13.07.2010

Initiative Zivilcourage Hoyerswerda – Ein Projektbericht

Foto: Lehrer, Schüler und Eltern malen das Wandbild aus (Initiative Zivilcourage Hoyerswerda)
Foto: Hände gegen Rechts (Initiative Zivilcourage Hoyerswerda)Foto: Hände gegen Rechts (Initiative Zivilcourage Hoyerswerda)
Foto: Der Oberbürgermeister unterschreibt (Initiative Zivilcourage Hoyerswerda)
Von Sabine Kopischke (Kulturfabrik Hoyerswerda)

HOYERSWERDA – seit 1991 ist dieser Name einer bis dato völlig unauffälligen Stadt das Synonym für Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit.

Dazu muss man sich die Geschichte anschauen: Vor der Wende lebten die Hoyerswerdaer mit den ausländischen Gastarbeitern freundschaftlich zusammen. Nach der Wende kam es in Hoyerswerda zu Massenentlassungen und somit zu Zukunftsängsten, mit denen noch niemand gelernt hatte umzugehen. Das ließ die Ausländer schnell als potentielle Konkurrenten erscheinen. In dieser spannungsgeladenen Zeit kam es, provoziert von rechtsradikalen Skinheads, mehrfach zu lautstarken öffentlichen Auseinandersetzungen, die nach anfänglicher Überforderung der Verantwortlichen einen massiven Polizeieinsatz und eine enorm starke Medienpräsenz zur Folge hatten. Angeheizt durch die Berichterstattung reisten auswärtige Autonome und Rechtsradikale an, deren Konflikte bald der Mittelpunkt der Auseinandersetzungen wurde. Sie verbündeten sich im Kampf gegen die Polizei und wurden dabei von der Bevölkerung unterstützt. Die Ausländer wurden in der Zwischenzeit auf andere Asylheime in Sachsen verteilt. Insgesamt kam es bei den Ausschreitungen zu 40 zumeist Leichtverletzten. Ganz genau kann sich jeder informieren im Artikel von Detlef Pollack über „Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda“, erschienen in Heft 3 der Berliner Debatte Initial 16 (2005).

Das Stigma, mit welchem die Bürger von Hoyerswerda seitdem leben müssen, stärkt wiederum das Selbstbewusstsein einer rechten Szene, die seit damals glaubt, in Hoyerswerda willkommen zu sein. In den Jahren danach wurden von öffentlichen Einrichtungen und der Stadtverwaltung zahlreiche Maßnahmen und Veranstaltungen zur Aufklärung über den Rechtsradikalismus durchgeführt. Dennoch glauben immer wieder auswärtige rechte Gruppen, Hoyerswerda als Aufmarschplatz benutzen zu können. Ein erschreckender Höhepunkt war die Demonstration am 30. September 2006 aus Anlass des 15. Jahrestages der ausländerfeindlichen Übergriffe.

Für viele Bürger war das zuviel. Nach diesem Ereignis trafen sich engagierte Mitbürger/innen sowie Vertreter von Institutionen und Vereinen, deren Ziel es ist, gemeinsam ein breites bürgerschaftliches Engagement aufzubauen. Es entstand die Initiative „Zivilcourage Hoyerswerda“, die zum größten Teil aus Multiplikatoren besteht. Diese treffen sich seither einmal im Monat zur Planung, Organisation oder Weiterbildung. Zu bestimmten Aktionen aktivieren die Initiatoren Mitstreiter aus ihrem Umfeld, es wird in der Presse geworben oder bestimmte Partner angesprochen. Ziel soll ein aktives, schnell reagierendes Netzwerk sein, das auch bei kurzfristigen Aktionen unkompliziert organisiert werden kann.

Was bis jetzt getan wurde: Es wurde in allen Presseshops in Hoyerswerda nach ausliegender rechter Presse recherchiert und eine Liste über das Angebot erstellt. Außerdem wurden Gespräche mit den Inhabern der Shops geführt. Das führte allerdings nicht zum Abschaffen dieser Angebote, da es sich nicht um verbotene Lektüre handelt. Im Frühjahr 2009 wurden während eines „Frühjahrsputzes“ Gebäudefassaden von rechten Schmierereien befreit. In Zusammenarbeit mit den Versorgungsbetrieben gelang es, dass Schulen Patenschaften für bestimmte Objekte übernahmen. So wurde ein großflächiger Schandfleck an einer Bootshalle durch einen Künstler gestaltet und der Lindenschule zur weiteren Bemalung und Betreuung übergeben.

Im Martin-Luther-King-Haus, im Soziokulturellen Zentrum sowie im Lessing-Gymnasium wurde die Wanderausstellung „Vorurteile machen blind“ vom Weiterdenken e.V gezeigt. Diese wurde durch zahlreiche Workshops zu Themen wie Rassismus und Antisemitismus begleitet. Im Soziokulturellen Zentrum wurde außerdem das Theaterstück „UnterMenschen“, ein Stück von und mit Jugendlichen zum Thema Ausländerfeindlichkeit, aufgeführt. Mehrmals lief in Zusammenarbeit mit dem blow-up-Kino der Kulturfabrik der Film „Roots Germania“, in dem die Regisseurin Mo Asumang nach ihrer Identität als schwarze Deutsche forscht.

Als am 1. Mai 2010 wieder einmal Rechtsextremisten durch Hoyerswerda marschierten, wurde eine „Ausputz“-Aktion initiiert. Mit Besen und Mülltonne „bewaffnet“, wurden die Straßen symbolisch vom braunen Dreck gesäubert. Entlang der Strecke hingen Plakate von Schülern aus fast allen Schulen der Stadt. Gegen diesen Aufmarsch wurden außerdem publikumswirksam Unterschriften gesammelt, was fast von der gesamten Stadtpolitik unterstützt wurde. Der Höhepunkt der zweiten Jahreshälfte 2010 wird die Interkulturelle Woche bilden, welche erstmals kreisweit stattfindet. In diesem Rahmen werden verschiedene Vereine und Institutionen Veranstaltungen zum Thema „Zusammenleben mit Ausländern und Migranten“ anbieten. Auch die Initiative Zivilcourage wird sich beteiligen. So ist u.a. eine Podiumsdiskussion geplant, in der sich die Gesprächsteilnehmer mit den zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten des Protests gegen rechtsextremistische Aufmärsche in unserer Stadt beschäftigen werden. Gemeinsam mit den Regionalen Arbeitsstellen Hoyerswerda (RAA) und der Kulturfabrik und in Zusammenarbeit mit den Schulen der Stadt wird zudem ein Kreativwettbewerb zur Auseinandersetzung mit den Geschehnissen im Herbst 1991 ausgerufen. In 2011 werden sich diese Ereignisse zum 20sten Mal jähren. Es ist wichtig, dass sich die Bürger der Stadt in diesem Zuge intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen – nicht nur, weil Rechtsextremisten auch diesen „Jahrestag“ nutzen werden, um ihre Botschaften zu verbreiten.



 

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