13.10.2016

Wunsiedler Forum: „Was tun gegen den Hass? Was tun gegen den Hass!“ am 05. Oktober 2016

RĂĽckblick auf das neunte Wunsiedler Forum in Wunsiedel

Zum neunten Wunsiedler Forum haben sich am 05. Oktober 2016 rund 100 Engagierte aus Initiativen, Bündnissen, Vereinen, Netzwerken sowie kommunalpolitische Verantwortliche, die sich für eine tolerante, weltoffene Gesellschaft einsetzen, in der oberfränkischen Stadt getroffen, um über das Thema „Was tun gegen den Hass? Was tun gegen den Hass!“ zu diskutieren.

Begrüßung durch Karl-Willi Beck, erster Bürgermeister der Stadt Wunsiedel (Foto: Stadt Wunsiedel)BegrĂĽĂźung durch Karl-Willi Beck, erster BĂĽrgermeister der Stadt Wunsiedel (Foto: Stadt Wunsiedel)
Mit der ehemaligen Grabstätte des verurteilten Kriegsverbrechers Rudolf Heß war die Stadt Wunsiedel jahrelang Aufmarschort für Neonazis aus ganz Deutschland und Europa. Der erfolgreiche Widerstand der Wunsiedler Bürger/-innen gegen Rechtsextremismus gilt inzwischen bundesweit als beispielhaftes Modell für zivilgesellschaftliches Engagement. Das Wunsiedler Forum wird seit mehreren Jahren in einer Kooperation der Stadt Wunsiedel, des BfDT und des Bayerischen Bündnisses für Toleranz – Demokratie und Menschenwürde schützen ausgerichtet.

Die Akteure der Zivilgesellschaft für ein tolerantes Miteinander sehen sich zunehmend mit diskriminierender und abwertender Hassrede, Falschmeldungen und Verschwörungsideologien konfrontiert. Abwertende Einstellungen und Diskriminierungen sind vielschichtig und tauchen in sehr unterschiedlichen Kontexten auf, der Grat zwischen populistischen Stammtischparolen und offen artikuliertem Hass ist schmal. In sozialen Netzwerken wie Facebook können sich Hassparolen ungehindert weiter verbreiten, die Verfasser der Kommentare kaum nachvollzogen werden. Doch wie sollen Bürger/-innen mit rechtem Hass umgehen? Dieser Frage widmete sich das neunte Wunsiedler Forum.

Dr. Gregor Rosenthal, Leiter der Geschäftsstelle des BfDT, betonte in seinem Grußwort, dass eine aktive Zivilgesellschaft unerlässlich und es wichtig sei, Stereotypen zu entlarven und offensiv gegen Rechtsextremismus vorzugehen. Nach der Begrüßung durch Karl-Willi Beck, Erster Bürgermeister der Stadt Wunsiedel, wurden in den Werkstätten zu den Themen Engagement/Vernetzung, Arbeit/Wirtschaft, Religion/Glaubensgemeinschaften, Presse/Zeitungsredaktionen, Social Media und Familie/Bekanntenkreis gemeinsame Lösungsansätze und Handlungsschritte diskutiert und weiterentwickelt. Viele Engagierte äußerten im anschließenden Plenum ihr Bedürfnis nach einer besseren Koordination und Vernetzung der Ehrenamtlichen. Zudem dürften nicht nur Phänomene wie die Pegida- Bewegung bekämpft werden, sagte Martin Becher, vielmehr müssten sich alle „mit den Ursachen dieser Entwicklungen beschäftigen.“

Abgeschlossen wurde die Veranstaltung von zwei Impulsen und einem Podiumsgespräch, in dem noch einmal intensiv diskutiert wurde: Radikalisierung von Rechtsextremisten, so Markus Schäfert, Pressesprecher des Bayrischen Landesamtes für Verfassungsschutz, finde vermehrt „in den eigenen vier Wänden“ statt, „heute treten die Akteure häufig nicht mehr als Vertreter der NPD auf, sondern geben sich als Bürgerinitiative aus.“ Immer häufiger seien engagierte Menschen Anfeindungen, abwertenden Hassreden und Bedrohungen auch in ihrem persönlichen Umfeld ausgesetzt. Viele Straftaten würden insbesondere von Leuten aus der Nachbarschaft begangen. Martin Becher, Geschäftsführer des Bayrischen Bündnisses für Toleranz, ergänzte, dass Expert/-innen heute bei dem Phänomen des Hasses aus der Mitte der Gesellschaft von einem Übergangsfeld sprechen. Abschließend erfolgte der Ausblick auf das kommende Jahr.

Eintrag in das goldene Buch der Stadt Wunsiedel (Foto: Stadt Wunsiedel)Eintrag in das goldene Buch der Stadt Wunsiedel (Foto: Stadt Wunsiedel)
Die engere Zusammenarbeit des BfDT mit der Stadt Wunsiedel hatte 2004 nach dem jährlich stattfindenden BfDT-Jugendkongress begonnen. Junge Menschen berichteten damals von den Aufmärschen vor Ort und ihrem Bedürfnis, sich langfristig für ein demokratisches Miteinander in ihrer Region einzusetzen. Das BfDT wird sich nun nach Beschluss des Beirats des Bündnisses als finanzieller Partner des Wunsiedler Forums zurückziehen. Das Wunsiedler Forum sei mittlerweile derart etabliert, dass es keiner Unterstützung mehr bedürfe, erklärte Dr. Gregor Rosenthal. Gezeigt hat dies unter anderem auch eine Entwicklung in der Teilnehmendenstruktur: So hatten dieses Jahr erfreulicherweise knapp die Hälfte der Teilnehmenden zuvor noch an keinem Wunsiedler Forum teilgenommen. „Daher ziehen wir uns zurück und schieben ein vergleichbares Modell an“. In Planung ist bereits – nach Vorbild des Wunsiedler Forums – eine neue Initiative für Toleranz und gegen Rechtsextremismus mit dem Länderbündnis Mecklenburg-Vorpommern; ein landesweites Forum für Demokratie, in dem sich Verantwortliche aus Politik, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Initiativen austauschen können.

Dem Projekt bleibt das BfDT aber auch in Zukunft als Kooperationspartner treu. Für die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit wurde Dr. Gregor Rosenthal im Rahmen der Veranstaltung die Ehre zuteil, sich in das Goldene Buch der Stadt Wunsiedel einzutragen.