"Es wird Zeit für die Öffnung der Ehe und ein vollständiges Adoptionsrecht!"

Interview mit Marc Langer, erster Vorsitzender des Gay in May e.V.

Marc Langer ist erster Vorsitzender des Osnabrücker Vereins Gay in May, ein gemeinnütziger Trägerverein für die schwul-lesbischen Kulturtage in Osnabrück. Er und seine Kolleg/-innen setzen sich damit jährlich im Mai mit unterschiedlichen Veranstaltungen, ob Lesungen, Filmvorführungen, Partyveranstaltungen, Vorträge oder Konzerte, die sich mit dem Thema Homophobie befassen, gegen Vorurteile und Ungleichbehandlung und für Aufklärung ein. Für diesen wichtigen Beitrag für mehr Toleranz wurde der Gay in May e.V. im Rahmen des Aktiv-Wettbewerbs des BfDT am 15. Mai 2017 in Oldenburg ausgezeichnet.
Bettina Paul (links) und Marc Langer (rechts), Vorstandsvorsitzende des Gay in May e.V. und Moderator Frank Mayer (Mitte) bei der Verleihung des Rosa Courage Preises 2016 (Foto: Gay in May e.V.)Bettina Paul (links) und Marc Langer (rechts), Vorstandsvorsitzende des Gay in May e.V. und Moderator Frank Mayer (Mitte) bei der Verleihung des Rosa Courage Preises 2016 (Foto: Gay in May e.V.)

Aus welchem Anlass wurde der Verein gegründet?

Die schwul-lesbischen Kulturtage „Gay in May“ wurden seit 1979 von verschiedenen Gruppen und Vereinen organisiert. 2007 fand sich kein Trägerverein, der die Buchhaltung und Finanzverwaltung übernehmen konnte, so dass die Gründung eines eigenen Vereins notwendig wurde.

Bis zum 30. Mai finden in Osnabrück die 39. schwul-lesbischen Kulturtage „Gay in May“ unter dem Motto „Es wird Zeit!“ statt. Was hat es mit dem Motto auf sich?

Mit der Bundestagswahl im September entscheidet sich für Lesben und Schwule die weitere Entwicklung: Werden unsere Forderungen umgesetzt oder gibt es womöglich Rückschritte in der Gleichstellung und Akzeptanz? Wir sagen: Es wird Zeit für die Öffnung der Ehe ebenso wie für ein vollständiges Adoptionsrecht! Auch die nach §175 StGB („Schwulenparagraph“) verurteilten Menschen werden hoffentlich noch in diesem Jahr entschädigt. Es wird Zeit, die Menschen zu rehabilitieren und zu entschädigen, die für ihre Art zu leben und zu lieben zu Unrecht bestraft wurden. Gay in May greift mit dem Motto „Es wird Zeit!“ in diesem Jahr die politische Entwicklung auf und informiert, vor allem in Zeiten von moderner Propaganda und Fake-News.

Gibt es Veranstaltungsempfehlungen oder Neuigkeiten im Rahmen der schwul-lesbischen Kulturtage, die Sie unseren Leser/-innen ans Herz legen möchten?

Am 9. Mai 2017 haben Osnabrücker Vertreter/-innen aus den Parteien und der Gesellschaft bei einer Podiumsdiskussion Themen wie Eheöffnung und Adoptionsrecht, aber auch weitere Fragen aus dem Publikum diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass nicht alle Parteien die „Ehe für alle“ wollen. Umso wichtiger ist es, dass am 24. September 2017 die Bevölkerung über eine entsprechende Abstimmung ihren Willen kundtut.
In einem weiteren Workshop wurden Erfahrungen und Best-Practice-Beispiele für die Unterstützung von homo- und transsexuellen Geflüchteten diskutiert. Erfreulicherweise entstehen in immer mehr Städten lokale Unterstützungsgruppen, und auch die Zusammenarbeit soll über die neue niedersächsische Vernetzungsstelle intensiviert werden.
Ein großes Problem bleibt die Bereitstellung von adäquatem Wohnraum für schutzbedürftige Geflüchtete, die in Gemeinschaftsunterkünften nicht offen leben können und zum Teil von Gewalt und Mobbing betroffen sind.

