Religionen im Gespräch - Der Friedensweg der Religionen in Marburg

von Christine Heigl

Foto: Zu Besuch in einer Moschee (Heigl)
Im Jahr 2006 begann sich eine Gruppe aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionen zu regelmäßigen Gesprächen zu treffen. Muslime, Juden, Bahá’i, Buddhisten und Christen näherten sich an, tauschten sich aus und fanden zueinander: Der Runde Tisch der Religionen in Marburg war geboren.

Über dessen Anfänge berichtet der emeritierte evangelische Theologieprofessor Hans-Martin Barth: „An der Universität Marburg hatte ich internationale Symposien zum interreligiösen Dialog organisiert und durchgeführt. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn hat, Gesprächspartner aus aller Welt einzufliegen und den Dialog nicht mit den in Marburg lebenden nichtchristlichen Gemeinden zu führen. Eine glückliche Fügung wollte es, dass der Pfarrer an der Universitätskirche Hannes Eibach eine ähnliche Regung verspürte, also suchten wir Gesprächspartner.“

Seither haben viele Gespräche am Runden Tisch der Religionen stattgefunden. An wechselnden Orten – Synagoge, Moschee, buddhistisches Shambhala-Zentrum, kirchliche Häuser, aber auch privat – wurde diskutiert über Themen wie Symbole, Märtyrertum, Humor in den Religionen, die Bedeutung von Festen, Vergeltung und Vergebung, um nur Einiges zu nennen. Basistexte wie das buddhistische Herzsutra, das Vaterunser oder Suren aus dem Koran wurden vorgestellt, gesellschaftliche und politisch aktuelle Themen berührt.

Aber auch Brisantes wurde nicht vermieden. So gab es etwa Abende zu Themen wie ‘Was stört uns aneinander‘ und ‘Wo beginnt die Beleidigung meiner Religion‘. „Es geht nicht um ‘Kuscheldialog‘. Zum Respekt gehört auch, den anderen in seiner ‘Glaubens- und Überzeugungswelt‘ zu belassen und nicht zu missionieren, sondern ihn so anzunehmen wie er/sie ist und zumindest zu versuchen zu verstehen. Alle Religionen haben Werte, die ihnen gemeinsam sind, die vor allem den Charakter des Menschen verbessern sollen und sie zu guten, konstruktiven, proaktiven Menschen machen“, so der muslimische Arzt Bilal El-Zayat. „Der Runde Tisch bemüht sich, diese Synergien zu nutzen, um unser Zusammenleben bestmöglich in Respekt und Akzeptanz zu gestalten.“ Dr. El-Zayat benutzt hier bewusst das Wort Akzeptanz, da es nach seinem Verständnis weiter reicht als der Begriff der Toleranz.

Ein Lenkungskreis, bestehend aus drei Frauen (Jüdin, Buddhistin und Bahá’i) und drei Männern (Muslim und Christen), bereitet über die Gesprächskreise hinaus öffentliche Veranstaltungen in Marburg vor. Podiumsgespräche im Rathaus werden angeboten, Gastreferenten eingeladen. Eine Exkursion zum Sommerfest der Bahá’i ins Haus der Andacht in Langenhain, von Kelly Herndon aus der Bahá’i-Gemeinde angeregt und organisiert, steht allen Interessierten ebenso offen wie der Friedensweg der Religionen, der jedes Jahr im Herbst in Marburg stattfindet. "Marburg ist eine offene Stadt mit interessierten Bürgern, die unsere Angebote zum Dialog gerne nutzen. Das Bedürfnis zum Kennenlernen und Austausch jenseits des wissenschaftlichen Diskurses ist groß und wir versuchen hier unseren Teil für ein gelingendes Zusammenleben beizutragen", erklärt Monika Bunk von der Jüdischen Gemeinde. So wird von den Marburgerinnen und Marburgern insbesondere der Friedensweg der Religionen wahrgenommen und genutzt, um einen Blick ‘Hinter die Kulissen‘ und in die Räumlichkeiten der verschiedenen in Marburg angesiedelten Religionsgemeinschaften zu werfen.

