Kooperationsprojekt Schule Chemnitzstraße und die „Schlumper“

Foto: Die Schlumper
Foto: Die Schlumper
Foto: Die Schlumper
Von Johannes Seebass (Die Schlumper)

Die Schlumper sind eine Hamburger Ateliergemeinschaft, deren Mitglieder Menschen mit Behinderung sind. Seit ihrem Zusammenschluss im Jahre 1984 sind sie durch umfangreiche Ausstellungstätigkeiten weit über die lokalen Grenzen hinaus zu Anerkennung gelangt und können seit 1995 ihre künstlerische Tätigkeit vollberuflich ausüben. Zur Gemeinschaft der Schlumper gehören mittlerweile mehrere Künstlerinnen und Künstler, die ihre kulturelle Tradition aus dem außereuropäischen Bereich beziehen.

Die Schule Chemnitzstraße in Altona-Altstadt wurde nach dem Einzug in ein neues Schulgebäude umbenannt in Louise Schroeder Schule und hat sich zur integrativen Ganztagsgrundschule mit Integrations- und Vorschulklassen entwickelt. Aufgrund der vielfältigen kulturellen Angebote im Bereich des Unterrichts sowie der Freizeit wurde die Schule Chemnitzstraße 2005 zur Pilotschule Kultur ernannt. Mehr als 50% der Anwohner im Umfeld entstammen Kulturen mit nichtdeutscher Muttersprache. Alle Kinder im Vor- und Grundschulalter des Einzugsgebietes werden hier beschult, auch diejenigen, die aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwierigkeiten oder anderen Auffälligkeiten üblicherweise Sondereinrichtungen aufsuchen müssten.

Ziel des Kooperationsprojektes zwischen den Schlumpern und der Schule war zunächst die künstlerische Ausgestaltung des Schulgebäudes Thedestraße, das der Schule angegliedert war. Es handelt sich hierbei um ein einzigartiges Baudenkmal und ist das älteste erhaltene Schulgebäude Hamburgs. Die künstlerische Gestaltung sollte in Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern und den Schlumpern erfolgen. Für die Anfänge der Projektarbeit standen uns neben Spenden mehrerer Unternehmen Mittel der Schulbehörde und ein Zuschuss durch die Kulturbehörde sowie Mittel des Bezirks Altona zur Verfügung.

Seit Beginn der Kooperation nehmen die Kinder an vier Wochentagen in wechselnden Gruppen zu Unterrichtszeit am Arbeitsalltag der Schlumper teil. Auch am Nachmittag und in den Ferien können die Schülerinnen und Schüler sich in den Atelierräumen nach Lust und Laune künstlerisch betätigen. Sie werden von den Assistentinnen und Assistenten der Schlumper betreut, die im Bereich der Kunst tätig sind. Ohne Einengung durch einen vorgefertigten pädagogischen Überbau können die Kinder ihren Arbeitstag bei den Schlumpern selbst bestimmen. Sie malen, angeregt durch die Arbeiten der Schlumper, an Staffeleien große und kleine Formate.

Die Kinder erproben die Farben, Stifte und andere Materialien, die sie bei den Schlumpern finden. Sie plastizieren mit Ton und Gips, Zeitungspapier und Kleister sowie mit gefundenem Material und haben die Hilfe der Schlumper und deren Assistenten, um das umsetzen zu können, wozu sie sich in unserem Atelier oder bereits auf dem Weg zur Schule haben inspirieren lassen. Die wechselseitige Beeinflussung zwischen den Kindern und den Schlumpern, die sich beim gemeinschaftlichen Arbeiten ganz ungezwungen einstellt, schlägt sich immer wieder in erstaunlichen bildnerischen Ergebnissen nieder.

Mit den Kindern und den Schlumpern treffen zwei Gesellschaftsgruppen aufeinander, die viele  Berührungspunkte haben. Die Schlumper erleben die hohe Akzeptanz ihres künstlerischen Schaffens seitens der Kinder als Bestätigung und Stärkung, während die Schlumper mit Bewunderung auf die Fähigkeiten der Kinder im Rechnen, Lesen und Schreiben blicken.

Die Kinder lernen hier Menschen mit Behinderung kennen als Freunde, als Menschen, die etwas können und ihnen etwas geben können.

Die Kinder, die im Schulalltag beispielsweise aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten oft mit Misserfolgen konfrontiert sind, finden hier uneingeschränkte Akzeptanz und Bestätigung. Sie haben die Möglichkeit, versteckte Gedanken und Probleme gestaltend zum Ausdruck zu bringen und außergewöhnliche Ideen umzusetzen, ohne dabei mit schulischen Maßstäben gemessen zu werden.

Die Gestaltungskonzepte für das Treppenhaus haben sich inhaltlich und formal erst nach und nach aus einem Spannungsfeld entwickelt, das Tag für Tag durch die Auseinandersetzung zwischen den Kindern und den Schlumpern neu entsteht. Im Laufe von zweieinhalb Jahren hat sich das Schulgebäude so mit seinen großzügigen Fluren und Treppenbereichen gewaltig verändert. Einen kleinen Einblick geben die nebenstehenden Fotografien.

Seit der offiziellen Einweihung des ausgestalteten Schulgebäudes im Oktober 1997 gilt unser Projekt für die Behörden als erfolgreich abgeschlossen. Daher ist es uns nicht möglich, für die Weiterführung eine durchgehende Finanzierung zu schaffen. Aber die Arbeit im Projekt geht weiter! Denn wichtiger als die unmittelbar wahrnehmbaren Produkte ist der tagtägliche Prozess, das Zusammensein und -arbeiten der Kinder und der Schlumper, zweier Gesellschaftsgruppen, die trotz der vielen Gemeinsamkeiten auch gelegentlich aufeinanderprallen, die am wechselseitigen Geben und Nehmen reicher werden.

Aus der gemeinsamen Arbeit ergeben sich immer wieder neue Gestaltungsideen im Umfeld der Schule. Es entstehen neue Werke, auf welche  Kinder und Schlumper mit Stolz verweisen können und die von vielen Menschen wahrgenommen werden.

Seit dem Bezug des neuen Schulgebäudes steht das Ziel im Vordergrund, auch die neuen Räumlichkeiten zusammen mit den Kindern künstlerisch auszugestalten und damit für sie gemeinsam ein neues schulisches „Zuhause“ zu erarbeiten.


 

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