Interview mit dem Schorndorfer Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus

Das "Schorndorfer Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus" setzt sich aus ehrenamtlichen Mitgliedern von Verbänden, Parteien, Kultureinrichtungen, Gewerkschaften und Kirchen sowie aus privat engagierten Bürger/-innen zusammen. Um Rechtsextremismus in der Region präventiv entgegenzuwirken, fördert das Bündnis nun schon seit 16 Jahren Informationsveranstaltungen an Schulen, begleitet interreligiöse Lernabende, organisiert Ausstellungen wie zuletzt zum Thema "Alltagsrassismus", leitet Diskussionsrunden und bietet Sprachförderung an. Hans-Martin Tramer ist gemeinsam mit Necip Bakir Sprecher des Bündnisses und seit 2002 als Vertreter der Evangelischen Kirche im Bündnis aktiv. Im Interview berichtet er von den Zielen.

Hans-Martin Tramer (Mitte) und Sonja Großhans (rechts) nehmen die Urkunde für das Schorndorfer Bündnis von BfDT-Beiratsmitglied Christian Lange, PSt im BMJV (links) entgegen (Foto: André Wagenzick/ BfDT)Hans-Martin Tramer (Mitte) und Sonja Großhans (rechts) nehmen die Urkunde für das Schorndorfer Bündnis von BfDT-Beiratsmitglied Christian Lange, PSt im BMJV (links) entgegen (Foto: André Wagenzick/ BfDT)

Wie kam es zu der Idee, das Schorndorfer Bündnis zu gründen?

Im November 2000 wurde in der Schorndorfer Innenstadt ein griechischer Geschäftsmann von acht NPD-Anhängern mit fremdenfeindlichen Parolen beschimpft und schwer verletzt. Aufgrund dieses Gewaltübergriffs auf einen ausländischen Mitbürger initiierten Schorndorfer Bürger/-innen das „Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“, das zu einem festen Bestandteil der Stadt geworden ist. Bei unserer Arbeit mussten wir feststellen, dass rassistisch motivierte Angriffe keine Einzelfälle sind. So im April 2011, als es in Winterbach zu einem lebensgefährlichen Brandanschlag kam. Eine Gruppe Rechtsextremer hatte mehrere junge Männer türkischer und italienischer Herkunft auf einem Grillfest angegriffen, verfolgt und eine Gartenlaube, in die fünf der Opfer geflüchtet waren, in Brand gesteckt.

Was umfasst die Ziele des Bündnisses?

Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sitzen tief in der Mitte der deutschen Gesellschaft. Wir aber möchten Vielfalt anstreben und diese zugleich repräsentieren. Für die friedliche Beheimatung unserer Mitbürger/-innen mit internationalen Wurzeln fördern wir daher Informationsveranstaltungen in Schulen oder organisieren z.B. deutsch-türkische Kulturveranstaltungen wie Film- oder Kabarettabende.
Dabei sind unsere über 20 Kooperationsparteien, also Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Vereine und Einzelpersonen, unsere Partner und zugleich Zielgruppe unserer Arbeit. Zudem sind wir Mitglied im „Fachbeirat Rechtsextremismus“ unseres Landkreises Rems-Murr. Darin liegt ein besonderes Potential unserer Bündnisarbeit.

Macht sich der Anstieg rechtsextremer Straf- und Gewalttaten in der Arbeit des Bündnisses bemerkbar?

Ja, insbesondere durch fremdenfeindliche Schmierereien und Hass-Leserbriefe, die sich gegen Asylsuchende wenden, verstärkt vor allem nach den Vorfällen beim Schorndorfer Stadtfest (SchoWo). Hier war es Mitte Juli vereinzelt zu Ausschreitungen und sexuellen Belästigungen gekommen, viele Medien hatten von den Ereignissen berichtet. Wir sehen uns mitverantwortlich für den sozialen Frieden in unserer Stadt. Unsere Stadtverwaltung leistet herausragende Arbeit bezüglich Asylsuchender und wir vom Bündnis gehören aktiv zu diesem Netzwerk.

Internationale Fest auf dem Kirchplatz (Foto: Tramer)Internationale Fest auf dem Kirchplatz (Foto: Tramer)

Was konnten Sie in diesem Jahr erreichen und welche weiteren Aktionen haben Sie für die Zukunft geplant?

Zum einen möchten wir die Präventionsarbeit, die das Bündnis alljährlich leistet, verstärken. Erste Überlegungen sind, Aufklärungsarbeit an Schulen durchzuführen – gerne würden wir hierzu Interner LinkIbrahim Arslan [ebenfalls BfDT- Botschafter für Demokratie und Toleranz, Anm. d. Red.] einladen – oder einen Vortrag im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus im März 2018 veranstalten. Zum anderen wollen wir unsere Ausstellung zum Thema „Alltagsrassismus“, in der Interviews von Oguz Guruhans mit Bewohner/-innen aus Schorndorf und Umland, die häufig von Alltagsrassismus betroffen sind, präsentiert werden, als Wanderausstellung gestalten.

Sie veranstalten alle zwei Jahre das „Internationale Fest auf dem Kirchplatz“ um verschiedene Nationalitäten und Kulturen zusammenzubringen. Was verbindet Menschen, was schafft Zusammenhalt?

Auf dem Fest bauen internationale Gruppen aus Schorndorf ihre Stände auf und laden in- und ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Begegnung ein, um exotische Leckerbissen zu kosten, wie frittierte Bananen aus Ghana oder türkische Baklava. Dazu gibt es Tänze und Musik aus vielen verschiedenen Ländern. Dieses Jahr fand das Internationale Fest zum achten Mal statt. „Tatli yiyelim tatli konusalim“ ist türkisch und bedeutet „Lasst uns Süßes essen und lasst uns Süßes reden“. Beim Zusammenarbeiten im Bündnis können sich die Beteiligten einerseits mit unseren Zielen identifizieren und andererseits lässt sich mit Menschen aus anderen Kulturen wunderbar feiern. Feiern und Zusammenarbeit verbindet.


Für das herausragende Engagement hat das Bündnis für Demokratie und Toleranz (BfDT) das "Schorndorfer Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus" als Interner LinkBotschafter für Demokratie und Toleranz 2017 ausgezeichnet.

Ein Videoporträt über das Schorndorfer Bündnis finden Sie Interner Linkhier.


 

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