Interview mit Karim El-Helaifi

"Gesellschaftlicher Zusammenhalt resultiert aus einem Miteinander"

Karim El-Helaifi stellt Schülerpaten beim Kongress von Herausforderung Unternehmertum vor (Foto: Schülerpaten)Karim El-Helaifi stellt Schülerpaten beim Kongress der Initiative "Herausforderung Unternehmertum" vor (Foto: Schülerpaten)
Karim El-Helaifi wurde 1990 in Berlin geboren und studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Potsdam. Seit vielen Jahren macht sich der 26-jährige stark für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er ist Mitbegründer des Vereins "Schülerpaten Berlin e.V.", der Studierende als Nachhilfelehrer/-innen unter dem Motto „Voneinander lernen. Einander verstehen“ für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund vermittelt und sich zu einem deutschlandweiten Projekt vergrößert hat. Beim vom BfDT organisierten Interner LinkInitiativentag "Gesellschaftlicher Zusammenhalt - Was können wir dafür tun?" Anfang Oktober in Jena hielt Karim El-Helaifi einen Impulsvortrag zum Thema "Vom Ankommen zum Bleiben".

Interview mit Karim El-Helaifi



Was war der Anlass für die Initiierung des Projekts „Schülerpaten Berlin e.V.“?

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in unserem Bildungssystem strukturell benachteiligt. Ihre Eltern haben unter diesen Umständen oft nicht die Möglichkeiten, ihre Kinder ausreichend in der Schule zu unterstützen. Sie haben das deutsche Bildungssystem selbst nicht durchlaufen und oft keine ausreichenden Sprachkenntnisse, um beispielsweise Hausaufgabenhilfe zu leisten. Aufgrund dieser Probleme wandten sich Mütter an Al Nadi, eine berlinweite Beratungsstelle für arabische Frauen. Der Impuls für Schülerpaten Berlin kam also von den arabischen Müttern selbst. Unser Gründungsteam bestand aus einer Gruppe junger Studierender, welche auf die Situation aus unterschiedlichen persönlichen Gründen aufmerksam wurde. Schülerpaten Berlin formierte sich dann als Organisation, um eine Struktur zu schaffen, welche den Missständen im Bildungssystem entgegenwirken kann.

Mittlerweile wurde ein Dachverband gegründet. Wie kam es zu dieser rasanten Entwicklung?

Im Zuge der rassistisch geführten Sarrazin-Debatte erlebten wir als Gegenreaktion innerhalb der Gesellschaft eine Welle von Anmeldungen potenzieller Patinnen und Paten. Unser Konzept funktionierte und wir konnten durch regelmäßige Evaluation die Wirksamkeit unseres Projektes immer weiter erhöhen. Es kam von vielen Seiten immer wieder die Frage auf, ob man das Projekt nicht auf weitere Zielgruppen und andere Standorte in Deutschland übertragen könnte. Deshalb bildeten wir Ende 2012 ein Team, welches sich nur mit der Übertragung des Schülerpaten-Konzeptes beschäftigte. 2013 gründeten wir dann Schülerpaten Deutschland, das sich auf den Projekttransfer, die Vernetzung der einzelnen Schülerpaten-Vereine und den Wissensaustausch zwischen den Standorten konzentriert. So können sich die Teams in den Standorten voll und ganz auf ihre Arbeit vor Ort konzentrieren.

Wie kann man sich das Engagement eines Schülerpaten vorstellen?

Unsere Patinnen und Paten gehen einmal wöchentlich für anderthalb Stunden zu ihrem Patenkind nach Hause und geben dort Nachhilfe. Dadurch lernen sie die gesamte Familie kennen. Unsere Patenschaften sind auf Langfristigkeit ausgerichtet und haben daher eine „Mindestlaufzeit“ von einem Jahr. Während ihres Engagements werden die Patinnen und Paten von unserem Betreuungsteam begleitet und durch Seminare und Themenabende inhaltlich vorbereitet und qualifiziert. Wenn sie mit ihren Patenkindern etwas unternehmen wollen – wie zum Beispiel Museums- oder Theaterbesuche – dann übernehmen wir die Kosten dafür.