Der ‘Friedensweg‘ beginnt in der Moschee und führt über das Rathaus, wo sich die Bahá’i-Gemeinde vorstellt, zur Universitätskirche und zum buddhistischen Shambhala-Zentrum bis zur Synagoge. An jeder Station stellt sich die jeweilige Gemeinschaft vor, erklärt Einzelheiten zu Räumlichkeiten und Zeremonien, präsentiert und erläutert einen kurzen Text, ein Gebet oder Rezitationen. Gelegentlich werden Getränke und kleine Speisen gereicht. Kinder springen umher, probieren auch mal aus, wie man ein Kopftuch bindet und trägt, schlagen Gong und Trommel im buddhistischen Zentrum und hüpfen fröhlich über Meditations-Sitzkissen, die sie zum Bauen kleiner Häuschen anregen. Die Friedensweg-Wanderer kommen auf ihren Wegen zwischen den verschiedenen Stationen miteinander ins Gespräch, können mit verschiedensten Religionszugehörigen diskutieren; Sie werden in der Oberstadt auch von Passanten angesprochen, die wissen wollen, was hier vor sich geht.

Der Buddhismus lehrt die Unvoreingenommenheit in jedem Moment und jedem Menschen gegenüber. Das Einander-Begegnen mit uneingeschränkter Offenheit gilt als eine ‘Frucht‘ aller Bemühungen und führt zu Mitgefühl und Freundlichkeit.

Der evangelische Pfarrer Dietrich Hannes Eibach fasst das wie folgt zusammen: „Ich glaube, dass wir nicht eine Einheit der verschiedenen Religionen brauchen, sondern Frieden zwischen den sich immer stärker ausdifferenzierenden Religionsgemeinschaften. Ich habe erfahren, dass diese Gemeinschaften etwas Entscheidendes zu dem Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden in einer städtischen Gesellschaft beitragen können, wenn sie einander begegnen und voneinander lernen. Je mehr ich mich in dem gemeinsamen Prozess auf meinen eigenen Glaubensweg einlasse und darin Wurzeln ausbilde, umso mehr kann ich mich für andere religiöse Erfahrungen öffnen und die Weite wie auch die Vielfältigkeit annehmen, in der Menschen von der umfassenden Wirklichkeit des Lebens selbst angesprochen und berührt werden. Die Art und Weise, in der wir in den vergangenen sechs Jahren in unseren Rundgesprächen Themen beleuchten und von innen heraus darstellen konnten, hat mich zu mancher Einsicht und zu einer respektvollen Achtsamkeit vor den Dialogpartnerinnen und Partnern geführt.“

Für mich persönlich, die ich der buddhistischen Shambhala-Gemeinschaft angehöre, war es schon immer ein besonderes Anliegen, interkulturell und interreligiös im Gespräch zu sein und Menschen zu begegnen, die einen Weg des ‘Miteinander' gehen und sich den kleinen und großen Fragen des Lebens stellen. Den Runden Tisch der Religionen, die Gesprächskreise mit allen Beteiligten, die öffentlichen Veranstaltungen mit den teilnehmenden, diskutierenden und streitenden Marburger Bürgern und nicht zuletzt meine Begleiter und Begleiterinnen im bereits erwähnten Leitungskreis schätze ich sehr. Ich denke, ich spreche hier im Sinne aller anderen aktiv Beteiligten, wenn ich sage, dass es ein besonderes Anliegen und eine besondere Freude ist, dem Runden Tisch der Religionen in Marburg anzugehören und damit beizutragen, Ängste und Vorbehalte vor dem, was fremd scheint und vielleicht sogar Angst einflößt, mit Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen. Das Einander-Kennenlernen baut Vorurteile ab, bringt Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen zueinander und führt häufig auch zu neuen Freundschaften.

Den Aktiv-Preis, der uns vom Bündnis für Demokratie und Toleranz verliehen wurde, verstehen wir als anerkennende Unterstützung für unser bisheriges und zukünftiges Engagement auf diesem gemeinsamen Weg.

Interner LinkHomepage Runder Tisch Marburg


 

Informiert bleiben

Facebook
YouTube

Logo BPB
Seit 2011 ist die Geschäftsstelle des BfDT Teil der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb