Interview mit Ibrahim Arslan

„Wir sind keine Statisten, sondern Hauptzeugen“

Es ist der 23. November 1992, als in der Kleinstadt Mölln Molotowcocktails in zwei Häuser fliegen, in denen türkischstämmige Familien wohnen. Das Zuhause des damals Siebenjährigen Ibrahim Arslan und seiner Familie. Es sterben drei Angehörige – seine zehnjährige Schwester Yeliz Arslan und 14-jährige Cousine Ayse Yilmaz sowie seine Großmutter Bahide Arslan, die ihm in dieser Nacht das Leben rettete. Neun weitere Menschen werden bei dem rechtsextremistischen Brandanschlag schwer verletzt. Heute, 25 Jahre danach, engagiert sich Ibrahim Arslan gegen Rassismus und Diskriminierung, für Demokratie und Toleranz. In Schulen, in Zeitzeugengesprächen, in Diskussionsrunden, auf Podien und auf Gedenkveranstaltungen gibt er den vielen schweigenden Opfern von Rassismus und Gewalt seine Stimme. Er weiß, was Rassismus und Diskriminierung zur Folge haben können, aber auch, dass Hass keine Antwort sein kann.
BfDT-Botschafter Ibrahim Arslan spricht in Schulen über seine Erfahrungen (Foto: Arslan)BfDT-Botschafter Ibrahim Arslan spricht in Schulen über seine Erfahrungen (Foto: Arslan)

Der Brandanschlag von Mölln liegt nun schon eine Zeit zurück. Können Sie sich noch daran erinnern?

Ich war damals sieben Jahre alt und kann mich nur noch an Kleinigkeiten erinnern. Ich schlief, als meine Oma mich in nasse Handtücher wickelte, mich in die Küche brachte und mir so das Leben rettete. Erst im Krankenhaus wachte ich auf, neben meiner Mutter und meiner Tante, die sich, als sie auf Grund des Brandes gezwungen waren aus dem dritten Stock zu springen, einen schweren Hüftbruch zugezogen hatten. Meine Tante musste noch am selben Tag operiert werden, da ihr Fuß beim Sprung in einem Metalltor hängengeblieben war und fast durchtrennt wurde. Noch lange später wachte ich mitten in der Nacht auf. Vermutlich hatte ich beim Brand als Kind in der Küche kurz die Augen geöffnet, das Bild brennender Töpfe verfolgte mich häufig in meinen Träumen.

Seit vielen Jahren engagieren Sie sich und halten Vorträge, geben Workshops und Seminare, in denen Sie über Ihre Erinnerungen sprechen. Warum ist es für Sie, aber auch allgemein wichtig, über diese traumatischen Erfahrungen zu sprechen? Warum stellen Sie sich dieser mutigen Aufgabe?

Lange haben Institutionen die Gestaltung unserer Erinnerungen und unserer Gedenken übernommen. Wir aber sind keine Statisten, sondern die Hauptzeugen des Geschehenen. Es sind unsere Geschichten und unsere Erinnerungen. Es ist bedeutend und uns persönlich wichtig, Menschen diese Geschichten zu erzählen. Diese Taten können nur aufhören, wenn durch Mitgefühl Solidarität in der Gesellschaft entsteht. Tolstoi sagte einmal: „Wenn jemand Schmerzen fühlt, dann ist er lebendig, aber wenn jemand die Schmerzen anderer fühlt, dann ist er ein Mensch.“ Wir müssen die Menschen mitfühlen lassen, indem wir selbst unsere Geschichten weitergeben. Wir können dadurch gleichermaßen gegen unsere Symptome ankämpfen, wie posttraumatische Belastungsstörungen. Bei mir zeichnen sich diese durch einen dauernden Husten aus.

Wann haben Sie entschieden, sich gegen Rassismus und Gewalt einzusetzen?

Zugegebenermaßen wusste ich zuvor nicht genau, was Rassismus eigentlich bedeutet. Schließlich gibt es dafür auch keinen Grund und rassistische Einstellungen sind häufig Ausdruck eigener Probleme. Erst der Anschlag hat mich für das Thema sensibilisiert.
Ich wollte darüber in der Öffentlichkeit sprechen, damit Menschen, die Rassismus ausüben, erkennen, dass sie im Unrecht sind. Dass es keine Berechtigung für Rassismus gibt. Seitdem engagiere ich mich für eine Gesellschaft der Vielen, insbesondere um den Betroffenen von rassistischen Gewaltanschlägen – den Opfern – eine Stimme zu geben.

Was sollte bei der Aufarbeitung von Gewalttaten wesentlich sein? Welche Rolle sollten Medien, Zivilgesellschaft und Politik dabei einnehmen?

In erster Linie Vorurteilslosigkeit. Stellen Sie sich mal vor, ich oder alle anderen Migrant/-innen gingen von nun an immer von einem rassistischen Motiv eines „Deutschen“ aus, wenn einem Menschen mit Migrationshintergrund geschadet wird. Wäre dies nicht unerträglich? Theoretisch hätten Migrant/-innen viele Gründe so zu denken. Schauen Sie auf die NSU Morde zurück. Elf Jahre lang hatten Politik, Polizei, Justiz und die Medien die Täter im türkischstämmigen Umfeld und in den Familien der Betroffenen gesucht. Doch es waren Deutsche.
Zudem steht, wenn über rassistische Angriffe berichtet wird, immer der Täter im Mittelpunkt. Damit wir uns aber mit den Opfern und Betroffenen solidarisieren und identifizieren, müssen uns deren Erfahrungen vermittelt werden. Die Perspektive der Opfer und Betroffenen, nicht die des Täters, muss in der Vordergrund gerückt werden, sowohl in der Politik, den Medien, als auch in der Gesellschaft.

Wie kann man Gewalt präventiv entgegenwirken?

Meiner Erfahrung nach war und ist Kommunikation das effektivste Mittel der Gewaltprävention. Ohne Kommunikation wäre der Mensch verloren! Jeden Tag aufs Neue müssen wir über unsere Probleme sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen, um sie zu finden.

Was geben Sie den Jugendlichen am Ende eines jeden Workshops mit auf den Weg?

Viele denken, es sei unmöglich Rassismus und Faschismus zu bekämpfen. Dem kann jedoch sehr deutlich etwas entgegengesetzt werden. Lasst uns also gemeinsam realistisch sein und das „Unmögliche“ versuchen.

BfDT-Botschafter Ibrahim Arslan (rechts) und BfDT-Beiratsmitglied Christian Lange, PSt im BMJV (links) bei der Urkundenübergabe (Foto: André Wagenzick/ BfDT)BfDT-Botschafter Ibrahim Arslan (rechts) und BfDT-Beiratsmitglied Christian Lange, PSt im BMJV (links) bei der Urkundenübergabe (Foto: André Wagenzick/ BfDT)

Für sein herausragendes zivilgesellschaftliches Engagement hat das Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) Ibrahim Arslan am 23. Mai 2017 beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes als Botschafter für Demokratie und Toleranz 2017 ausgezeichnet.

Möchten Sie noch mehr erfahren? Interner LinkHier geht es zum Videoporträt.


 

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