"Häftling mit Perspektive"

Kontext

Delmenhorst ist Mittelzentrum mit ca. 76.000 Einwohnern, von denen 25,6 % einen Migrationshintergrund haben. Bei den Jugendlichen und Kindern ist es bereits jede und jeder Dritte. Über 100 Nationalitäten sind in der Stadt vertreten. Delmenhorst ist in seiner historischen Entwicklung durch viele Schübe von Arbeitsmigration vergleichbar mit Städten des Ruhrgebietes. Heute haben ca. die Hälfte der Zugewanderten eine türkische Migrationsvorgeschichte.

Einleitung

Im September 2008 wurde der ehrenamtlich tätige Integrationslotse Vahap Aladag in Delmenhorst auf muslimische Häftlinge aufmerksam, die sich in der Justizvollzugsanstalt Delmenhorst im offenen Vollzug befanden. Auf sein Vorsprechen hin zeigte sich die Gefängnisleitung kooperativ und ermöglichte den Häftlingen gemeinsam mit Herrn Aladag den Besuch der nahe gelegenen DITIB-Moschee.

Das Projekt

Aus dieser Initiative entwickelte sich ein eigenständiges Projekt - "Häftling mit Perspektive" - , für das eskein Vorbild gab, so dass man auch von einem Modellprojekt sprechen kann. Herr Aladag besucht regelmäßig einmal wöchentlich die Inhaftierten, von denen viele einen Migrationshintergrund haben. Da er selber türkischer Abstammung ist, aber auch gut die benachbarten Kulturen der Kurden und Araber kennt und auch ihre Sprache spricht, findet er schnell Zugang zu ihnen. Die Zeit und die Aufmerksamkeit, die er sich für die Gefangenen nimmt, bewirkt schnell die Entwicklung einer Vertrauensbasis zu allen Inhaftierten, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Vielen von ihnen fehlt in ihrem Alltag ein nettes Wort, ein aufmunternder Zuspruch oder eine freundliche Geste.

Eigeninitiative

Doch es bleibt nicht bei den Worten. In Verbindung mit mitgebrachtem selbstgebackenen Kuchen und kleinen Spenden der türkischen Geschäftsleute aus Delmenhorst haben die Gespräche - ob im Kreis oder einzeln - eine hohe seelsorgerische Bedeutung. Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft werden aufgebaut, Informationen weitergegeben, Schwellenängste abgebaut, eine Perspektive gemeinsam entwickelt. Das Netzwerk der ehrenamtlich tätigen Integrationslotsinnen und -lotsen steht Herrn Aladag dabei zur Seite, ebenso wie die Migrationsberatung für Erwachsene beim Caritas-Verband und die Leitstelle für Integration der Stadt Delmenhorst.

Integration und Resozialisierung

Um für die Inhaftierten die Chancen der Resozialisierung zu verbessern, setzte sich Herr Aladag mit Vereinen und Zeitarbeiterfirmen in Verbindung. Nach vielen Gesprächen und einem nicht unerheblichen Aufwand, den Herr Aladag ehrenamtlich leistete, konnte er mehreren Inhaftierten Arbeitsstellen über eine Zeitarbeiterfirma vermitteln. Das dort verdiente Geld wird - nach einem Essensabzug - für die Inhaftierten angelegt und bei der Entlassung ausgezahlt. Zudem konnte Herr Aladag einen russischsprachigen Häftling in einem Fußballverein unterbringen. Über den Vereinssport bestehen ebenfalls gute Chancen auf eine gelingende Integration und Resozialisierung. Zusätzlich begleitet Herr Aladag die Inhaftierten bei ihren Freigängen sowohl wochentags als auch am Wochenende bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Einkäufen. Ein monatlicher gemeinsamer Grillabend in der Justizvollzugsanstalt trägt zur Verbesserung des Klimas vor Ort bei. Herr Aladag versorgt die Häftlinge auch mit Zeitschriften und Büchern in den unterschiedlichen Sprachen wie türkisch, russisch, albanisch, arabisch und deutsch.

Ausblick

Die Umwandlung der Justizvollzugsanstalt zum Jahresende 2009 in eine JVA für Jugendliche und junge Erwachsene im offenen Vollzug bedeutet für Vahap Aladag, sein Projekt mit verstärktem Engagement fortzuführen, insbesondere aufgrund seines großen Interesses an der sozialen Arbeit mit Jugendlichen.




Projektträger:Leitstelle für Integration der Stadt Delmenhorst
Ansprechpartner:Vahap Aladag
E-Mail:yalev55@web.de

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