30.10.2014

Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau

Interview mit Ingolf Notzke und Manuela Rummel

Der Eingangsbereich der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau (Foto: Andreas Matthes, KOCMOC.NET)Der Eingangsbereich der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau (Foto: Andreas Matthes, KOCMOC.NET)
Die Gestaltung der Räume gibt die betrügende Atmosphäre im ehemaligen GJWH wieder, hier der Einweisungsraum (Foto: Andreas Matthes, KOCMOC.NET)
Besucher und Besucherinnen haben die Möglichkeit, Einblick in Einzelbiographien und Sonderakten zu nehmen (Foto: Andreas Matthes, KOCMOC.NET)
In der Ausstellung erhalten die Opfer erstmals Stimme und Gesicht (Foto: Andreas Matthes, KOCMOC.NET)
Im November 1996 gründete sich die Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V. mit dem Ziel, am historischen Ort des Geschlossenen Jugendwerkhof Torgaus (GJWH) das dunkelste Kapitel der DDR-Heimerziehung aufzuarbeiten, zu dokumentieren und daran zu erinnern. Jährlich informieren sich über 10.000 Besucherinnen und Besucher über die Geschichte des GJHW und die Schicksale der Jugendlichen, die diese Einrichtung durchlaufen mussten. Für ihr herausragendes Engagement wurde die Gedenkstätte mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis "Aktiv für Demokratie und Toleranz" 2010.

Was war der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau?

Der GJWH war die einzige geschlossene Disziplinierungseinrichtung der DDR- Jugendhilfe und unterstand direkt dem Ministerium für Volksbildung. Während seines Bestehens vom Mai 1964 bis zum November 1989 wurden über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren zur "Anbahnung eines Umerziehungsprozesses" eingewiesen, die in anderen staatlichen Erziehungseinrichtungen negativ aufgefallen waren. Sie hatten weder Straftaten begangen noch gab es eine richterliche Anordnung für die Einweisung. Eiserne Disziplin und paramilitärischer Drill sollten eine Veränderung ihres Verhaltens bewirken, vor allem die Bereitschaft herstellen, sich den "sozialistischen Lebensnormen" unterzuordnen.

Wann und aus welchem Anlass wurde die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof gegründet?

Im November 1996 gründete sich die Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V. mit dem Ziel, eine Gedenkstätte zu errichten. Seit April 1998 ist das ehemalige Verwaltungsgebäude des GJWH Torgau als ein Ort der Erinnerung, Aufarbeitung und Begegnung für die Öffentlichkeit zugänglich. Im Frühjahr 2003 eröffnete die erste Dauerausstellung »Auf Biegen und Brechen. Geschlossener Jugendwerkhof Torgau 1964 - 1989«. Sie zeigte die Geschichte, Struktur und Arbeitsweise dieser Heimeinrichtung anhand originaler Gegenstände aus dem Außen- und Innenbereich.

Die 2009 eröffnete neue Dauerausstellung »'Ich bin als Mensch geboren und will als Mensch hier raus!' Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau im Erziehungssystem der DDR« dokumentiert das DDR-Heimerziehungssystem und erinnert an die Schicksale der jugendlichen Opfer. Im Fokus der Ausstellung steht die Stellung des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau innerhalb des Systems der DDR-Spezialheime und deren ideologische Hintergründe. Anhand von Video- und Toneinspielungen erhalten die Besucher/-innen Einblicke in das Erziehungskonzept, den menschenunwürdigen Alltag in der Anstalt und ihr drakonisches Strafsystem. Dabei beschränkt sich die Ausstellung nicht nur auf das DDR-Erziehungssystem, sondern veranschaulicht ebenso die internationale Dimension der sogenannten "Schwarzen Pädagogik" des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Einblick in Einzelbiographien und Sonderakten hilft, Lebenswege von Betroffenen zu verstehen, die als Kinder und Jugendliche eine Zeit ihres Lebens in DDR-Spezialheimen verbracht haben. In einem Porträtraum erhalten die Opfer nun erstmals Stimme und Gesicht.

Warum haben Sie sich entschieden gerade in diesem Bereich aktiv zu werden?

