13.12.2010

Räume durch Erleben entwerfen: Baukunst-Aktionen mit Lehm von Bunte Kuh e.V.

Bauspaß in Potsdam (Bunte Kuh e.V.)Bauspaß in Potsdam (Bunte Kuh e.V.)
Bunte Kuh e.V.
Bunte Kuh e.V.
Von Karen Derksen (Bunte Kuh e.V., PR und Öffentlichkeitsarbeit)

Bunte Kuh e.V. möchte mit seinem Angebot kultureller Bildung im Bereich Architektur/künstlerisches Gestalten vorrangig Kinder und Jugendliche aus benachteiligten, bildungsfernen Schichten und Migranten erreichen. Unsere niedrigschwelligen, attraktiven Mitmach-Aktionen veranstalten wir an zentralen öffentlichen Plätzen, immer kostenlos und für alle Besucher frei zugänglich. Als regelmäßigen kreativen Impuls führen wir unter anderem das Projekt „Lehm-Baukunst“ über mehrere Jahre in sozialen Brennpunkten durch.

Nepomuk Derksen ist der Initiator des 1985 in Hamburg gegründeten, gemeinnützigen Vereins Bunte Kuh e.V. Er stammt aus einem engagierten Pädagogenelternhaus. Nach dem Abitur reiste er durch den Vorderen Orient, wo er erste Bekanntschaft mit der Schönheit von Lehmhäusern machte. In Berlin und Hamburg studierte er dann Kunst und Architektur. Aus der Verbindung der drei Disziplinen Pädagogik, Kunst und Architektur entwickelte er unser heutiges Lehm-Baukunst-Projekt.

Damit das Projekt stattfinden konnte, mussten zunächst Unterstützer gewonnen, ein Zelt und eine Lehmmaschine entworfen und gebaut werden, Anleiter/innen ausgebildet und ein Netzwerk mit den Bildungsinstitutionen und Stadtteileinrichtungen vor Ort geknüpft werden. In 15 Jahren fanden über 30 Lehmbau-Aktionen statt, z.B. in Berlin, Potsdam, Schwerin oder Bremen. Seit fünf Jahren liegt der Schwerpunkt in sozial benachteiligten Stadtteilen Hamburgs. Die Lehmbau-Aktionen erfreuen sich einer riesigen Nachfrage: Pro Aktion nehmen ca. 3500 Besucher teil. Dabei begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und bauen gemeinsam und nach eigenen Entwürfen aus Lehm begehbare Räume und Skulpturen bis zu drei Meter Höhe. Ein nach allen Seiten offenes Zelt macht die Aktion unabhängig von Wetterbedingungen. Die Begeisterung auf der Baustelle steckt uns jedes Jahr aufs Neue an und wir freuen uns über die abwechslungsreiche Arbeit von und mit den unterschiedlichen Menschen des Quartiers.

Die Kinder und Jugendlichen bauen Hand in Hand mit ihren Eltern und Nachbarn, mit Menschen unterschiedlicher Ethnien, mit geistig- und körperlich Behinderten, mit Künstlern, Pädagogen und fachlicher Betreuung innerhalb von zwei Wochen das Modell einer neuen Stadtlandschaft: Labyrinthe, Höhlen, 1001 Kuppeln und von Drachen bewachte Tore – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Sie wählen dann mit unserem Team aus vier bis sechs Künstlern, Architekten und Pädagogen einige ihrer Modelle aus, die dann von allen zusammen in Groß nachgebaut werden. Am letzten Bautag feiern wir alle zusammen ein Abschlussfest mit internationalen Speisen aus dem Lehmofen. In der folgenden Ausstellungswoche testen die Kinder ihren selbst gebauten Spielplatz. Sie nehmen ihre Modelle, die während der Bautage eine imposante Ausstellung ihres Ideenreichtums bilden, mit nach Hause. Am Schluss tragen wir die großen Bauten ab. Der Lehm wird für das nächste Bauabenteuer wieder verwendet.

Bei den sinnlichen, Integration fördernder Bauprozessen, entfaltet der Baustoff Lehm seine faszinierende ’soziale und kulturelle Klebekraft’: Es gibt auf der Lehm-Baustelle frei wechselbare Beteiligungsangebote. Jeder kann sich mit seinen Fähigkeiten einbringen und findet seinen Platz im gemeinsamen kreativen Prozess. Einige Kinder bauen Modelle an Tischen, andere klopfen faustgroße Lehmklumpen auf Mauern fest und bauen so die Bauwerke in die Höhe oder verzieren sie. Die Perspektive, große Bauwerke in realen Architekturdimensionen erstellen zu können, verführt dabei zur Zusammenarbeit, auch mit Fremden. So ist neben der Entwicklung motorischer Fähigkeiten und eigener Gestaltungskompetenz die Überwindung von kulturellen und sozialen Grenzen eine wichtige Erfahrung beim Lehmbauen. Indem Kinder und Jugendliche in großem Maßstab fantasievolle Architektur planen und bauen, werden sie über die gemeinsame Umsetzung ihrer Bauideen zur Mitverantwortung für die Gestaltung ihrer Umwelt ermutigt. Durch Partizipationserfahrungen üben sie schon früh spielerisch grundlegende demokratische Hand-lungskompetenzen ein. Der Wert gemeinsamer Arbeit ist wörtlich mit den Händen zu greifen: Die Baustelle ist eine ‚Stolzproduktionsanlage’; von individuellem Stolz und von Stolz auf das in der heterogenen Gruppe gemeinsam Geschaffene. Es ist die Vision von Nepomuk Derksen, diese Lehmbau-Methode in die Erzieher- und Lehrer-Ausbildung zu integrieren, denn das Bauen mit Lehm öffnet dem ganzheitlichen Lernen neue Wege.

Wir erreichen die Kinder und Jugendlichen sowohl über die kooperierenden Schulen, Kitas, Elternschulen, Jugendhäuser, Migranten- und Behinderteneinrichtungen aus dem Stadtteil; sie kommen in ihrer Freizeit mit Eltern, Großeltern und Freunden auf „ihre“ Baustelle. Bunte Kuh e.V. baut das Netzwerk von periodisch bespielten Lehm-Aktionsplätzen kontinuierlich aus. So können die Lehm-Baukunst-Aktionen als reisender Wanderzirkus immer aufs Neue eine Vorstellung davon geben, dass es möglich ist, Kindern die Veränderbarkeit der Welt begreifbar zu machen, indem sie – im haptischen wie im ideellen Sinne – neue Räume entwerfen.

Kontakt und weitere Informationen:
Karen Derksen
Öffentlichkeitsarbeit
Bunte Kuh e.V.
Interner Linkwww.buntekuh-hamburg.de



 

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