15.06.2010

Projekt DutzendRot – Eine Biographie für Käte Strobel

Foto: Schüler im Archiv in Bonn
Foto: Schüler im Archiv in Bonn
Von Gerda Reuß (Projekt DutzendRot)

Die Idee zum Projekt DutzendRot entstand, als ich feststellte, dass es über die einzige Ehrenbürgerin der Stadt Nürnberg – Käte Strobel – keine Biographie gibt. Ich erzählte zwölf Hauptschülern einer Arbeitsgemeinschaft davon. Sie waren gleich begeistert und äußerten den Wunsch, ein Buch über Käthe Strobel zu schreiben, das vor allem Jugendliche zum Lesen anspornen sollte. Dazu mussten sich die Jugendlichen auf eine Zeitreise begeben, die im Kaiserreich begann – Käthe Strobel lebte von 1907 bis 1996.

Die Jugendlichen besuchten das Geburtshaus Strobels und recherchierten viele Male in verschiedenen Archiven der Stadt Nürnberg, um sich das Leben zu dieser Zeit vorstellen zu können. Sie nahmen Kontakt zur Tochter Käte Strobels auf, interviewten sie wiederholt und bekamen von ihr eine Vielzahl von historischen Dokumenten und Fotos, die sie auswerteten. Nach diesen ausgiebigen Recherchen wurden die Jugendlichen als Ehrengäste zur Feier anlässlich Strobels 100. Geburtstag eingeladen und trafen dort auf viele weitere Zeitzeugen, die sich gerne für Interviews zur Verfügung stellten. Dies waren unter anderem der Oberbürgermeister von Nürnberg Dr. Ulrich Maly, Strobels Großneffe, die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt, Adolf Hamburger, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und Willy Prölß, der Alt-Bürgermeister der Stadt Nürnberg. Die Jugendlichen waren richtig stolz mit so vielen Persönlichkeiten zusammenzutreffen. Dadurch wurden sie auch motiviert, noch mehr Termine in ihrer Freizeit und den Schulferien für ihre Arbeit einzuplanen.

Als die Jugendlichen erfuhren, dass im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn ganze 10,6 Meter Material über Käte Strobel lagern, wollten sie unbedingt dorthin fahren. Da sich aber fast niemand eine Reise nach Bonn leisten konnte, mussten sie sich um die Finanzierung bemühen. Es gelang ihnen, Sponsoren bei der SPD zu finden, die die Reisekosten schließlich übernahmen. In Bonn arbeiteten die jungen Erwachsenen vier Tage lang im Archiv, wo sie Kartons voll mit Fotos und unzählige Dokumente auswerteten. Dabei mussten sie auch immer die Entscheidung treffen, welche Details junge Menschen besonders ansprechen würden und ins Buch übernommen werden sollten. Nach der Rückkehr hatten die Jugendlichen 400 Seiten Material aus Bonn mitgebracht, die bearbeitet werden wollten. Sie wurden immer mutiger und nahmen mit ihrem Anliegen sogar Kontakt zu Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Dr. Hans-Jochen Vogel auf, von denen sie weitere Informationen erhielten. Aus den vielen tausend Puzzleteilchen setzte sich langsam die komplette Lebensgeschichte Käte Strobels zusammen.

Nach zweieinhalb Jahren war das Buch mit 190 Seiten und vielen Fotos fertig. Jetzt mussten sich die Jugendlichen um den Druck kümmern. Sie konnten den Verleger der „Nürnberger Nachrichten“ gewinnen und in einem gemeinsamen Projekt mit den Auszubildenden der Zeitung das Buch zur Druckreife bringen. Als sie beim ersten Andruck dabei sein durften, begriffen sie, was sie geleistet hatten: Zwölf Jugendliche aus acht Nationen hatten gemeinsam durchgehalten und zweieinhalb Jahre lang an der Biographie einer deutschen Politikerin gearbeitet.

Zur öffentlichen Buchpräsentation gelang es ihnen, 140 Personen einzuladen und ihnen in einer sehr emotionalen Rede ihre Arbeit vorzustellen. Hier ein Auszug:

„Uns ist Käte - wie wir sie vertraut nennen - seit drei Jahren sehr ans Herz gewachsen. Wir haben mit ihr ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre erste große Liebe, ihr Erwachsensein, politische Ereignisse, die lustigen, aber auch traurigen Erlebnisse und den Tod miterlebt. Wir beneiden sie für das Durchhaltevermögen, durch das sie nicht nur im privaten, sondern auch im politischen Leben viel erreicht hat.

Wir sind davon fasziniert, wie sie die Familie gemanagt hat und noch dazu sehr erfolgreich im politischen Berufsleben war. Sie hat so viel erreicht, deswegen hat sie uns den Glauben gegeben, dass man auch ohne Abitur und Studium seine Ziele verfolgen kann. Käte war ein ganz besonderer Mensch. Viele wissen leider nicht, wer sie war und wie sehr sie noch immer anwesend ist. Aus diesem Grund schrieben wir dieses Buch um Jugendlichen und natürlich auch Erwachsenen zu zeigen, was diese Nürnbergerin erreicht und geschaffen hat.
Käte ist für uns eine sehr gute Freundin geworden.“

Durch dieses Buch über den Mensch Käte Strobel entwickelten sich die Jugendlichen zu politisch interessierten jungen Menschen. Diejenigen von ihnen mit deutscher Staatsangehörigkeit werden nicht zu der Gruppe der Nichtwähler gehören, die Migranten unter ihnen werden dafür einstehen, ebenfalls das Wahlrecht zu erhalten. Durch ihren Erfolg sahen sie, dass man es auch ohne höhere Schulbildung weit bringen kann – wichtig für das Selbstbewusstsein der Jugendlichen. Käte Strobel hatte auch Vorbildwirkung zum Thema Gleichberechtigung: Bei den Mädchen wurde sie gefestigt und bei den Jungen neu definiert.
Durch die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte reflektierten beide kritisch die politische Situation ihrer Herkunftsländer und wissen nun um den Wert der Demokratie und des Gedankens eines freien, vereinten Europas.



 

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