Die Gedenkstätte GJWH Torgau ist bundesweit die einzige Gedenkstätte, die sich im Rahmen der Aufarbeitung der SED-Diktatur mit den repressiven Machtstrukturen innerhalb des Bildungs- und Erziehungsapparates der DDR auseinandersetzt und daran erinnert. Sie bietet den über 4.000 ehemaligen Insassen und Insassinnen einen Ort der Begegnung, an dem ihre mitunter bis heute andauernden Traumata und gebrochenen Biographien ernst genommen werden, indem sie sich austauschen können und – im Rahmen des Möglichen – beraten werden. Die Gedenkstätte GJWH Torgau steht damit als Symbol für das gesamte unmenschliche Strafsystem der Jugendwerkhöfe und Spezialkinderheime, das im Laufe der DDR-Geschichte ca. 135.000 Kinder und Jugendliche durchlaufen mussten. Hier wird der Versuch unternommen, Geschichte und Gegenwart zu verbinden.

Erzählen Sie kurz von Ihrer historisch-politischen Bildungsarbeit.

Die Angebote der historisch-politischen Bildungsarbeit umfassen neben Führungen durch die Ausstellung, den Außenbereich und den im Originalzustand erhaltenen ehemaligen Dunkelzellentrakt auch moderierte Zeitzeugengesprächen, Projekttage, Workshops und Seminare zu verschiedenen Themenschwerpunkten. Mit dem Mobilen Bildungsprojekt »Historisches Lernen als Dimension politischer Bildung« bietet die Gedenkstätte außerdem Bildungseinrichtungen eine thematische Auseinandersetzung außerhalb des historischen Ortes an. Ebenso sind drei Wanderausstellungen der Gedenkstätte zu verschiedenen Aspekten der DDR-Heimerziehung zur Ausleihe verfügbar.

Welche weiteren Projekte und Veranstaltungen haben Sie für die Zukunft geplant?

Die Gedenkstätte GJWH Torgau möchte auch zukünftig aufklären, erinnern und den Betroffenen eine Plattform geben, ihre verdrängte Kindheit und Jugend in den Heimen der DDR öffentlich zu präsentieren. Anlässlich des 25. Jahrestages der Friedlichen Revolution wurde die neue Veranstaltungsreihe »Das Schweigen brechen – Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder« ins Leben gerufen. Sie bietet den Betroffenen von DDR-Heimerziehung ein Podium, ihre bereits publizierten persönlichen Schicksale der Öffentlichkeit vorzustellen, über ihre teilweise traumatischen Heimerfahrungen aufzuklären sowie mit Interessierten und Betroffenen ins Gespräch zu kommen.

In ihren Aufarbeitungsbemühungen ist die Gedenkstätte GJWH Torgau inzwischen auch an einem Punkt angekommen, an dem ganz ausdrücklich der verstorbenen Jugendlichen im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gedacht und erinnert werden soll. Anlässlich des 25. Jahrestages der Schließung des Geschlossenen Jugendwerkhofes wird im November dieses Jahres eine Gedenkstele im Außenbereich der Gedenkstätte errichtet.

Verschieden Aufarbeitungsprojekte, aktuelle Forschungsergebnisse sowie Einzelschicksale von Betroffenen publiziert die Gedenkstätte in ihrer Schriftenreihe »Auf Biegen und Brechen«. Zu den bisher erschienen vier Bänden werden in diesem Jahr noch zwei weitere Bände veröffentlicht, die sich zum einen mit dem Arbeits- und Erziehungslager Rüdersdorf und zum anderen der Gruppe der Funktionärskinder im System der Spezialheime beschäftigen.

In einem längerfristig angelegten Projekt soll durch Aufarbeitung und Dokumentation die Geschichte repressiver Heimerziehung in der DDR im öffentlichen Raum sichtbar gemacht und zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Unrechts und Leids in der Heimerziehung beigetragen werden. Das "Mobile Denkzeichen" soll den historischen Orten nun endlich eine Sprache geben, Aufklärung leisten und Erinnerung ermöglichen, um so die gesellschaftlichen Wahrnehmung und das Verständnis für die Schicksale der DDR-Heimkinder zu fördern.

Informationen zu aktuellen Veranstaltungen und Projekten erhalten Sie Interner Linkhier.