Ein Highlight der Kulturtage ist zudem die Verleihung des Interner LinkRosa Courage Preises am 22. Mai an Persönlichkeiten, die sich für die Belange von Schwulen und Lesben einsetzen. Mit welchem Engagement hat sich der diesjährige Preisträger, der Grünen-Politiker Volker Beck, verdient gemacht?

Volker Beck (Foto: Angelika Kohlmeier)Volker Beck (Foto: Angelika Kohlmeier)
Sein Einsatz für Minderheiten begann früh. So bekämpfte er 1986, auf dem Höhepunkt der AIDS-Hysterie, die restriktive Politik von Peter Gauweiler, dem damaligen Staatssekretär des Bayerischen Innenministeriums, der unter anderem Zwangsuntersuchungen für Nicht-Europäer und „Risikogruppen“ wie Homosexuellen verlangte. Seit den 1980ern war Volker Beck neben seinem friedenspolitischen Einsatz auch in der Schwulenpolitik aktiv. So arbeitete er von 1987 bis 1990 als Schwulenreferent bei der Bundestagsfraktion der Grünen, war bis 1994 auch Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Schwulenpolitik in der Partei. Von 1991 bis 2004 agierte er zudem als Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD). Seit 1994 arbeitet Volker Beck auch im Deutschen Bundestag, wo er sich bereits früh für die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben einsetzte, die ersatzlose Streichung des § 175 StGB sowie die Abschaffung von „Rosa Listen“ forderte, mit der das Merkmal „homosexuell“ in Polizeidokumenten auftauchte.
Auch außerhalb Deutschlands warb Volker Beck stets für die Gleichstellung von Homosexuellen, etwa in Russland, Polen oder in der Türkei. Dabei konnten ihn weder Drangsalierungen, körperliche Übergriffe noch Gefängnis-Inhaftierungen von seinem Einsatz, etwa auf verschiedenen Pride-Märschen, abhalten.
Daneben forderte Volker Beck auch stets die Anerkennung von im Nationalsozialismus begangenem Unrecht ein. 2002 wurde Beck für sein Engagement für die Entschädigung der Opfer der NS-Diktatur mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Als religionspolitischer Sprecher seiner Partei förderte er unter anderem schon früh den Dialog mit dem Islam und seinen Vertretern.

Es wäre schön, wenn wir ein weltpolitisches Klima erreichen könnten, das für LSBTI-Menschen weniger feindlich ist.



Rosa Courage Preis 2016 (Foto: Gay in May e.V.)Rosa Courage Preis 2016 (Foto: Gay in May e.V.)

Laut einer Interner LinkStudie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu den „Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland“ hat sich die Akzeptanz gegenüber Homosexuellen in der Bevölkerung verbessert. Empfinden Sie das auch so? Mit welchen Anfeindungen und Diskriminierungen haben Homosexuelle noch immer zu kämpfen und wie äußert sich bestehende Diskriminierung?

Es gilt mittlerweile als politisch inkorrekt gegen Homosexuelle oder deren Gleichstellung zu sein. Dennoch gibt es weiterhin viele Vorurteile oder Unsicherheiten in den Köpfen, die teilweise zur Ablehnung, Angst oder Diskriminierung führen, obwohl dies oft nicht rational begründet werden kann. Daraus folgen beispielsweise Proteste gegen eine Thematisierung im Schulunterricht und homophobe Lieder oder Fangesänge im Sport. Beides sorgt für ein Klima, in dem ein offenes Leben als Homo- oder Bisexueller schwierig ist und ein Coming Out oft vermieden wird. Bei der Ablehnung der völligen Gleichstellung der Ehe und des Adoptionsrechts reicht manchmal schon ein „Bauchgefühl“, um eine Zustimmung zu verweigern. Dies alles zeigt eine Grundstimmung auf, die noch nicht offen und diskriminierungsfrei ist. Besorgt machen mich die wieder zunehmenden Fälle von homophober Gewalt, beispielsweise in Berlin.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Es wäre schön, wenn wir ein weltpolitisches Klima erreichen könnten, das für LSBTI-Menschen (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender, Intersexuell) weniger feindlich ist. In vielen Staaten drohen noch Gefängnisstrafen, die Akzeptanz in der Bevölkerung ist außerhalb der westlichen Welt oft sehr schlecht. Auch sogenannte „sichere Herkunftsländer“ sind zum Teil kein sicherer Ort für Homosexuelle. Hier muss noch viel erreicht werden. Abschiebungen in diese Länder sollten nicht erfolgen dürfen.


 

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