25.05.2009

Außenforum „Gedenkstätte Hohenschönhausen“ am 22. Mai 2009

"Heute haben wir die SchlĂĽsselgewalt!"

Foto: Auf den Spuren der Geschichte
Foto: Führung durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Foto: Zeitzeugen Thomas Raufeisen, Peter Rueg, Dieter Walter (v.l.)
Nicht nur in Workshops können die Teilnehmer beim Jugendkongress des Bündnisses für Demokratie und Toleranz (BfDT) zu interessanten Themen arbeiten. Darüber hinaus führen täglich Außenforen in verschiedene Einrichtungen, die die Jugendlichen vor Ort besichtigen und so in andere Lebenswelten eintauchen können. Am 22. Mai 2009 stand der Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen auf dem Programm.

Um neun Uhr morgens trafen sich die etwa 40 Teilnehmer an der Gedenkstätte. Zur Einführung wurde ein Dokumentarfilm gezeigt, der die lange Geschichte des Gefängnisses in Hohenschönhausen erzählte. Anfänglich wurde es von den sowjetischen Besatzungsmächten als Internierungslager genutzt; viele Kriegsgefangene fanden hier den Tod, für viele begann der Leidensweg in die sowjetischen Arbeitslager. Nach der ersten Phase der „Entnazifizierung“ ging das Lager in den Besitz der DDR-Regierung über. Der geheime Sperrbezirk in Berlin-Hohenschönhausen wurde zum Untersuchungsgefängnis des Ministeriums der Staatssicherheit (MFS). Während sich im Laufe der Zeit die hygienischen und räumlichen Haftbedingungen verbesserten, entwickelte das MFS immer subtilere Formen der Folter. Große Rolle spielte dabei die systematische Verwirrung und Zermürbung der Gefangenen. Etwa 250.000 Menschen sind insgesamt durch Lager und Gefängnis gegangen. Bis heute lässt das Ausmaß der erlittenen seelischen Zerrüttung als Folge der Haft nur erahnen.

Im Anschluss besichtigten die Teilnehmer in drei Gruppen das weitläufige Gefängnisareal. Die Führung der Gruppen übernahmen drei Zeitzeugen, die selbst Gefangene in Hohenschönhausen waren. Thomas Raufeisen, Dieter Walter und Peter Rueg waren zu unterschiedlichen Zeiten in Hohenschönhausen inhaftiert und stellten die Haftbedingungen dreier Generationen Gefangener dar. In ihren Berichten erzählten sie eindrucksvoll ihre Erfahrungen mit dem übermächtigen Staatsapparat der DDR. „Der Vernehmer machte immer deutlich, er ist unfehlbar, als Gefangener hatte man keine Rechte,“ sagte Dieter Walter. Auch seine Verurteilung sei eine Farce gewesen, Schuld und Strafe hätten von vornherein festgestanden. „Im Gerichtssaal prangte groß der Satz `Recht ist, was uns nützt`, was für eine Ironie.“ Denn verhaftet wurden alle drei unschuldig, was die Jugendlichen besonders schockierte. Das Vergehen von Dieter Walter bestand in regimekritischen Äußerungen, die er im Unterricht einbrachte. Er sei naiv gewesen, hätte als Schüler die möglichen Konsequenzen nicht einmal erwogen. Direkt aus der Abiturprüfung wurde er geholt und verhaftet. Was folgte waren die qualvolle Untersuchungshaft, eine mehrjährige Haftstrafe, danach Bildungsverbot und ständige Bespitzelung.

Auch wenn das SED-Regime vor 20 Jahren endete, beschäftigen die psychischen Folgen der Haft die ehemaligen Insassen bis heute. Die Vergangenheit könne einen in jeder alltäglichen Situation wieder einholen, so Walter. Zum Beispiel wenn das Parfum des Sitznachbarn im Kino an das des Vernehmers erinnere. „Sie können dann gleich nach Hause gehen. Für diese Vorstellung sitzen Sie wieder in Ihrer Zelle,“ erzählt der 1960 Verhaftete. Für die ehemaligen Gefangenen und für die nächsten Generationen fordert er eine stärkere Aufarbeitung der Verbrechen unter der SED-Diktatur. Nur durch Erinnern, nicht durch Verdrängen können diese Wunden heilen. Deshalb arbeitet er ehrenamtlich als Zeitzeuge und Führer in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Das Gespräch mit ihm und den anderen Zeitzeugen schätzten die Jugendlichen sehr. Für sie war es eine einmalige Gelegenheit, aus erster Hand mehr über das Thema zu erfahren. Denn der Bedarf ist groß. Im Gegensatz zu NS-Regime und Zweitem Weltkrieg wissen die Jugendliche über SED und MFS nach eigener Aussage nur sehr wenig. „Das meiste über die DDR habe ich heute zum ersten Mal gehört, vieles war erschreckend,“ meint Carolin Werhahn vom Gymnasium in Meschede. Die Zeitzeugenberichte wecken dabei sehr viel Verständnis. „Sie haben alles viel näher gebracht. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Vortrag höre oder die Geschichte von jemandem, der das wirklich erlebt hat,“ so Lara Ewert, ebenfalls vom Mescheder Gymnasium.

Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ein anderer Ort geworden. Die Möglichkeit, dass sich Besucher und Zeitzeugen gemeinsam auf die Spur der Geschichte begeben, zeigt symbolisch die veränderten Machtverhältnisse. „Heute haben wir die Schlüsselgewalt! Da ist man schon stolz drauf,“ sagt Peter Rueg, an diesem Tag der Älteste unter den zu Unrecht Verurteilten. Gemeinsam müssten alle daran arbeiten, dass dieses Kapitel deutscher Geschichte in der heutigen Gesellschaft aufgearbeitet wird. Um dann aus Fehlern auch lernen zu können.