"Schulen müssten Erfahrungsräume für demokratisches Handeln sein oder sie sollten es werden"

JuKo-Workshopleiterin Elke Urban berichtet im Interview, warum es wichtig ist, nicht immer nur Mitläufer/-in zu sein

Elke Urban, 1950 in Altenburg geboren und aufgewachsen, studierte in der ehemaligen DDR Musikerziehung und Französisch auf Lehramt. Nach fünfjähriger Tätigkeit als Lehrerin, widmete sie sich ihrer Familie und der Erziehung ihrer fünf Kinder. Sie beteiligte sich an den Montagsdemonstrationen in Leipzig, um sich für eine vielfältige Bildungslandschaft einzusetzen. Nach dem Zusammenbruch der DDR war Elke Urban vor allem als Schulgründerin aktiv und erhielt dafür 1995 das Bundesverdienstkreuz. Von 2000 - 2015 war sie Museumsleiterin im Leipziger Schulmuseum. Schon seit mehreren Jahren engagiert sie sich auf dem Jugendkongress als Workshopleiterin zum Thema „Wer in der Demokratie einschläft, wacht in der Diktatur auf“.

Schulstunde in der DDR (Foto: Schulmuseum Leipzig, Fotoarchiv)Schulstunde in der DDR (Foto: Schulmuseum Leipzig, Fotoarchiv)

Frau Urban, Sie werden auch dieses Jahr auf dem BfDT-Jugendkongress einen Workshop leiten und eine Schulstunde in der DDR nachspielen. Wie kann man sich eine solche Schulstunde vorstellen?

Wir versetzen uns zurück in das Jahr 1985 und spielen eine Heimatkundestunde für die 3. Klasse, so wie sie damals in den Unterrichtshilfen für die Lehrer/-innen empfohlen wurde. Die Teilnehmenden verwandeln sich in Junge Pioniere der DDR mit blauen Halstüchern und heißen Peggy, Jacqueline, Torsten oder Ronny. Ein Freiwilliger bekommt kein Halstuch und spielt den Christian. Eine Teilnehmerin spielt den Ordnungsdienst und muss zu Beginn der Stunde melden. Der Nichtpionier kann von der Lehrerin übersehen und gemobbt werden, wenn die Gruppe nichts dagegen unternimmt. Deshalb besteht die einzige Aufgabe bei diesem Workshop darin, der Lehrerin zu widersprechen.


Was sollen die Jugendlichen aus diesem Workshop mitnehmen?

Sie sollen sich bewusst machen, dass sie eigentlich Mitläufer sind und in der Regel viel zu lange warten, bevor sie sich einmischen und Zivilcourage zeigen. Dazu ist dieses Rollenspiel eine gute Übung.

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, jungen Menschen Geschichte auf unterschiedliche Weise näher zu bringen?

Wenn Geschichte so unter die Haut geht wie in dieser Stunde, können junge Menschen dazu angeregt werden, über Mechanismen in Diktaturen nachzudenken. Heute selbstverständlich erscheinende demokratische Rechte sind dann nicht mehr vorhanden und können auch nicht mehr eingefordert werden.

Sie sind selbst in der DDR aufgewachsen und haben an den Montagsdemonstrationen in Leipzig teilgenommen. Warum haben Sie demonstriert? Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie auf Ihre Pappschilder geschrieben haben?

Ich bin zu den Montagsdemonstrationen gegangen, weil ich das Ende der DDR wollte. Zuerst habe ich auf Bettlaken geschrieben, was ich von der SED halte. Ab November 1989 stand auf meinem Pappschild dann: „Wir wollen freie Schulen“. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, was das ist.

Denken Sie, dass es Jugendlichen heute an rebellischem Willen mangelt? Wie kann man junge Menschen dazu ermutigen, sich lautstark für Gerechtigkeit einzusetzen?

Das muss gar nicht laut sein. Wenn Jugendliche weiterhin von ihren Eltern und Lehrer/-innen hören: „Widersprich nicht, dann geht es dir gut!“ und in den Schulen nur die Angepassten belohnt werden, kann sich Zivilcourage nicht entwickeln. Aber ich kenne junge Menschen, die sehr mutig sind und ihre Ziele auch dann weiter verfolgen, wenn es unbequem wird. Davon lebt die Demokratie – oder sie stirbt.

Was können – und sollten – Schulen dazu beitragen?

Schulen müssten Erfahrungsräume für demokratisches Handeln sein oder sie sollten es werden. Die Kinderrechte spielen bei der Mitsprache eine große Rolle. Solche guten Schulen gibt es auch in Deutschland, von denen man all das lernen kann.


 

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