10.09.2009

Nachtwanderer Bremen

Foto: Nachtwanderer Bremen
Foto: Nachtwanderer Bremen
Foto: Nachtwanderer Bremen
Von Karin Sfar (AWO Bremen, Fachdienst Migration& Integration)

Bei dem Projekt „Nachtwanderer“ handelt es sich um ca. 40 Erwachsene, die in kleinen Gruppen (4-6 P.), Freitag -und Samstagnacht zwischen 22.30 und 3.00 Uhr als Ansprechpartner für Jugendliche auf der Straße und in Bussen in Bremen-Nord unterwegs sind. Sie bieten Hilfe und Unterstützung in verschiedenen Situationen an und versuchen auf schwierige Situationen beruhigend einzuwirken.

Wer mitmachen will, wird in speziellen Kursen auf seine Aufgabe vorbereitet, dazu gehören Deeskalationstraining und „Erste Hilfe“. Nachtwandern ist freiwillig und ehrenamtlich und wenn man selber Zeit hat. Das Projekt dient der Sicherheit der Jugendlichen und kann gewaltpräventiv wirken. Das Angebot ersetzt weder Polizei noch Sozialarbeit.

Beeindruckt und motiviert von Berichten schwedischer „Nachtwanderer“ auf einer Tagung in der Jugendbildungsstätte LidiceHaus, trafen sich Ende 2003 Vertreter verschiedener Institutionen, die im Raum Bremen-Nord tätig sind. (AWO Bremen-Nord- Jugendmigrationsdienst, Präventionszentrum Bremen-Nord, Drogenberatung Bremen, Polizei Bremen, BSAG, Jugendbildungsstätte LidiceHaus). Sie waren darüber einig geworden, dass sie einen Versuch starten wollen, das schwedische Modell „Nachtwanderer“ in Bremen-Nord umzusetzen. Unsere Skepsis, ob dieses Projekt zu verwirklichen sei, war doch recht groß, da es so ein Projekt in Deutschland noch nicht gab. Auf einem Treffen Mitte Februar 2004 erschienen anfangs eher ein Fachpublikum und nur einige wenige Mitbürger. Es wurde kontrovers diskutiert und überlegt, was wir als Erstausstattung für die Nachtwanderer benötigen und wie mehr Leute dafür interessiert werden könnten. Danach wurde eine erste Informationsveranstaltung durchgeführt. Hierzu wurden gezielt „Schlüsselpersonen“ aus verschiedenen Organisationen und Einrichtungen in Bremen-Nord eingeladen (u.a. Kirchengemeinden, Sportorganisationen, Elternbeiräte). Das Projekt wurde vorgestellt und mehrere Anwesende erklärten sich bereit mitzumachen. Es kristallisierte sich ein Kreis von 12-16 Personen heraus, die auch bis heute dabei blieben. Ab August 2004 gab es erste Erkundungen, wo sich Jugendliche in Bremen-Nord aufhalten und wie ihre Wege in die Disko sind.

Für die offizielle Auftaktveranstaltung der Nachtwanderer in Bremen-Nord am 14.12.2004 konnten wir den Innensenator Bremens als Schirmherrn für unser Projekt gewinnen. Die Veranstaltung hatte viel Erfolg und dadurch wurden es immer mehr, die mitmachen wollten. Heute engagiert sich Bürgermeister Böhrnsen als Schirmherr für dieses Projekt. Das Entwickeln eines Selbstverständnisses und Regeln beim Nachtwandern, das Logo und der Flyer wurden gemeinsam in der Gruppe entwickelt. Im Dezember 2004 liefen wir dann erstmalig mit den Jacken für Nachtwanderer durch die Nächte und versuchten mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, um ihnen zu erklären, was wir wollen und wer wir sind.

Entgegen unserer eigenen Skepsis und der anderer, waren die Jugendlichen sehr offen und angetan von dem Engagement Erwachsener nur für sie. Wir trafen zum Glück immer den richtigen Ton im Gespräch mit den Jugendlichen und wurden von ihnen schon nach relativ kurzer Zeit wiedererkannt und freundlich begrüßt. Die Jugendlichen brachten ihr Entgegenkommen auf eine relativ kurze Formel: „Die sind ja für uns und nicht gegen uns.“ Somit war das Wichtigste im Projekt gelungen, nämlich die Akzeptanz der Jugendlichen zu haben.

Bis heute läuft das Projekt äußerst erfolgreich. Anfangs gingen wir nur einmal im Monat raus. Heute können wir dank der 40-50 Ehrenamtlichen jeden Freitag und Samstag abdecken, in den Sommerferien einen der beiden Tage. Monatlich findet ein abendliches Treffen für alle interessierten und aktiven Nachtwanderer statt, um über die vergangenen Situationen, die auf der Straße erlebt wurden und über organisatorische Dinge zu sprechen. Hier entwickeln wir auch die gemeinsamen Regeln, Verhaltenskodexe und Umgangsweisen mit Jugendlichen in der Nacht. Um sich auch außerhalb der Nachtwanderungen und der monatlichen Treffen ein bisschen besser kennenzulernen, veranstalten wir in regelmäßigen Abständen gemeinsame Aktivitäten.

Wir konnten gleich zu Anfang des Projektes u.a. die Arbeiterwohlfahrt Bremen und die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) als Kooperationspartner gewinnen. Wir fahren auf den Bussen und der Regionalbahn umsonst und alle Fahrer kennen uns bereits. Außerdem unterstützen uns das Projekt Grohn, das LidiceHaus, die Polizeiinspektion und das Medienzentrum Nord. Gemeinsame Kooperationstreffen gibt es auch zwischen beiden Bremer Gruppen aus Nord und Huchting. Das Projekt hat sich in Bremen-Nord so gut etabliert, dass es im Stadtteil zu einer festen Institution geworden ist. Nachtwanderer ist auch Mitglied im neu gegründeten Präventionsrat Bremen-Nord. Die Geschäftsführung AWO Bremen, die Geschäftsführung BSAG und das Präventionszentrum Nord unterstützten die Gründung einer weiteren Nachtwanderer-Gruppe in Bremen-Huchting.

Bislang erhielten wir zwei Preise: Hilde Adolf Preis für bürgerschaftliches Engagement sowie den Preis der Sparkasse Bremen. Außerdem waren wir ausgewählter Ort im Land der Ideen 2007, einer Initiative des Bundespräsidenten Köhler, und Preisträger beim „Aktiv für Demokratie und Toleranz“-Wettbewerb 2008 des Bündnisses für Demokratie und Toleranz. Aufgrund unseres Vorbildes haben sich in Deutschland weitere Nachtwanderer-Gruppen gebildet: Darmstadt-Eberstadt, Ettlingen, Seeheim-Jugenheim, Schleswig, Kappeln, Ritterhude, Stuhr, Ganderkesee. In der Gründung befindet sich die Stadt Mannheim, Wiesbaden, Aurich und Warnemünde.


Kontakt und weitere Informationen


Karin Sfar
Fachdienst Migration und Integration
-Jugendmigrationsdienst-(JMD)
Leverkenbarg 1
28779 Bremen

Tel: 0421 / 69 00 332
Fax: 0421 / 60 77 98
E-Mail: k.sfar@awo-bremen.de
Internet: Interner Linkwww.awo-bremen.de
Interner Linkwww.nachtwanderer-bremen.de



 

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