├Ąrkt.

Zielgruppen des Projektes

Das Projekt richtet sich vorrangig an Multiplikatoren aus den unterschiedlichsten Kontexten, an Sozialarbeiter aber auch Lehrer.
Au├čerdem werden durch spezifisch zugeschnittene Einzel-Projekte Kinder, Sch├╝ler und Jugendliche in den Altersgruppen 8 - 20 angesprochen. Im Rahmen der konkreten Vor-Ort-Forschung wird gro├čer Wert auf die Einbeziehung interessierte B├╝rger im Ehrenamt (Ortschronisten, Vereinsmitglieder, individuell t├Ątige Historiker usw.) gelegt, um so b├╝rgerschaftliches Engagement gerade in diesem Themenbereich zu entwickeln und zu f├Ârdern.
├ťber die Einbindung von B├╝rgern im Ehrenamt und Sozialarbeitern/P├Ądagogen ist die multiplikatorische Wirkung von guten Ergebnissen und Erfahrungen in der Jugendprojektarbeit gegen Rassismus und Antisemitismus wirkungsvoll und breitfl├Ąchig m├Âglich; zugleich werden damit sowohl die ├Âffentliche Bekanntheit wie auch die Netzwerkarbeit verschiedener Projekte gef├Ârdert.

Aktivit├Ąten

Zur konkreten Arbeit geh├Âren im Rahmen der Geschichtswerkstatt:
- Bereitstellung von Material, Hilfe bei der Suche nach Quellen und Partnern
- regelm├Ą├čige Workshops mit Ortschronisten, Sozialarbeitern, Lehrern und engagierten B├╝rgern
- Unterst├╝tzung und Mitwirkung bei der Einrichtung kommunaler ÔÇ×Denkzeichen", mit denenan

Ereignisse und Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Kommunen des Landkreises ├Âffentlich erinnert und die Auseinandersetzung damit gef├Ârdert werden kann.
Seit Februar 2007 informiert die Homepage www.juden-in-mittelsachsen.de der Geschichtswerkstatt ├╝ber die langj├Ąhrige Projektarbeit Jugendlicher im CJD in Freiberg zur j├╝dischen Regionalgeschichte und macht deren Ergebnisse der ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich. Die website selbst wurde von einem jungen Erwachsenen gestaltet, der im Ehrenamt in der CJD-Geschichtswerkstatt mitarbeitet. Als CD-ROM wurden die Inhalte der Internet-Pr├Ąsentation allen Schulen des Landkreises Freiberg, interessierten Vereinen und kommunalen Einrichtungen wie Archiven und Museen kostenlos zur Verf├╝gung gestellt.
Die CJD-Geschichtswerkstatt war Initiator einer Initiativgruppe STOLPERSTEINE gemeinsam mit den Freiberger Wirtschaftsjunioren e.V. und der Freiberger Agenda 21 e.V., die alle inhaltlichen und organisatorischen Voraussetzungen f├╝r diese ├Âffentliche W├╝rdigung und Erinnerung an die Opfer des Holocaust schuf. Dies m├╝ndete in die Verlegung von 8 Stolpersteinen in Freiberg, was in dieser Stadt auch zu aktiven Auseinandersetzungen im ├Âffentlichen Raum f├╝hrte. Der Verlegung gingen umfangreiche und intensive Recherchen zu den biografischen Daten der Familien der Opfer voraus, in die sowohl Sch├╝ler des Freiberg-Kollegs, jugendliche Teilnehmer an Projektarbeiten des CJD in Freiberg selbst, aber auch viele engagierte B├╝rger im Ehrenamt aktiv einbezogen waren.

Ergebnisse
Die kontinuierliche Recherche- und Vorbereitungsarbeit der Geschichtswerkstatt zur Erforschung der sog. ÔÇ×Todesm├Ąrsche" am Ende der NS-Zeit und zur Aktion ÔÇ×Stolpersteine" ist mit sehr gro├čer ├ľffentlichkeitswirksamkeit erfolgt.
In der l├Ąndlichen Region des mittleren und oberen Erzgebirges konnten zahlreiche Einzelpersonen zu einer aktiven Mitarbeit bei der konkreten regionalen Forschungsarbeit gewonnen werden und so eine wichtige Vorarbeit zu direkten Bildungsma├čnahmen geleistet werden. Wichtig und als Erfolg anzusehen ist aber vor allem die erzeugte Bereitschaft, sich mit einem Geschichtsaspekt ihrer unmittelbaren Heimat auseinanderzusetzen, der bis dato zumeist verschwiegen wurde. Im Verlauf der letzten Jahre ist es durch unser Projekt gelungen, in verschiedenen Kommunen des Landkreises interessierte B├╝rger, darunter B├╝rgermeister und Ortschronisten, zu aktivieren, sich konkret mit diesem Teil der NS-Geschichte und deren Wirkungen im kommunalen Umfeld zu besch├Ąftigen.
Erstmalig konnte au├čerdem mit der Verlegung der ersten ÔÇ×Stolpersteine" durch den K├Âlner K├╝nstler Gunter Demnig in Freiberg sichtbare und dauerhafte Zeichen der W├╝rdigung rassischer Opfer des NS-Regimes gesetzt werden
Die ├╝ber Monate durch Recherchearbeiten und wiederholte Treffen der Initiativgruppe dauernden Vorbereitungsarbeiten haben deutlich zur Aktivierung ehrenamtlichen Mitwirkens und zur Wirkung in der jugendpolitischen Bildungsarbeit in Schulen und Vereinen beigetragen.
Die Internet-Pr├Ąsenz der Geschichtswerkstatt sowie die CD-ROM haben in der Region, aber auch weit dar├╝ber hinaus in der Bundesrepublik und international (Israel) gro├če Beachtung gefunden
Eine Brosch├╝re zum Freiberger Schocken-Kaufhaus ist regional in der Bev├Âlkerung sehr interessiert aufgenommen worden und hat zu vielen neuen Kontakten mit Zeitzeugen gef├╝hrt, die Ansto├č f├╝r weitere Recherchen sein werden. Diese Ver├Âffentlichung hatte auch direkt Einfluss auf den erfolgreichen Abschluss der langj├Ąhrigen Verhandlungen der Stadt Freiberg mit der Schocken-Erbengemeinschaft in Israel.



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CJD Chemnitz
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