Wie kann man Schülerpate werden?

Interessierte können sich einfach über unsere Interner LinkWebsite anmelden. Dort füllen sie ein Formular aus, in dem sie angeben, bis zu welcher Klassenstufe sie sich zutrauen, welches Fach zu unterrichten. Anschließend folgt ein persönliches Treffen mit jemandem aus unserem Team, bei dem noch offene Fragen geklärt werden und der weitere Ablauf erklärt wird. Anhand dieser Informationen „matchen“ wir dann ein passendes Patenkind mithilfe der Kriterien unseres dafür eigens entwickelten Matching-Tools.
Schülerpatin mit Patenkind und Familie beim Sommerfest (Foto: Julian Groß)Schülerpatin mit Patenkind und Familie beim Sommerfest (Foto: Julian Groß)

Welche Erfolge konnten mit dem Projekt bislang erzielt werden?

Wir haben mit Schülerpaten Berlin seit Projektbeginn 2009 bereits 600 Patenschaften vermittelt und mit Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Dortmund und Bremen Standorte in fünf weiteren deutschen Städten gegründet, die ebenfalls fleißig Patenschaften vermitteln und betreuen. Für unsere Arbeit, unser Konzept und den erfolgreichen Projekttransfer wurden wir bereits mehrfach ausgezeichnet: unter anderem von „Herausforderung Unternehmertum“ und der „Google Impact Challenge“, wir erhielten den Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz sowie den „Mulert Award der Fulbright Alumni Association“ und wurden 2013 „startsocial-Bundessieger“.

Welche weiteren Aktionen und Veranstaltungen haben Sie für die Zukunft geplant?

Bei Schülerpaten Berlin richten sich unsere Seminare und Themenabende nach dem Bedarf unserer Patinnen und Paten Wir haben jedoch jährlich wiederkehrende Veranstaltungen wie zum Beispiel unser Plätzchenbacken im Dezember oder das gemeinsame Fastenbrechen während des Ramadan sowie unser Sommerfest, das gemeinsam mit den Familien, unseren Patinnen und Paten, dem Team und Freunden des Vereins ausgerichtet wird. Auf der Ebene des Dachverbandes wollen wir natürlich weitere Schülerpaten-Vereine initiieren – den nächsten am liebsten in einem der neuen Bundesländer, zum Beispiel in Leipzig oder Dresden.

Was macht für Sie gesellschaftlichen Zusammenhalt aus und welchen Beitrag kann Ihr Projekt dazu leisten?

Das Schülerpaten-Konzept geht weit über die reine Nachhilfe hinaus. Unsere Arbeit war immer auf Gegenseitigkeit ausgerichtet. Wir setzen uns also nicht nur für mehr Bildungsgerechtigkeit ein, sondern wollen Menschen zusammenbringen, die sich sonst womöglich nicht getroffen hätten. So können auf beiden Seiten Vorurteile abgebaut und enge Beziehungen aufgebaut werden. Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt resultiert aus einem Miteinander. Unsere Patinnen und Paten erhalten durch ihre Patenkinder einen tiefen Einblick in die strukturellen Hürden für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in unserem Bildungssystem und werden somit Multiplikatoren und Botschafter für die Vision einer Gesellschaft mit Chancengerechtigkeit und Teilhabe für alle. Die Beziehungen, die sich durch die Patenschaften entwickeln, stärken somit in großem Maße den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir wollen aber auch auf politischer Ebene mitsprechen. Damit wir dort gesamtgesellschaftlich etwas bewegen können, müssen sich die zivilgesellschaftlichen Akteure, die diese Vision teilen, zusammenschließen und politische Forderungen stellen. Daher sind wir Teil der Neuen deutschen Organisationen, deren Mitglieder Initiativen und Vereine sind, die in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen arbeiten und über wertvolle Expertise verfügen. Denn die Entscheidungen der Politik müssen der Diversität unserer Gesellschaft gerecht werden.


 

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